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SIETAR Europa Congress 2005: Interkulturelle Trainer sollten sich nicht als Psychologen aufspielen

Zum nunmehr 15. Mal fand Ende September 2005 der europäische Kongress des internationalen Netzwerkes der Society for Intercultural Education Training and Research (SIETAR) statt. Die Veranstaltung im südfranzösischen La Colle sur Loup war ein Spiegel dessen, was die interkulturelle Trainerschaft derzeit bewegt: Gefragt ist vor allem Aufklärung über die Grenzen interkultureller Arbeit sowie über die Möglichkeiten virtueller Lernumgebungen im interkulturellen Bereich.

'Let’s practice what we preach!' Milton Bennett, Gründer des Intercultural Development Research Institute in Oregon, nutzte den 15. europäischen SIETAR-Kongress Ende September 2005 für einen eindringlichen Appell. Seine Botschaft an die Teilnehmer seines Workshops auf der Veranstaltung, zu der rund 400 interkulturellen Trainer und Coaches aus aller Welt gereist waren: Besinnt Euch bei der interkulturellen Arbeit auf das interkulturelle Forschungsfeld samt seiner Theorien - und vermischt den interkulturellen Bereich nicht mit anderen wissenschaftlichen Ansätzen.

Der Experte für interkulturelle Kommunikation mokierte insbesondere, dass viele interkulturelle Trainer und Coaches sich als Psychologen aufspielen: Sie würden dazu tendieren, die Verhaltensweisen ihrer Klienten psychologisch zu erklären, wenn interkulturelle Modelle nicht sofort greifen. Da sich viele Trainer im Laufe der Jahre in der Regel u.a. auch psychologisch weiterbilden, erfolge dies mehr oder weniger unbewusst.

'Die Trainer suchen nach Faktoren, die Auskunft über die Persönlichkeit eines Menschen über die Kulturen hinweg geben', erklärte Bennett - und warnte eindringlich vor dieser Vorgehensweise. Schließlich gehe es in interkulturellen Trainings nicht um die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer, sondern darum, die interkulturelle Sensibilität eines Menschen zu stärken.

Damit verbunden sei die Frage im Training, wie es dazu kommt, dass Menschen verschiedener Kulturen die Fähigkeiten ihres Gegenübers unterschiedlich wahrnehmen und einordnen. Im zweiten Schritt müsse dann der richtige Ansatz zu Konfliktlösungen, Mediation und zielgruppengerechtem Training gefunden werden. Um hier erfolgreich zu sein, müssen Trainer laut Bennett vor allem fest in ihren eigenen 'interkulturellen Schuhen' stehen.

Das eigene kulturelle Profil erkennen

Aufschluss über das eigene kulturelle Profil gab der Workshop von Richard Lewis. Der Experte für interkulturelle Kommunikation, der mit seinem interkulturellen Trainings- und Beratungsinstitut Richard Lewis Communications in über 30 Ländern mit Niederlassungen vertreten ist, legte den Anwesenden ein Formular vor. Auf diesem waren die von Lewis entwickelten Kulturkategorien 'multiaktiv', 'linear-aktiv' und 'reaktiv' gelistet. Jeder Kategorie waren jeweils 15 für Geschäftsbeziehungen relevante Verhaltensweisen zugeordnet.

So war ersichtlich, dass Linear-Aktive sich z.B. strikt an Fakten halten, einen Schritt nach dem anderen planen, dabei stets höflich, aber trotzdem direkt und nicht immer geduldig sind. Für Multiaktive zählen Gefühle mehr als Fakten, sie planen grob, sind eher emotional und ungeduldig. Reaktive indes warten immer erst ab, was der Geschäftspartner vorschlägt, sind dabei höflich und geduldig. Ihre Meinung sagen sie nie direkt, zudem ignorieren sie Fakten und machen oft Versprechungen, die sie nicht immer einhalten.

Für die Mehrzahl in dem Workshop vertretenen deutschen Teilnehmer war schnell klar, dass sie zu den linear-aktiven Menschen zählen. Psychologische Erklärungen waren nicht vonnöten, die Tatsachen sprachen für sich.

Spät, aber sicher: E-Learning erobert interkulturelle Trainings

Dass im Bereich interkultureller Trainings - im Vergleich zu anderen Trainingsbereichen mit erheblicher Verspätung - virtuelle Konzepte auf dem Vormarsch sind, bewies der Workshop des britischen E-Learning-Spezialisten Richard Farkas. Die Motivation der Teilnehmer, die den Workshop mit dem Titel 'online & offline - blended learning for intercultural trainers and learners' besuchten, war ein- und dieselbe: Sie wollten sich aufgrund des allgemein spürbaren Sparkurses auftraggebender Unternehmen für virtuelles Training im interkulturellen Bereich fit machen.

Farkas rechnete vor, dass bei einem Training mit einer 50 bis 60 Mitarbeiter umfassenden Gruppe gegenüber Face-to-Face-Trainings bis zu 80 Prozent der Kosten eingespart werden können - von der Zeitersparnis ganz zu schweigen. Dass der Mythos vom E-Learning - jeder kann mitmachen, zu jeder Zeit, an jedem Ort - dennoch erheblich bröckelt, wurde ebenfalls in dem Workshop deutlich. So waren die Teilnehmer sich einig, dass ein interkulturelles E-Learning-Konzept und dessen konsequente Durchführung nur erfolgreich sein können, wenn sich Trainer und Trainee(s) mindestens ein Mal persönlich treffen und wenn sie sich beim weiteren Verlauf des Trainings zu festen Zeiten - unter Berücksichtigung von Zeitzonen - virtuell verabreden.

Der Markt interkultureller Trainings wird intransparent

Thema nicht nur in den Workshops, sondern vor allem auch in den zahlreichen Diskussionsrunden am Rande des Kongresses, war die zunehmende Intransparenz des interkulturellen Trainingsmarktes. Da immer mehr Berater, Relocationfirmen und Sprachtrainer interkulturelle Trainings anbieten, wird der Ruf laut, eine klare Abgrenzung des Berufsstandes interkultureller Trainer und Coaches zu den 'Laien' in diesem Feld zu schaffen. Der Vorschlag von Milton Bennett, dies beim nächsten SIETAR Europa Congress im Frühjahr 2007 in Sophia offiziell zum Thema zu machen, wurde dankbar angenommen. 'Da spricht er uns aus der Seele', kommentierte eine Teilnehmerin.
Autor(en): (Stéphanie Stephan)
Quelle: Training aktuell 11/05, November 2005
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