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'Die Bildungsbranche ist konservativ'

Gerade die großen Bildungsträger sollten sich als Innovationsmotoren der Globalisierung und dem harten Wettbewerb gewappnet zeigen. Man hat den Eindruck, das ist nicht immer der Fall...

Dirk Sebald: Es wird sicherlich auch innerhalb der Weiterbildungsbranche eine Marktbereinigung geben. Ich komme ja ursprünglich aus einem ganz anderen Umfeld, der EDV-Branche. Dort gibt es inzwischen Produktzyklen von teilweise bereits drei Monaten, dann ist ein Produkt 'out'. Die Bildungsbranche ist konservativ. Es werden häufig uralte Produkte verkauft, die sind 10 Jahre alt und werden nicht verändert. Wenn Sie sich Seminarunterlagen anschauen, dann ist das häufig kopiertes Zeug. Ich denke, die Kunden sind nicht mehr lange gewillt, das so hinzunehmen. In der Bildungsbranche wird sich der Trend zu schnelleren Produktzyklen, mehr Qualität und dann auch echter Innovation ebenfalls durchsetzen. Zudem wird es im Bereich der öffentlich geförderten Bildungsträger noch dramatische Veränderungen geben.

Apropos staatliche Fördermittel: Wer sich als großer Bildungsträger noch darauf verläßt, begibt sich in die Gefahr, 'klamm' zu werden ...

Dirk Sebald: Ja, bei Unternehmen, die ausschließlich oder zu 90 Prozent von Fördermitteln leben, wird es auf jeden Fall Insolvenzen geben. Wenn ein Bildungsträger davon abhängig ist, kommt er ins Trudeln. Die Cognos hat diese Entwicklung rechtzeitig erkannt. Bereits 1992 haben wir angefangen, den damals noch hohen Anteil an öffentlich geförderten Maßnahmen so drastisch zu reduzieren, daß wir inzwischen unter 10 Prozent liegen. Für mich ist es eine ganz klare Entwicklung, daß die Motivation zur Bildung mehr und mehr von den Bildungswilligen ausgehen muß. Auch die Unternehmen werden zunehmend von den Mitarbeitern fordern, in Bildung zu investieren. In den USA ist dies sowieso schon der Fall. Ich kenne dort eine Coaching-Company, bei der mittlerweile schon 15 Prozent des Coachings von den Mitarbeitern selbst bezahlt wird. In Deutschland ist so etwas noch undenkbar. Aber das wird kommen.

Dirk Sebald: Die Bildungsmärkte in osteuropäischen Ländern entwickeln sich zeitversetzt. Das, was vor 20 Jahren in Deutschland ein Boom-thema war, das ist es jetzt dort. Dementsprechend viele Erfahrungen können wir transferieren. Im Moment sind das noch Investitionen. Sie müssen in diesen Ländern Beziehungsnetzwerke aufbauen und Sie müssen Vertrauen bei den Leuten schaffen. Wenn sie dann feststellen, daß wir wirklich Qualität leisten, gutes Know-how haben und man dann noch den ersten Auftrag gut durchführt, dann ist man richtig gut drin im Geschäft. Trotzdem: Der 'return on investment', der wird erst im nächsten oder übernächsten Jahr beginnen.

Sie sagten, daß der Bildungsmarkt dort thematisch 20 Jahre zurückhängt. Glauben Sie, daß sich dieser Anpassungsprozeß beschleunigt?

Dirk Sebald: Ich sehe das zweigeteilt. In dem Bereich Umschulung von Arbeitslosen wird das nicht viel anders laufen als es hier läuft. Was interessant ist im Bereich der Industrie: Dort sind die Menschen teilweise wesentlich aufgeschlossener für neue Themen und Veränderungen, als das bei uns der Fall ist. Das Thema Lernende Organisation boomt in den USA schon seit sechs Jahren, und wir in Deutschland haben es immer noch nicht so richtig begriffen. In den osteuropäischen Ländern springen die Menschen schneller auf den Zug auf, interessieren sich für Innovationen. Die fragen in einem Training schon mal: 'Bauen Sie denn auch CBT-Elemente mit ein?' Ich möchte jetzt nicht Deutschland allzu sehr verdammen, aber wir haben - was Neuerungen angeht - auffällig häufiger Vorbehalte.
Autor(en): (jgr)
Quelle: Training aktuell 05/97, Mai 1997
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