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ASTD-Konferenz 2005: 'Put People First, Profits Will Follow'

Leadership, Human Capital Management, Bildungscontrolling - das waren zentrale Themen auf der 58. US-Jahrestagung der American Society for Training and Development. Angeknüpft wurde an Bewährtes: u.a. an die Arbeit des Evaluationsexperten Donald Kirkpatrick, die nun durch dessen Sohn James weiterentwickelt wird.

Dunkle Regenwolken lagen über dem Konferenzcenter in Orlando, Florida, als die American Society for Training and Development (ASTD) am 5. Juni ihre Jahrestagung 2005 eröffnete. Ein Symbol für den Zustand von Personalentwicklung und Weiterbildung? Die Resonanz und Größe des Kongresses spricht dagegen: Etwa 8.000 Teilnehmer aus 72 Ländern verbreiteten Aufbruchstimmung, gemäß dem Leitthema der Veranstaltung 'The Future is Calling'. Über 275 Einzelveranstaltungen boten an fünf Tagen ein breites Themenspektrum, angefangen von Leadership Development bis hin zu Human Capital Management, ergänzt durch die Angebote der mehr als 350 Aussteller auf der parallel stattfindenden Bildungsmesse.

Als ein Hauptredner sprach Rudy Giuliani über sein Verständnis von Leadership. Für den Ex-Bürgermeister von New York entscheiden sechs Faktoren über den Erfolg einer Führungskraft: 1. Entwicklung und Umsetzung eines starken eigenen Wertesystems, 2. optimistische Grundeinstellung, 3. Mut und Entschlossenheit sowie die Fähigkeit zum Risikomanagement, 4. umfassende und andauernde Vorbereitung auf alle denkbaren Situationen, um auch in Krisenzeiten handlungsfähig zu sein, 5. Teamwork und die Auswahl von Mitarbeitern, die die eigenen Schwächen kompensieren, nicht duplizieren, und 6. direkte Kommunikation, bestehend aus Information und Emotion, um die eigenen Ideen zu vermitteln. All das gilt nicht nur für Führungskräfte in den Top-Etagen des Unternehmens, im Gegenteil: Giuliani unterstrich die Bedeutung, Führungsqualifikation auf jeder Ebene zu entwickeln.

Führungsanforderungen ändern sich grundlegend

Dass das kein leichtes Unterfangen ist, verdeutlichte eine im Rahmen der Tagung präsentierte Studie des Center for Creative Leadership (Infos unter www.ccl.org): 85 Prozent der befragten Führungskräfte sind der Auffassung, dass sich die Führungsanforderungen in den vergangenen fünf Jahren grundlegend verändert haben und sich weiter verändern werden. Als Herausforderungen werden die Stärkung der funktionsübergreifenden Zusammenarbeit sowie die Verbesserung der Arbeitsprozesse gesehen. Hinzu kommt die Notwendigkeit, neue Kriterien zur Leistungsbeurteilung zu entwickeln: Diese müssen den veränderten Bedingungen des permanenten Wandels und der damit einhergehenden Flexibilisierung und Teamorientierung der Arbeit Rechnung tragen und nicht nur auf individuelle Leistung und Planerfüllung abzielen.

Shareholder Value: Denken in Finanzdimensionen

Kriterien zur Leistungsbeurteilung zu finden ist nicht allein Aufgabe der Führungskräfte, sondern vor allem Sache der Personalentwickler. Wie ein roter Faden zog sich die Notwendigkeit durch die Tagung, deutlich zu machen, welchen Beitrag die Personalfunktion zum Unternehmenswert beisteuert. Nach einer dreijährigen Absage an die Zahlengläubigkeit, ausgelöst durch Skandalpleiten wie Enron und Worldcom, wurde damit eine Rückkehr zum Shareholder-Value-Denken offensichtlich. So forderte Tony Bingham, Vorstand der ASTD, die anwesenden Personalentwickler und Trainer zum Denken in Finanzdimensionen auf, um als Business Partner akzeptiert zu werden.

Im Kontext der Shareholder-Value-Diskussion nahm auch die Rolle des 'Chief Learning Officers', also des Bildungsverantwortlichen im Unternehmen, einen breiten Raum ein. Unternehmen gefährden, so Bingham, nach Phasen der Restrukturierung und der Kostensenkung ihre Zukunft, wenn sie die Mitarbeiter im Hinblick auf Wachstum, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit nicht entsprechend qualifizieren. Dabei verwies der ASTD-Vorstand auf eine aktuelle IBM-Studie. Hiernach setzen vier von fünf Top-Managern in den USA gegenwärtig auf Unternehmenswachstum - allerdings wird diese Zielsetzung regelmäßig in Frage gestellt durch Defizite im Wissen und in den Fähigkeiten der Mitarbeiter.

