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Transatlantisches Coaching-Projekt: Ist Coaching über Kulturen hinweg möglich?

Der international tätige Coach Frank Bresser hat ein außergewöhnliches Projekt ins Leben gerufen: Während des Zeitraums vom 29. März bis 19. Juni 2005 coachen 19 europäische Coaches 19 Studenten des Studiengangs 'Leadership' an der Rice University in Houston/USA per Telefon. Im Gespräch mit Training aktuell schildert Bresser, was ihn zur Initiierung des transatlantischen Projekts bewegt hat, wie das Studenten-Coaching abläuft und welche Schlüsse zum jetzigen Zeitpunkt bereits gezogen werden können.

Herr Bresser, dass europäische Coaches amerikanische Studenten per Telefon coachen, ist sehr ungewöhnlich. Welche Idee steckt hinter Ihrem Projekt?

Frank Bresser: Die Welt rückt zusammen. Von daher ist es nicht nur nahe liegend, sondern auch mehr als konsequent, dass Coaching dieser Entwicklung Rechnung trägt und globale Lösungen zur Verfügung stellt. Kontinentübergreifende Coaching-Lösungen sind eine ganz selbstverständliche Entwicklung, die - und davon gehe ich aus - in Zukunft zunehmend mehr eingesetzt werden. Dass weltweit angelegte Coaching-Modelle für talentierte Nachwuchskräfte außergewöhnliches Potenzial besitzen, liegt meiner Meinung nach auf der Hand: Diese Spitzenkräfte von morgen können ihre globale Coachingerfahrung noch während ihrer Ausbildungszeit in ihr weiteres Wirken integrieren.

Welchen konkreten Nutzen ziehen die Studenten aus dem Coaching?

F. Bresser: Indem die Studenten von europäischen Coaches gecoacht werden, werden sie nicht nur für ihre individuellen, sondern auch für kulturelle Eigenheiten sensibilisiert. Sie nehmen einen anderen Blickwinkel ein, und ihr Horizont weitet sich. Von Beginn an wurde das Coaching von den Studenten in diesem Sinne als sehr anregend empfunden. Alleine die Tatsache, mit einem Menschen aus Europa zu telefonieren, wirkt für viele schon inspirierend. Welchen konkreten Nutzen die Studenten letztlich ziehen, richtet sich nach den Zielen jedes einzelnen.

Zu welchen Fragen werden die Studenten gecoacht, und wie läuft das Coaching generell ab?

F. Bresser: Grundsätzlich sind keine Themen oder Coachingmethoden vorgegeben. D.h., der Coachee bestimmt das Thema, an dem er arbeiten möchte, und der Coach hat die Freiheit, eigenverantwortlich die Arbeitsweise zu wählen, mit der er die besten Ergebnisse erzielt. Zum Ablauf: Jeder Coachee verfügt über ein Coaching-Zeitbudget von maximal zwölf Stunden innerhalb der drei Monate. Dieses Budget kann er frei einteilen: Die Sitzungen können regelmäßig oder unregelmäßig stattfinden, die Coachingsession kann eine, zwei oder mehr Stunden haben usw. Dabei ist es immer am Coachee, sich beim Coach zu melden - das gilt für die Terminvereinbarung wie auch für das Coaching selbst.

Wie erfolgte die Auswahl der Coaches, die am transatlantischen Projekt beteiligt sind?

F. Bresser: Alle Coaches, die am Projekt teilnehmen, sind qualifizierte AC-Coaches, d.h. sie sind Mitglied des internationalen Coaching-Berufsverbandes 'Association for Coaching', der an bestimmte Berufsgrundsätze gebunden ist. Des Weiteren unterlag die Auswahl folgenden Kriterien: allgemeine Qualifikationen als Coach, Erfahrungen mit Talenten/High Potentials, Leadership-Erfahrung, interkulturelle Erfahrung, Gesamteindruck. Nach diesen Kriterien wurden die besten 20 Coaches selektiert, und aus diesen 20 Beratern haben sich dann die Studenten wiederum ihre Coaches ausgewählt.

Das heißt, die Studenten konnten sich ihre Coaches selbst wählen?

F. Bresser: Genau, das Verfahren lief so ab, dass die Coaches kurze Lebensläufe abgegeben haben, die in einer Box im Büro der Universität aufbewahrt wurden, so dass sich die Studenten alle Lebensläufe anschauen konnten. Anhand dieser Informationen haben sie sich dann für den Coach entschieden, der ihnen am meisten zugesagt hat - ohne aber jemandem mitzuteilen, welchen Coach sie gewählt haben. Dies führt dazu, dass Vertraulichkeit gewahrt werden kann. Selbst ich weiß nicht, wer wen coacht.

