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Online Educa 2007: Brave New Virtual World

Wohl oder Wehe? – Was bedeutet die Web-2.0-Revolution für Lernen und Training? Auf diese Frage lässt sich die diesjährige Online Educa zwar nicht reduzieren. Dennoch mag das Thema Mitmachweb einer der Besuchermagneten gewesen sein. 2.126 Besucher folgten dem Lockruf der weltweit größten Konferenz für technologiegestützte Aus- und Weiterbildung Ende November 2007 nach Berlin. Ein erneuter Besucher-Rekord: Das Hotel InterContinental platzte aus allen Nähten. Doch auch der Stehplatz lohnte.

Avatarfriedhof, absturzgefährdete Technik, fehlende Inhalte – was zuletzt über die virtuelle Welt Second Life an die Öffentlichkeit drang, hätte Lernexperten eigentlich abschrecken müssen. Doch dem ist nicht so, wie die diesjährige Online Educa vom 29. bis 30. November 2007 in Berlin zeigte. Die zweite Welt ist trotz Mängeln ein interessantes Feld für Trainer und Weiterbildner, lautete eine zentrale Botschaft der internationalen Konferenz, die mit über 2.100 Besuchern erneut einen Besucherrekord verzeichnete.

Und die virtuelle Welt – das ist längst nicht mehr nur Second Life. 'There.com, Runescape und Wonderland etwa stehen als virtuelle Welten jedermann offen', erläuterte Eilif Trondsen zu Beginn der Session 'Virtual Worlds for Learning and Training'. Darüber hinaus verwies er auf Softwarelösungen wie Qwaq und Forterra, mit denen geschlossene Welten konzipiert werden können.

Virtuelle Welten als Lernwelten der Zukunft

Dass virtuelle Welten durchaus schon fester Bestandteil der Personalarbeit sind, machte der von Trondsen moderierte Track in der Folge deutlich. 'Wir nutzen die virtuelle Realität in Indien, um neue Mitarbeiter einzuarbeiten', erläuterte etwa Klaus Hammermüller. Der Digital Media Architect bei IBM Österreich zeigte sich von den Vorteilen der 3-D-Umgebungen überzeugt: 'Neue Mitarbeiter lernen auf diesem Wege nicht nur ihre Kollegen kennen, sondern machen sich auch mit der Kultur unseres Unternehmens und seinen Arbeitsprozessen vertraut. Und dazu müssen sie nicht einmal ihren Arbeitsplatz verlassen.' Warum das Interesse der Lernexperten an den virtuellen Welten so gestiegen ist, erklärte Eilif Trondsen mit den unzähligen Lernmöglichkeiten: 'In der virtuellen Welt können formelles und informelles Lernen verbunden, Coaching, Rollenspiele und Simulationen angeboten werden.'
 
Einer, der das Potenzial von Second Life für das Lernen von Fremdsprachen erkannt hat, ist Paul Sweeney. Der britische Bildungsexperte redete im Track „Practical Examples of Web 2.0 Applications in Education“ und gab seine Erfahrungen weiter: 'Klassenräume – virtuelle wie reale – sind nicht der beste Weg, um Sprachen zu vermitteln. Mit Second Life indes haben wir die Möglichkeit, Lernen in sozialen Settings stattfinden zu lassen.' Sein Unternehmen languagelab.com bietet Sprachkurse an, die über die Lernbedingungen in virtuellen Klassenräumen hinausgehen. 'Unsere Kurse finden im Pub, im Park oder in einer Galerie statt', gab Sweeney ein Beispiel. So könnten die Teilnehmer in der zu erlernenden Sprache beispielsweise über Gemälde diskutieren. Ein weiteres Argument für das Lernen in der virtuellen Welt lieferte Hammermüller: 'Die Anonymität in virtuellen Welten senkt die Hemmschwelle. Lernenden fällt es leichter, sich einzubringen, Dinge auszuprobieren und Fehler zu machen. Das wiederum erhöht den Lernerfolg', zeigte sich der IBM-Vertreter angetan.

