Reflexion

Denkimpuls
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Der Mehrwertigkeitskomplex

Der Minderwertigkeitskomplex ist ein bekanntes Phänomen. Anders sieht es mit dem „Mehrwertigkeitskomplex“ aus, von dem wesentlich seltener die Rede ist. Was es mit diesem Persönlichkeitsmerkmal auf sich hat und warum es durchaus nützlich sein kann – für das eigene Selbst und die Gesellschaft.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der „Mehrwert“ mehr Wert ist. Sogar die Steuer unterstützt diese Annahme. Ohne zu hinterfragen, ob die Leistung tatsächlich einen zusätzlichen Wert geschaffen hat, wird sie als „Mehrwert“ besteuert. Umgekehrt gilt das allerdings nicht – oder schonmal von einer „Minderwertsteuer-Rückzahlung“ gehört, wenn das Ergebnis schlechter ist als vorher?

In Bezug auf die Persönlichkeit ist es genau anders herum: Hier ist der Minderwertigkeitskomplex durchaus bekannt, während von einem „Mehrwertigkeitskomplex“ seltener die Rede ist – und wenn, dann eher in abschätziger Form. Das liegt vor allem daran, dass sich der „Mehrwertigkeitskomplex“ – von dem japanischen Philosophen Ichiro Kishimi auch „Überlegenheitskomplex“ genannt – häufig in Konfrontation und Aggression äußert. Doch wie so oft, wenn alle Systeme auf Angriff geschaltet sind, steckt auch beim Mehrwertigkeitskomplex eigentlich die Überkompensation einer Unsicherheit dahinter: von Unterlegenheitsgefühlen und Selbstwertzweifeln. Menschen mit einem Mehrwertigkeitskomplex sind daher permanent darauf bedacht, ihre Besonderheit und Einzigartigkeit zu betonen. Dabei arbeiten sie heraus, was sie positiv von anderen unterscheidet – Kontrastbildung durch Abgrenzung. Prahlerei, die bis zur Selbstüberschätzung gehen kann.

Wie so oft, wenn alle Systeme auf Angriff geschaltet sind, steckt auch beim Mehrwertigkeitskomplex eigentlich die Überkompensation einer Unsicherheit dahinter: von Unterlegenheitsgefühlen und Selbstwertzweifeln.

Mehrwertigkeitskomplex ist kein Grund zur Besorgnis

Wie der Minderwertigkeitskomplex ist aber auch der „Mehrwertigkeitskomplex“ an sich noch kein Grund zur Besorgnis, wenn er als Selbstwert reguliert werden kann. Im Gegenteil: Wenn wir uns unseres Wertes bewusst sind und uns für unseren Wert einsetzen, wenn wir durch unsere Kompetenzen, unsere Gedanken oder durch unser Wesen ein Mehr an Wert schaffen, dann bietet das für unseren Selbstwert und für die Gemeinschaft zweifelsfrei einen Vorteil. Eigenlob stinkt also nicht immer – zumindest dann nicht, wenn wir auf einen geschaffenen Wert stolz sind.

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Daraus folgt: Der „Mehrwertigkeitskomplex“ ist nicht weniger präsent oder bedeutsam, nur weil man seltener von ihm hört. Im Gegenteil: Wir tun vieles dafür, dass er in unserer Gesellschaft einen festen Platz einnimmt. „Haste was, biste was.“, „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“, „Früher war ich eingebildet, heute weiß ich, wie großartig ich bin.“ Sicher lassen sich noch weitere Beispiele finden, die das Phänomen auf heitere Art beschreiben. Wir können dem „Mehrwertigkeitskomplex“ mit eben dieser Heiterkeit auch im Coaching begegnen: bei uns selbst, indem wir uns nicht ganz so ernst nehmen, sowie auch bei Klientinnen und Klienten, bei denen wir einen „Mehrwertigkeitskomplex“ vermuten. Kaum etwas „verrückt“ uns mehr in eine andere Wirklichkeit als eine gute Prise Humor. Der provokative Ansatz und paradoxe Interventionen leisten mir und meinen Klientinnen und Klienten dabei oft gute Dienste.

Der Autor: Horst Lempart ist Coach, Supervisor, Autor und Speaker mit eigener Praxis in Koblenz. Er bezeichnet sich selbst als „Der Persönlichkeitsstörer“. Zu seinen Kernthemen gehören: Persönlichkeitsentwicklung, Selbststeuerung und Wandel gestalten. Kontakt: horstlempart.de

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