Das Pilotprojekt ist ja Teil des von Ihnen geleiteten umfassenden Forschungsprojekts 'coaching research project 2005', in dem Sie untersuchen, wie Coaching effizient in Organisationen implementiert werden kann. Welche Fragen wollen Sie mit dem transatlantischen Pilotprojekt beantworten können?

F. Bresser: Ich denke, dieses Projekt berührt zahlreiche Fragen. Der Coach aus einem anderen Kontinent ist das Paradebeispiel für einen externen Coach. Von daher erhoffe ich mir neue Erkenntnisse darüber, wie effizient externe Coaches sind. Darüber hinaus knüpft das Projekt unmittelbar an die Fragen an 'Welche Auswirkungen hat eigentlich Kultur auf Coaching? Wie ist Coaching über Kulturen hinweg möglich? Und wie ist es rein technisch gesehen über weite Entfernungen möglich?'. Zudem interessant ist der Aspekt, dass Organisationen um ihre Leistungsfähigkeit zu erhöhen, nicht nur ihre eigenen Angestellten coachen können, sondern auch externe Personen wie Kunden, Geschäftspartner oder eben Studenten. Zusätzlich geht es um Fragen wie 'Wie kann Vertraulichkeit am besten gewährleistet werden?', 'Welcher Umfang an Informationen ist vorab erforderlich?', 'Welche Grundbedingungen sind nötig?' etc. Und schließlich werden wir versuchen, die Frage zu beantworten, wie wirksam Telefoncoaching ist - in der Kommunikation zwischen Coachee und Coach sowie in technischer Hinsicht. Da die Telefongespräche wahlweise über klassische Telefonleitungen oder über Internet laufen, gehen im übrigen auch die Vor- und Nachteile von Internettelefonie und klassischem Telefonieren in die Auswertung ein.

Gibt es bereits erste Ergebnisse?

F. Bresser: Ich möchte zu diesem frühen Zeitpunkt eher von Beobachtungen sprechen. Vorweg: Die Idee ist sowohl bei den Coaches als auch bei den Coachees auf sehr großes Interesse gestoßen. Der Reiz eines Coachings durch einen Coach eines anderen Kontinents ist offenbar groß. Wir hatten ursprünglich geplant, acht Studenten zu coachen, aufgrund des hohen Interesses wurden es dann 19. Auch war es kein Problem, hoch qualifizierte Coaches für das Projekt zu gewinnen. Eine sehr spannende Beobachtung finde ich zudem, dass die Coachees bisher ganz offenbar weniger Wert auf Vertraulichkeit der Coachings legen als die Coaches oder als es das Projektkonzept selbst vorsieht. Ob die Gründe hierfür etwa das junge Alter der Studenten oder die oft beschriebene offene Art der Amerikaner oder ganz andere sind, das gilt es noch herauszufinden. Ein weiterer Aspekt ist die technische Seite: Telefonieren per Internet scheint sich aufgrund der besseren Qualität gegenüber klassischem Telefonieren durchzusetzen.

Bei erfolgreichem Abschluss planen Sie, das Projekt auf Universitäten und Unternehmen weltweit zu übertragen. Wie sieht Ihr Konzept aus?

F. Bresser: Auch hier gilt natürlich, dass zunächst alle Ergebnisse des Projekts abgewartet werden müssen. Ganz grundsätzlich sehe ich aber - wenn das Projekt bis zum Ende gut verläuft - ein riesiges Potenzial für ähnliche Projekte weltweit. Zentrale Säulen des Konzepts werden dann sicherlich die genaue Bedarfsklärung in jedem Einzelfall, umfangreiche Informationen und Transparenz zu allen Seiten, ein hoch qualifizierter Coach-Pool und kontinuierliche Evaluation sein. Ganz entscheidend ist aber, dass der erste Impuls, High Potentials coachen zu lassen, von der betreffenden Organisation selbst kommen muss. Nur so ist gewährleistet, dass die volle Unterstützung für das Projekt gegeben ist. Das Rice-University-Projekt versteht sich als Modell, von dem abgewichen werden kann und soll, wo es erforderlich ist. Es ist also als Ausgangspunkt zu verstehen, von dem weitere Projekte in Angriff genommen werden können. Und wie im Coaching selbst auch wird auch hier immer wieder ein neues Projektkonzept für jeden neuen Auftrag erforderlich sein.
Autor(en): (pwa)
Quelle: Training aktuell 05/05, Mai 2005
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