Reflexion

Denkimpuls
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Entwertung ist besser als ihr Ruf

Abwertung, Entwertung, Bewertung – Menschen sind schnell mit allerlei Wertungen bei der Hand und nehmen es mit der Unterscheidung meist nicht so genau. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten der „Wertung“. Welche das sind und warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

„Hören Sie doch auf, andere Leute zu entwerten!“, hörte ich neulich eine erzürnte Dame hinter einem jungen Mann herrufen. Offenbar hatte er jemanden beleidigt, vielleicht diskriminiert. Für die meisten Menschen mag Entwertung gleichzusetzen sein mit abwertenden Äußerungen. Bei genauem Betrachten des Wortes stellen wir aber fest: Ent-Wertung ist eben nicht Ab-Wertung, sondern wertungsfreie Kommunikation. Wir entziehen den Dingen (oder Personen) die Bewertung. Für die Alltagskommunikation mag das kleinkariert klingen. Wir nehmen es mit der Abgrenzung von bewerten, entwerten und abwerten meist nicht so genau. Schließlich treffen wir unsere Entscheidungen ständig auf der Basis dessen, was uns wichtig, richtig oder weniger wertvoll erscheint.

Doch wirklich zu ent-werten, d.h. bewertungsfrei zu sprechen, ist gar nicht so leicht – und alles andere als gewöhnlich. Bewertungen halten nämlich sogar dann Einzug in unsere Sprache, wenn wir sie ausdrücklich vermeiden wollen. So selbstverständlich ist uns das Urteilen, dass wir auch dort Werte „hinzuwerfen“, wo neutrales Beschreiben hilfreich wäre. „Adjektive“ nennen wir diese Zuschreibungen: schön, hoch, eng, gut, langsam etc. Sie durchziehen unsere Sprache. Hinzu kommen Adverbien (niemals, ständig, oft) und unkonkrete Pronomen (alle, niemand, viele), die Bedeutung und Wertung schaffen, sich schnell in angeblich „neutrale“ Aussagen einschleichen und vor allem eines tun: unsere Haltung offenbaren.

Wirklich zu ent-werten, d.h. bewertungsfrei zu sprechen, ist gar nicht so leicht – und alles andere als gewöhnlich.

Bewertungen machen Werte deutlich

Bewertungen sind somit immer auch Selbstoffenbarungen. Sie machen unsere Werte hinter der reinen Beschreibung erkennbar – und schaffen somit Zugehörigkeit. Denn wer die Dinge so bewertet wie ich, wer mir ähnlich ist, der steht mir häufig näher, gehört zu meiner Wertegemeinschaft. Gemeinsame Werte verbinden, sind sozialer Kleber. Zudem sind sie eine Art inneres Navigationssystem. Sie manövrieren uns durch den Alltag und helfen uns dabei, durch Bewertungen – die immer eine Form der Vereinfachung sind – Komplexität zu reduzieren und die Orientierung zu behalten.

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Für die Selbstreflexion und Wertearbeit im Coaching ist es jedoch manchmal hilfreich, Narrationen zu ent-werten, also von Werten zu befreien. Meine Klientinnen und Klienten lade ich gerne dazu ein. Sie steigen dann in die Position einer völlig neutral-beschreibenden, beobachtenden Person. Das schafft nicht nur Klarheit im Hinblick auf Wertungsmuster, sondern auch eine innere Distanz zur sonst üblichen emotionalen Werteaufladung. Die reine, nackte Beschreibung dessen, was ist, ermöglicht eine Umsortierung und Neu-Bewertung: ein Re-Framing.

Der Autor: Horst Lempart ist Coach, Supervisor, Autor und Speaker mit eigener Praxis in Koblenz. Er bezeichnet sich selbst als „Der Persönlichkeitsstörer“. Zu seinen Kernthemen gehören: Persönlichkeitsentwicklung, Selbststeuerung und Wandel gestalten. Kontakt: horstlempart.de

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