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Rezension: Vertrauen führt

Er wettert gegen Bonussysteme und Incentives, gegen Zielvereinbarungen, gegen Coaching und gegen Teams: Reinhard K. Sprenger ist dafür bekannt, dass er fast alles verdammt, was Personalentwickler gutheißen. Doch während der populäre Managementberater in seinen bisherigen Büchern schonungslos mit ehernen Prinzipien der Mitarbeiterführung und -förderung aufräumt, kommt er in seinem neuen Buch erstaunlich leise daher: Sprenger verurteilt keine gängigen Thesen, er stellt selbst eine These auf - eine ungewöhnliche These, die sich in Frage stellen lässt. Sie lautet schlicht wie der Buchtitel: 'Vertrauen führt.'
Ausgerechnet in Zeiten, in denen Unternehmen wie Enron, Sunbeam und WorldCom durch Bilanzskandale auf sich aufmerksam machen, in denen Mitarbeiter und Aktionäre vom Glauben abfallen, schlägt Sprenger eine Bresche für den alten, verlorenen Wert des Vertrauens. 'Vertrauen fehlt allenorts. Umso mehr wird überall von Vertrauen geredet, wird Vertrauen beschworen und eingefordert', meint der Autor. Kaum einer wisse jedoch, was Vertrauen wirklich bedeute.
Nicht zuletzt deshalb nimmt Sprenger sich des Themas besonders eingehend an. Streckenweise beleuchtet er den Vertrauens-Begriff fast wissenschaftlich-philosophisch. Durchgehend betrachtet er ihn ohne Nostalgie und moralische Ambitionen. Statt dessen geht er das Thema rational an und versucht nachzuweisen, dass Vertrauen ein 'harter Faktor' ist, der wirtschaftlichen Nutzen bringt.
Die Gründe, warum kein Unternehmen zukünftig bestehen kann, ohne seinen Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten zu vertrauen, liegen laut Sprenger auf der Hand: Vertrauen ermöglicht flexible Organisationen und virtuelle Arbeitsformen. Es unterstützt den Faktor Geschwindigkeit, der für Innovationen, Produktion und Logistik immer wichtiger wird. Und Vertrauen motiviert und bindet Mitarbeiter. Der Autor ist überzeugt: 'Vertrauen ist die Basis von Führung.'
Mit dieser Aussage bringt der Managementberater die Gedanken seiner früheren Bücher auf einen Nenner: Im Begriff des Vertrauens konzentriert Sprenger all das, was für ihn die Essenz moderner Führung ausmacht - das Schaffen von Freiräumen für die Mitarbeiter, die Übertragung von Verantwortung, die Abgabe von Macht. Ohne Vertrauen seien diese Dinge nicht zu bewerkstelligen.
Wie aber gelingt es, Vertrauen entgegenzubringen? Sprengers Antwort ist zugleich Plädoyer für eine moderne Vertrauensdefinition: 'Vertrauen muss nicht verdient werden. Es ist nicht bloß das indirekte Ergebnis einer langfristigen, bewährten Beziehung. Es lässt sich direkt, aktiv und schnell herbeiführen: durch die explizit vollzogene Entscheidung, Vertrauen zu schenken.' Mit anderen Worten: Führungskräfte müssen sich ein Herz fassen.

Fazit: Ein Buch, das nachdenklich stimmt.

Von Reinhard K. Sprenger, 192 S., geb., Campus Verlag, Frankfurt/New York 2002, ISBN 3-593-37089-1, 24,90 Euro.
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Quelle: Training aktuell 10/02, Oktober 2002
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