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'Tell Me More': Freier Dialog mit Hindernissen

Die neue Lernsoftware von Auralog verspricht authentische Dialoge und damit nicht weniger als die Neu-Erfindung des elektronischen Fremdsprachentrainings. Solch vollmundige Ankündigungen machen neugierig – aber auch misstrauisch. Ein Selbstversuch.

Das Angebot: Mit der Version 10 von 'Tell Me More' ist laut Hersteller ein Quantensprung im Bereich Fremdsprachentraining gelungen. Erstmals soll es möglich sein, ein frei formuliertes Gespräch mit dem PC zu führen.

Der TA-Check: Meine Erwartungen sind hoch, denn der Marktführer Auralog hat für seine Sprachlernsoftware zahlreiche Preise gewonnen, wie zum Beispiel den 'digita'. Auch das neueste Produkt, die 'Gold-Edition Englisch', verspricht viel. Doch schon beim Auspacken ärgere ich mich über den mageren Inhalt der großen Schachtel: eine DVD, ein klappriges Headset und eine zehnseitige Bedienungsanleitung. Die Installation der Software bereitet mir Schwierigkeiten. Zunächst fehlt an meinem PC der erforderliche Internet Explorer 7, dann die nötigen Administratorenrechte. Als es endlich klappt, muss ich mich mit dem Benutzerkonto rumschlagen. Den Namen 'Lernwilliger' akzeptiert das Programm nicht: 'Benutzername existiert bereits'. Vielleicht war der Name auch nur zu einfallslos.

Nach 20 Minuten geht es endlich los. Wie empfohlen, absolviere ich zunächst den Sprachtest, bevor ich eine der zehn Schwierigkeitsstufen wähle. Erstmals kommt Lernstimmung auf: Schriftlich und auditiv werde ich nach fehlenden Wörtern, Synonymen oder Flexionen gefragt. Für die 64 Testfragen brauche ich 25 Minuten. Mit gebührendem Stolz nehme ich mein Ergebnis zur Kenntnis und starte empfehlungsgemäß auf Lernstufe zehn.

Die erste Lektion ist ein After-Sales-Gespräch: Ein Kunde beschwert sich und ich muss aus je drei angebotenen Antworten wählen. Das Gespräch – eine Art Lernvideo mit Multiple-Choice-Elementen – kann dabei unterschiedliche Wendungen nehmen. So weit, so gut. Der angekündigte freie Dialog ist das aber noch nicht. Die Lerneinheiten – Konflikte ausstehen, interkulturelle Übungen, Besucher begrüßen – sind insgesamt recht aufwändig und gut gemacht, aber oft auf Situationen beschränkt, die mich nicht sehr ansprechen. Gut finde ich, dass ich zu jedem Begriff innerhalb der Aufgaben Sprechübungen machen kann, deren Ergebnisse grafisch dargestellt werden. Ich habe Aussprache-Stufe 'leicht' gewählt: Die Balken und Linien, die meine Aussprache darstellen, haben kaum Ähnlichkeit mit dem Referenzbeispiel, aber ich bestehe die Aufgaben anstandslos. Jetzt will ich es wissen: Ich schalte auf 'schwer' und suche das virtuelle Gespräch: Es handelt sich um eine Vertriebsverhandlung. Ein einleitender Text erklärt mir minutiös, was ich sagen soll: einen mittleren Regalplatz verlangen und vier Prozent Rabatt geben. Unter einem freien Dialog habe ich mir etwas anderes vorgestellt. Als das Gespräch beginnt, bin ich zunächst unfreiwillig unfreundlich, weil ich unter Missachtung geschäftlicher Sitten Dinge sage wie: 'Hi' und 'no'. Mein Gesprächspartner ist ungerührt, bietet mir aber partout nur einen miesen Regalplatz an. Auf mein Angebot, ihm preislich entgegen zu kommen, reagiert er stoisch mit 'Can you repeat that again?'. Zugegeben: Ich habe wenig Geduld, wenn Technik nicht tut, was sie soll. Als mich mein virtueller Ansprechpartner auch nach dem elften Mal nicht verstehen will, reicht es mir, ich schalte aus.
 
Der TA-Eindruck: Das Tool hat viel zu bieten: eine breite Palette von Übungen und Inhalten, aufwändige und überzeugende Videosequenzen, realitätsnahe Sprache. Dazu wartet es mit nützlichen Features wie einer detaillierten Auswertung der trainierten Sprachkompetenzen und einem abschließenden Zertifikatstest nach dem Europäischen Referenzrahmen auf. Technisch wirkt es aber zum Teil unfertig, es hakt hier und dort, manche Anwendungen stürzten im Test ab. Das sogenannte freie Gespräch finde ich – gemessen an den Ankündigungen – inhaltlich und vom Umfang her enttäuschend. Dennoch dürfte sich die DVD gut zum Lernen und vor allem zum Üben eignen.

TA-Fazit: Gute Lernsoftware mit kleinen Macken, aber kein Quantensprung.

Tell Me More. DVD, Auralog, Paris/Köln, 2009, ca. 149,95 Euro
Autor(en): (Sascha Reimann)
Quelle: Training aktuell 11/09, November 2009
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