Web 2.0 zwischen Euphorie und Skepsis

Was Hammermüller positiv an den 3-D-Welten hervorhob – nämlich die Möglichkeit, dass sich jedermann vergleichsweise folgenlos einbringen kann –, war einem anderen Redner der Konferenz ein Dorn im Auge. Die Rede ist von Andrew Keen. Der Autor des Buches 'The Cult of the Amateur' war einer der Keynote-Speaker der Konferenz und sparte seinem Buchtitel folgend nicht mit Kritik am Mitmach-Web der Gegenwart. 'Das heutige Internet zerstört Weisheit', lautete seine These. „Was andere die Demokratisierung des Wissens nennen, nenne ich die Demokratisierung der Idiotie.' Im Zentrum seines Vortrages, der predigtgleich immer wieder die gleichen Thesen wiederholte, stand die Online-Enzyklopädie Wikipedia – in Keens Augen die Manifestation des Web-2.0-Gedankens schlechthin. 'Bei Wikipedia wird jeder zum Experten', prangerte der Medienunternehmer aus den USA an: 'Aber Fakt ist: Ein Vierzehnjähriger kann keinen Harvard-Professor ersetzen, die Weisheit der vielen kann nicht die Weisheit der Experten ersetzen', so Keen. Mit Hilfe der Web-2.0-Tools könne nur dann verlässliches Wissen verbreitet werden, wenn Wikis und Weblogs von Trainern, Lehrern und Journalisten – kurz: von Experten – genutzt würden.

Keens Provokation blieb – nichts anderes war zu erwarten – nicht ohne Gegenrede. Graham Attwell etwa bezeichnete sich als Keens Alptraum: 'Ich bin anti-autoritär, Sozialist, Ex-Hippie – und der festen Überzeugung, dass es nicht darum geht, Kontrolle zurückzugewinnen. Vielmehr geht es darum, das Erziehungssystem der steigenden Bedeutung von Social Software im Lernprozess anzupassen', betonte er in seinem Vortrag 'Web 2.0, Social Software and Personal Learning Environments'. Der Direktor der Forschungsorganisation Pontydysgu – walisisch für 'Brücke zum Lernen' – kritisierte seinerseits, dass Bildungsinstitutionen bisher bestenfalls mit Verwirrung, schlimmstenfalls mit Ablehnung auf die Web-2.0-Revolution reagiert haben. 'Wenn sich diese Haltung nicht ändert, wird Schule zunehmend zu einem irrelevanten Teil im Leben junger Menschen', versuchte Attwell aufzurütteln. Sein Lösungsvorschlag: Lernen solle in 'Personal Learning Environments“ stattfinden. In ihnen könnten Lernende frei wählen, wie und mit welchen Tools sie sich Wissen aneignen wollen.

Eine neue Lerntheorie muss her

Ebenfalls für Veränderung der Bildungsvermittlung plädierte Donald Clark. Der Bildungsexperte aus Schottland kritisierte in seinem Vortrag die zur Anwendung kommenden Lerntheorien – und erinnerte damit an George Siemens, der auf der Online Educa 2006 Konzepte wie Behaviorismus und Konstruktivismus für obsolet erklärte und ihnen sein neues Modell des Konnektivismus entgegen setzte. 'Wann ging der letzte Nobelpreis an einen Lerntheoretiker?', erging Clarks eher rhetorische Frage an die Online-Educa-Besucher. Als ihm das Plenum eine Antwort schuldig blieb, verdeutlichte er: 'Wir orientieren uns in Training und Weiterbildung an Theorien, die über 50 Jahre alt sind.' Niemand habe heutzutage noch Zeit für eine Evaluation, wie Donald Kirkpatricks Modell sie vorsähe. Es gäbe keine wissenschaftlichen Beweise für NLP und den Rapport. Und die Erkenntnisse über die verschiedenen Lerntypen seien im Grunde nutzlos. 'Angesichts der technologischen Entwicklungen und der neuen Generation von Lernenden, die nach und nach in die Unternehmen drängen, haben die bekannten Theorien keine Gültigkeit mehr', zog Clark Bilanz. Der Schotte wiederum setzt auf Google, YouTube & Co.: 'Vielleicht sind es diese Leute, die nötige Veränderungen endlich anstoßen ...'
Autor(en): (Stefanie Bergel, Nicole Bußmann)
Quelle: Training aktuell 01/08, Januar 2008
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