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Beitrag von Horst Lempart aus Training aktuell 11/24, November 2024
„Ich habe da eine Intoleranz-Unverträglichkeit“, erklärte einer meiner Klienten vor Kurzem. Tatsächlich ist die Frage, wie viel (In-)Toleranz wir als Gemeinschaft verkraften können, eine hochpolitische: Sollte man Intoleranz wirklich mit Intoleranz begegnen – Feuer mit Feuer bekämpfen? In Coaching und Therapie liegen der Arbeit an solchen Spannungsverhältnissen Werteklärungen zugrunde.
Relativ eindeutig verhält es sich dabei mit gegensätzlichen Werten wie Sicherheit und Freiheit oder Nähe und Distanz. Viele werden diese Polaritäten zum Beispiel mit dem Werte- und Entwicklungsquadrat in ein Modell bringen. Ich spreche hier gerne von einer dynamischen Balance, bei der – je nach Situation und Kontext – mal stärker die eine und mal stärker die andere Seite betont wird.
Wesentlich uneindeutiger ist das Verhältnis zwischen Intoleranz und Toleranz. Der Spruch meines Klienten beispielsweise ist ein Paradox, denn wer intolerant zur Intoleranz ist, vergilt Gleiches mit Gleichem. Anders ausgedrückt: Wer Toleranz leben will, müsste es aushalten, mit Intoleranz konfrontiert zu werden. Nun könnte man antworten: „Nun ja, es gibt eben Intoleranz und Intoleranz.“ Eine intolerante Haltung gegenüber Falschparkern hat womöglich eine andere Qualität als Intoleranz gegenüber religiösen oder kulturellen Minderheiten.
Tatsächlich ist Toleranz ein moralischer, kein juristischer Begriff. In keinem Gesetz taucht die Toleranz auf, selbst in unserem Grundgesetz nicht. Der Begriff ist viel zu schwammig, um ihn als hilfreich zu deklarieren. Als „intolerant“ wird im juristischen Kontext lediglich das bezeichnet, was gegen ein Gesetz verstößt. Und das greift auch im Coaching: Gegen welche innere Gesetzmäßigkeit verstößt etwas? Welche Werte sollen durch (In-)Toleranz im Kern geschützt werden, und in welchem Spannungsverhältnis stehen diese Werte dann? Gibt es hier ein „Entweder-oder“ oder ein „Sowohl-als-auch“?
Wer eine Toleranzdebatte lostritt, der erhebt sich womöglich über andere, denn er schafft dadurch ein Ungleichgewicht in der Selbstverständlichkeit.
Toleranz kommt aus dem Lateinischen („tolerare“) und bedeutet so viel wie „tragen, ertragen, erdulden“. Müssen wir also zwangsläufig eine Schraube fester anziehen, während wir die andere lösen? Wer eine Toleranzdebatte lostritt, der erhebt sich womöglich über andere, denn er schafft dadurch ein Ungleichgewicht in der Selbstverständlichkeit. Letztlich liegt die Entscheidung, tolerant oder intolerant zu sein, jedoch im Ermessen jedes Einzelnen – sofern sie keine Handlungen nach sich zieht, die gegen das Gesetz verstoßen. Vor diesem sind wir zum Glück alle gleich – da gibt es null Toleranz.
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