Immer noch im Gespräch: die Messung des Lernerfolgs

Die Suche nach der Legitimation und dem Nutzen von Weiterbildungsaufwendungen beschert dem in den 50er Jahren von Donald Kirkpatrick entwickelten Modell der vier Evaluationsstufen eine Renaissance - so auch auf dem ASTD-Kongress: In Florida wurde betont, wie wichtig es ist, den bislang im Mittelpunkt stehenden Evaluationsebenen 'Teilnehmerzufriedenheit', 'Lernerfolg', 'Verhaltensänderung' und 'Lerntransfer' eine fünfte Ebene zuzufügen, nämlich den 'ROI (Return on Investment - Unternehmenserfolg)'. Es reicht also nicht, als Letztes zu fragen: Welche Seminarinhalte setzt der Teilnehmer im Alltag um? Sondern die Frage muss darüber hinaus lauten: Was bringt der Transfer dem Unternehmen? Und wie drückt er sich in Zahlen aus?

Donald Kirkpatricks Sohn James präsentierte in diesem Zusammenhang die Verknüpfung der Evaluationsebenen mit dem Modell der Balanced Scorecard (BSC). In seinem Vortrag zeigte der Berater, wie mit der BSC nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Ergebnisse aus dem Training messbar gemacht werden können.

Die Unternehmenspraxis in den USA liegt in diesem Punkt indes noch weit zurück. Wie der State-of-the-Industry-Report 2004 der ASTD (zu bestellen unter http://store.astd.org) belegt, messen zwar 74 Prozent aller Unternehmen die Teilnehmerzufriedenheit. Um den Lerntransfer kümmern sich jedoch nur acht Prozent. Laut der Weiterbildungsstudie, die die ASTD unter 344 Unternehmen durchgeführt hat, tragen lediglich die marktführenden Unternehmen der Bedeutung des Bildungscontrollings einigermaßen Rechnung: Jedenfalls erzielen sie eine bessere Wirksamkeit ihrer Bildungsaufwendungen, indem sie Mitarbeiter- und Unternehmensentwicklung verknüpfen, indem sie auf Wissensaustausch durch informelles Lernen setzen und indem sie Führungskräfte als Coach und Trainer einbinden.

Southwest Airlines: Mitarbeiter als Wettbewerbsfaktor

Rita Bailey, Präsidiumsmitglied der ASTD und über 25 Jahre für Southwest Airlines tätig, unterstrich, dass für jedes Unternehmen die Mitarbeiter der entscheidende Wettbewerbsfaktor sind: 'Put people first, profits will follow'. Mit dieser Unternehmensphilosophie hat es Southwest Airlines als einzige amerikanische Fluggesellschaft geschafft, ungeachtet aller Turbulenzen seit 32 Jahren keinen Verlust zu machen.

Wie der aktuelle ASTD-State-of-the-Industry-Report weiter belegt, liegt der Anteil der Bildungsaufwendungen an der Lohn- und Gehaltssumme in den USA über alle Unternehmen hinweg bei durchschnittlich 2,5 Prozent. Bei den als Best Practice identifizierten Unternehmen beträgt er im Durchschnitt dagegen mehr als vier Prozent. Und diese Unternehmen fahren wesentlich besser: Ihr Wert hat sich in den vergangenen 30 Jahren sechs Mal besser entwickelt als der Börsenindex der 500 größten Unternehmen.

Der Anteil des technologiegestützten Lernens ist im Vergleichzeitraum der Studie - also von 2002 gegenüber 2003 - bei den befragten Unternehmen mit etwa 35 Prozent konstant geblieben. Die allgemeine e-Learning-Euphorie ist jedoch nachhaltig abgeklungen - das zeigte nicht nur die Studie, sondern auch der Kongress, auf dem e-Learning weniger dominant war als in den Vorjahren.

International networken: Nicht einmal 30 Deutsche nutzten die Gelegenheit

Insgesamt bot die ASTD-Tagung viel Diskussionsstoff und zahlreiche Möglichkeiten zum internationalen Erfahrungsaustausch. Und die nutzten neben den Amerikanern vor allem die Südkoreaner, die mit 327 Teilnehmern die größte ausländische Delegation stellten. Es folgte Japan mit 214 und Canada mit 195 Besuchern. Warum jedoch in diesem Jahr nicht einmal 30 deutsche Teilnehmer nach Orlando kamen, bleibt eine offene Frage. Vielleicht liegt es an einer in Deutschland noch immer vorherrschenden nationalen Orientierung oder es hat mit der (teilweise nicht ganz unberechtigten) Auffassung zu tun, dass sich die USA im Bereich Personalentwicklung und Weiterbildung zwar besser zu vermarkten wissen, inhaltlich-konzeptionell aber häufig wenig Neues bieten. Dennoch: Kongress und Messe vermittelten vielfältige Denkanstöße - und am Ende überwog in Orlando der Sonnenschein. Infos und Handouts zum Kongress unter www.astd.org.
Autor(en): (Karlheinz Schwuchow)
Quelle: Training aktuell 07/05, Juli 2005
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