Politisches

Forderung nach Weiterbildung im Urlaub löst Streit aus

Arbeitnehmer sollten ihren Urlaub nutzen, um sich für ihren Arbeitgeber weiterzubilden. Mit diesem Vorschlag hat sich der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, Anfang August an die Öffentlichkeit gewagt - und einen erbitterten Streit ausgelöst.

'Arbeitnehmer in Deutschland müssen mehr Ferien- und Freizeit in ihre Weiterbildung investieren', verkündete Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) Anfang August 2007 in der Tageszeitung 'Die Welt'. Mit seinem forschen Vorstoß entfachte er einen neuen, erbitterten Streit um die Arbeitgeberpflichten in der Weiterbildung.

40 freie Tage für deutsche Arbeitnehmer

Hintergrund von Wanslebens Forderung ist eine aktuelle Studie der Europäische Union zu den Arbeitszeiten in Europa. Das Ergebnis: Gemeinsam mit Schweden hat Deutschland die meisten Urlaubs- und Feiertage. Insgesamt 40 Tage durften die Bundesbürger im Jahr 2006 ihrem Büro fernbleiben, so die Untersuchung des Europäischen Instituts für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound). Nur die Schweden haben noch häufiger frei: Mit 43 Urlaubs- und Feiertagen sind sie unangefochtene Spitzenreiter. Im EU-Durchschnitt verfügen die Arbeitnehmer dem Bericht zufolge nur über 33,7 bezahlte freie Tage.

Wer so viel Freizeit hat wie die Deutschen, der muss Urlaubstage opfern, um dem drohenden Fachkräftemangel entgegen zu wirken, so der DIHK-Geschäftsführer. Bei 40 freien Tagen sei 'ohnehin Luft für beides: Erholung und Weiterbildung', äußerte Wansleben - und brachte mit dieser Forderung gleich mehrere Gruppen gegen sich auf.

'Weiterbildung darf kein Privatvergnügen werden'

Die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD), wies den Vorschlag etwa als 'Zumutung' zurück. Weiterbildung dürfe nicht zum Privatvergnügen werden, erklärte sie. 'Zuerst drückt sich die Wirtschaft vor ihrer eigenen Pflicht zur Qualifizierung, und jetzt sollen das die Arbeitnehmer auch noch selber ausbaden', konterte Burchardt in einem Interview mit der 'Frankfurter Rundschau'.

Die Arbeitgeber selbst kommen ihrer Personalentwicklungspflicht nicht nach und wollen diese Last nun ihren Angestellten aufbürden - dieser Vorwurf kommt auch von den Gewerkschaften. Millionen von Arbeitnehmern würden sich bereits in ihrer Freizeit fortbilden und damit ihren Beitrag leisten, argumentierte etwa der DGB-Vorsitzende Michael Sommer. 'Das wirkliche Problem sind bildungsunwillige Unternehmen', stellte er klar.

Bildungsurlaub nutzen wenige

Die Betriebe stehlen sich nicht nur aus der Verantwortung für die Weiterbildung ihrer Arbeitnehmer - viele unterbänden sogar gezielt, dass sich die Arbeitnehmer auf ihre Kosten qualifizieren, lautete ein Vorwurf von Guntram Schneider, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Nordrhein-Westfalen. 'Jeder hat Anspruch auf eine Woche Lohnfortzahlung im Jahr, um sich weiterzubilden. In NRW machen das aber nur 1,8 Prozent der Beschäftigten, weil viele Betriebe massiven Druck ausüben, dieses Recht nicht in Anspruch zu nehmen', erklärte Schneider in einem Gespräch mit der 'Westdeutschen Zeitung'.

Fachkräftemangel droht

Eine konstruktive Auseinandersetzung über die Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland mahnte Raimund Becker an. Das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA) zitierte eine Studie, nach der deutsche Beschäftigte nur rund 50 Tage in ihrem Berufsleben in Weiterbildung investierten. Das sei in etwa halb so viel Zeit, wie die Dänen, Franzosen oder Schweizer aufwenden. 'Ohne Gegensteuern wird es langfristig mehr Langzeitarbeitslose bei gleichzeitigem Mangel an Fachkräften geben', warnte Becker.
Autor(en): (Corinna Moser)
Quelle: Training aktuell 09/07, September 2007
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