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Rezension: Systemische Organisationsentwicklung und Beratung bei Veränderungsprozessen

Von Nino Tomaschek (Hrsg.), 286 S., geb., Carl-Auer, Heidelberg 2006, ISBN 3-89670-536-9, 32,50 Euro.

Konzepte und Grundlagen der systemischen Organisationsberatung will Nino Tomaschek in seinem neuen Buch 'Systemische Organisationsentwicklung und Beratung von Veränderungsprozessen' vermitteln. Dazu greift der Herausgeber sowohl auf seine eigene wissenschaftliche Expertise zurück - Tomaschek ist Leiter einer Forschungsplattform für systemische Organisationsentwicklung und Beratung an der Universität Augsburg - als auch auf Praxiswissen von erfahrenen Beratern, die er zu Wort kommen lässt.

Die einzelnen Artikel drehen sich zum einen um grundlegende Einordnungen wie der Entwicklung eines systemischen Verständnisses aus den Begriffen der Kybernetik. Zum anderen geht es um praktische Vorgehensweisen, zum Beispiel im Coaching oder bei Konflikten. Bei diesen 'Praxisschilderungen' kann ein Neuling schnell wesentliche Konzepte systemischer Beratung kennen lernen. Bekannte Autoren wie Roswita Königswieser, Martin Hillebrand oder Ruth Seliger betonen die Bedeutung einer systemischen Haltung als Berater, die auf Werten der humanistischen Sozialpsychologie basiert; zudem zeigen sie, wie mit Problemen im Coaching systemisch gearbeitet werden kann.

Einen ganz neuen Ansatz präsentiert Professor Dr. Peter Schettgen in seinem Beitrag. Er zeigt, wie Konflikte auf Basis der japanischen Kampfkunst Aikido angegangen werden können. Die zentrale Idee dabei ist, Konflikt oder Aggression als Energie aufzunehmen und ohne Angst um eigene Verletzung in eine konstruktive Richtung zu lenken.

Auch Sabine Lederle schlägt in ihrem Beitrag die Brücke zu fremden Kulturen, allerdings mit anderem Fokus. Unter der Überschrift 'Interkulturelle systemische Beratung' arbeitet sie überzeugend heraus, wie Konzepte der kulturvergleichenden Managementforschung, z.B. jener von Hofstede, im Rahmen eines eher systemischen Konzepts der Transkulturalität für den Beratungsprozess fruchtbar gemacht werden können.

Besonders interessant für systemische Berater ist der Artikel von Frank Boos, Barbara Heitger und Cornelia Hummer. Diese stellen eine eher mechanistische, expertenorientierte Managementberatung und ein humanistisch orientiertes Konzept der Organisationsentwicklung der systemischen Beratung gegenüber. Letzterer Ansatz wird am ehesten der Komplexität von Organisationen gerecht, so das Fazit der Betrachtungen. Gleichwohl brauchen systemische Berater nach Meinung der Autoren künftig eine größere Auswahl von Interventionstechniken, größere Fach- und Feldkenntnis sowie eine höhere Team- und Reflexionsfähigkeit.

Eine spannende Frage stellt Professor Dr. Oswald Neuberger: Inwieweit muss sich auch systemische Beratung in die Niederungen der organisationsinternen Mikropolitik begeben, um wirksam zu werden? Hängt der Erfolg von Beratung nicht doch mehr vom persönlich geschickten Taktieren im aktuellen Machtspiel ab als von der Suche nach Wahrheit im offenen Austausch von Sichtweisen? Sein luzider und amüsanter wie fundierter Beitrag stellt einen positiven Kontrapunkt zu einigen anderen Artikeln des Bandes dar, die idealistisch und etwas abgehoben daherkommen.

Fazit: Das Buch liefert in methodischer wie konzeptioneller Hinsicht viele interessante Anregungen, die auch einiges Wortgeklingel verschmerzen lassen.
Autor(en): (Hubert R. Kuhn)
Quelle: Training aktuell 12/06, Dezember 2006
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