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Colin Goldner im Interview: 'Hellinger hat mit Weiterbildung so viel zu tun wie Astrologie mit Astronomie'

Training aktuell: Herr Goldner, Ihr vor kurzer Zeit erschienenes Buch 'Der Wille zum Schicksal' will eine Auseinandersetzung mit Bert Hellinger, dem selbst ernannten Begründer des Aufstellungsverfahrens, in Gang bringen. Warum hat Hellinger ihrer Ansicht nach eine so große Gefolgschaft?

Colin Goldner*: In einer immer komplexer werdenden Welt sehnen sich viele Menschen nach einfachen Orientierungsmöglichkeiten und Wertesystemen. Ex-Missionspriester Bert Hellinger bietet solche an. Seine esoterischen Anwandlungen biedern sich dem Zeitgeist zusätzlich an.

Training aktuell: In Ihrem Buch ist mehrfach die Rede davon, dass Aufstellungen nach Hellinger auch in der Personal- und Organisa-tionsentwicklung angewandt werden. Was ist Ihrer Ansicht nach das größte Problem dabei?

Colin Goldner: Das Aufstellen von Familien- oder sonstigen Sozialsystemen wurde ja nicht von Bert Hellinger erfunden. Vielmehr handelt es sich dabei um ein altbekanntes Verfahren aus der Familientherapie wie sie von Virginia Satir und Mara Selvini-Palazzoli entwickelt wurde. Hellinger hat dieses Verfahren mit einem esoterischen Überbau versehen, aus dem heraus er ebenso simple wie reaktionäre Werte als 'höhere Wahrheiten' verkündet: In jedem Sozialgefüge - Volksgruppe, Sippe, Familie oder auch Betrieb - gebe es eine natürliche hierarchische 'Ordnung', in die jedes Mitglied sich widerspruchslos einzufügen habe. Werde gegen diese Ordnung verstoßen, werde innerhalb des Systems ein Mitglied krank oder funktionsunfähig. Die Lösung erfolgt nach Hellinger über die Aufstellung sämtlicher Beteiligten durch Stellvertreter: Aus der Teilnehmergruppe werden einzelne Personen gebeten, die Konflikt-Beteiligten darzustellen. Sobald ihnen ihre jeweilige Rolle zugewiesen sei, träten sie, so Hellinger, in Kontakt zu einem 'wissenden Feld', das ihnen authentischen Zugang gebe zu den Gedanken und Gefühlen der von ihnen repräsentierten Personen. Durch räumliche Umgruppierung der Stellvertreter im Verhältnis zueinander und das Nachsprechen ritueller Ordnungssätze, z.B. 'Du bist groß, und ich bin klein', werde die rechte Ordnung wiederhergestellt, was zur Heilung des jeweiligen Symptomträgers führe. Also: Systemaufstellungen nach Hellinger haben mit systemischer seriöser Therapie- bzw. Erwachsenenbildungsarbeit soviel zu tun wie Astrologie mit Astronomie - nämlich gar nichts.

Training aktuell: Abgesehen von Hellinger - wie stehen Sie zum Thema Aufstellungen im beruflichen Kontext?

Colin Goldner: Generell halte ich es für problematisch, psychotherapeutische Einzeltechniken aus ihrem Kontext zu brechen und in anderen Zusammenhängen einzusetzen. Ganz abgesehen davon, dass den meisten Anbietern im beruflichen Kontext die erforderliche klinische Qualität fehlt, kompetent und verantwortungsvoll mit derartigen Techniken umzugehen.

* Colin Goldner ist klinischer Psychologe und Wissenschaftsjournalist. Er leitet das 'Forum Kritische Psychologie e.V.', eine Beratungsstelle für Therapiegeschädigte in München. Vor kurzem hat er das Buch 'Der Wille zum Schicksal: Die Heilslehre des Bert Hellinger' (Ueberreuther 2003, ISBN: 3-8000-3920-6, 22,95 Euro) herausgegeben.
Autor(en): (nbu)
Quelle: Training aktuell 08/03, August 2003
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