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Beitrag von Horst Lempart aus Training aktuell 08/25, August 2025
Vielleicht ist es die subtilste Form der Kontrolle, einen Auftrag unter dem Deckmantel des Vertrauens zu erteilen und somit jede Form der Täuschung zu unterbinden. Der Vertrauensträger wird so zum Werkzeug, das durch die Fäden des Vertrauens gesteuert wird. Er ist gefangen im Vertrauensnetz der Spinne, die darauf wartet, ein Opfer durch „Vertrauensbekundungen“ einzuwickeln, sodass keine freie Handlung mehr möglich ist. Es geht dann nicht mehr um Vertrauen, sondern darum, nicht getäuscht zu werden. Die Frage dahinter könnte lauten: „Wem kann man hier noch (ver-)trauen?“ „Vertrauen führt“ klappt daher nur, wenn Vertrauen auch die Möglichkeit der „Ent-Täuschung“ miteinkalkuliert. Andernfalls wird es zum „Ent-Trauen“, dem schrittweisen Verlieren von Vertrauen bis hin zum Misstrauen.
Wenn Führungskräfte ihren Mitarbeitenden wirklich Vertrauen schenken wollen, dann benötigen sie in erster Linie Risikomündigkeit – ein Begriff, den Reinhard Sprenger geprägt hat. Er bezeichnet die Bereitschaft, sich auf das Risiko einzulassen, dass Vertrauen auch „frustriert“ werden kann. Ich vermeide hier bewusst den Begriff des „Missbrauchs“, da nicht jeder Vertrauensbruch für mich einem Missbrauch gleichkommt, sondern eher einem unerwarteten Gebrauch zugetrauter Erwartungen. Viele laden ihr Vertrauen derart mit Erwartungen auf, dass ein „anders als erwartet“ in ihren Überlegungen gar nicht mehr vorkommt. Das ist allerdings das Risiko, von dem Sprenger spricht. Mündige Menschen sehen die Möglichkeit des Vertrauensbruchs realistisch: Er ist möglich. Andernfalls wäre kein Vertrauen nötig, dann hätten Gesetze, Regeln und Kontrolle das Vertrauen ersetzt. Risikomündigkeit spielt auch bei der Entscheidungskompetenz eine wesentliche Rolle, denn auch Entscheidungen beinhalten immer ein Restrisiko: Wir können nie mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob eine Entscheidung die beste ist. Wäre das eindeutig, hätten wir es nicht mit einer Entscheidung zu tun.
Wenn Führungskräfte ihren Mitarbeitenden wirklich Vertrauen schenken wollen, dann benötigen sie in erster Linie Risikomündigkeit.
Die wichtigste Voraussetzung für Risikomündigkeit ist Selbstvertrauen – ein entscheidendes Element der Selbstführung. Erst wenn wir uns selbst vertrauen, sind wir in der Lage, auch anderen Menschen zu vertrauen. Im Coaching frage ich meine Klienten: „Auf welche Ihrer Eigenschaften können Sie auch in stressigen Phasen vertrauen?” Oft ergeben sich daraus wertvolle Hinweise auf Kompetenzen, aber auch auf Werte und Bedürfnisse. Wenn wir uns fragen, in welchen Situationen diese Kompetenzen schon erfolgreich zum Einsatz kamen, wird die Theorie zur Praxis. Denn Selbstvertrauen ist zum großen Teil das Ergebnis praktischer Erfahrungen. „Ich schaffe das, auch wenn's schwerfällt!“
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