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Rezension: Ist der Gruppe noch zu helfen?

Von Cornelia Edding und Wolfgang Kraus (Hrsg.), 270 S., brosch., Barbara Budrich, Opladen 2006, ISBN 978-3-86649-014-7, 24,90 Euro.

Zwei provokante Fragen zur Teamarbeit haben die Trainerin Cornelia Edding und der Organisationsberater Wolfgang Kraus aufgeworfen: Hat das Konzept 'Team' im Zuge der allumfassenden Individualisierung nicht eigentlich längst ausgedient? Und ist damit nicht auch ein Großteil des Interventionsrepertoires von Organisationsentwicklern nutzlos geworden, weil es nämlich bei der Gruppe ansetzt? Mit diesen Fragestellungen scheinen Kraus und Edding einen Nerv der Organisationsentwicklung getroffen zu haben. Denn bekannte Wissenschaftler und Praktiker, die sich mit Organisationen beschäftigen, haben ihnen geantwortet. In dem Band 'Ist der Gruppe noch zu helfen? Gruppendynamik und Individualisierung' haben Edding und Kraus die Antworten zusammengetragen.

Unter den insgesamt 13 Autoren des Buches findet sich zum Beispiel Professor Dr. Rudolf Wimmer. Der Professor für Führung und Organisation an der Universität Witten/Herdecke führt in seinem Beitrag ein Argument gegen Teamarbeit auf höheren Führungsebenen an. Dort ist es laut Wimmer nämlich besonders wichtig, Probleme sehr offen und direkt anzusprechen. Die in Teams häufig zu beobachtende (langwierigen) Strategien zur Konfliktvermeidung wären auf dieser Ebene daher hinderlich.

Ähnlich argumentiert Professor Dr. Karlheinz Geißler von der Bundeswehruniversität in München. Der Wirtschaftspädagoge weist darauf hin, dass Teams in ihrer Entscheidungsfindung häufig zu träge sind. Zudem neigen Gruppen nach Ansicht von Geißler dazu, Wissen exklusiv zu behandeln, also nur an Teammitglieder weiterzugeben. Um dem entgegen zu wirken, plädiert Geißler dafür, Abteilungen stark zu vernetzen.

So wie Geißler sind die meisten der Autoren der Meinung, dass Teamarbeit sich zwar nicht überholt, aber stark verändert hat. Da vor allem in Großunternehmen Teams in sehr kurzer Zeit arbeitsfähig sein müssen, bestehen sie mittlerweile häufig nur noch für die Projektzeit und werden nach Zielerreichung aufgelöst. Das ideale Mitglied dieser 'Kurzzeit-Teams', so der allgemeine Tenor in den Beiträgen, ordnet die eigenen Bedürfnisse dem Unternehmensinteresse vollkommen unter, ist hoch engagiert, bei einer 'mittleren Einlasstiefe' in Teamarbeit.

Als Konsequenz formulieren Edding und Kraus einen neuen Fokus für die Beratung von Teams: den Kontext, in dem ein Team arbeitet. Der Berater muss nach Überzeugung der Herausgeber mehr auf den Kontext achten, in dem ein Team arbeitet. Also zum Beispiel unterscheiden, welche Probleme durch die Interaktion der Personen und welche aufgrund problematischer Rahmenbedingungen in der Organisation entstanden sind. Dabei helfe häufig ein Blick auf die oberste Führungsebene. Denn - insbesondere bei Verbänden und Vereinen, die sich in Umstrukturierungsprozessen befinden - spiegeln sich Spaltungsprozesse in den Vorständen und Gremien meist in den Teams wieder, betonen die Herausgeber. Andersherum könne eine Analyse der Konflikte im Team auch helfen, eine umfassende Diagnose für Blockaden in der Gesamtorganisation zu erstellen.

Fazit: Eine fundierte Analyse von Teamarbeit in modernen Organisationen. Berater, die mit Teams arbeiten, erhalten viele Anregungen für Reflexion und Intervention.
Autor(en): (Hubert R. Kuhn)
Quelle: Training aktuell 02/07, Februar 2007
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