Management

Strategien zur Entscheidungsfindung

Auf Luft gebaut

Früher, als die Verhältnisse in und außerhalb der Unternehmen noch überschaubar waren, hieß der Manager zu Recht Entscheidungsträger. Er bestimmte den Kurs und hatte die Dinge im Griff. Heute bedeutet „Entscheiden“ für den Manager oft, das „Chaos zu organisieren“. Nicht mehr die Rationalität des ökonomischen Kalküls, sondern die Konsenserfordernisse eines immer wieder neu auszubalancierenden komplexen Systems von Machtpositionen, Interessen, rasch wechselnden Möglichkeiten und Begrenzungen liefern die Parameter für Entscheidungen.
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Mit seiner zupackenden Art ist Alexander Lebed auch für westliche Begriffe eine beeindruckende Führungskraft. Doch als der russische Sicherheitschef aus Anlaß seiner hunderttägigen Amtsantritts vor die Kameras trat, mischten sich Zweifel in seine gewohnte Entschlossenheit. „Ich habe nicht verstanden“, sprach er in die Mikrofone des russischen Parlaments, „wie in diesem Staat Entscheidungen gefällt werden.“

Damit steht er nicht alleine. Seit der Kapitalismus weltweit die wirtschaftlichen Spielregeln bestimmt und auch im Westen die Verhältnisse zum Tanzen gebracht hat, herrschen in Einzel- wie Volkswirtschaften Zustände, die Experten wie der Augsburger Psychologie-Professor Oswald Neuberger schon als organisierte Anarchie bezeichnen.

Typisch die Verhältnisse beim Elektronik-Riesen Siemens: „Wir sind ein Konglomerat von 350 Geschäftsfeldern, und in jedem Geschäftsfeld gibt es andere Abläufe, es gibt keine verbindlichen Standards“, sagt Reinhard Strugalla, in der Münchner Siemenszentrale Leiter der Zentralabteilung Produktion und Logistik. Als „Modellvorstellung“ betrieblicher Strukturen, so Strugallas Kollege Franz Holzwarth, Leiter des dortigen Produktivitätszentrums, gelte heute nicht mehr die statische Pyramide, sondern der Blutkreislauf, der alle Teilfunktionen miteinander verbinde: „Hier gibt es kein oben oder unten, kein besser oder schlechter, kein wichtig oder unwichtig.“ In diesem ganzen Trubel sind Entscheidungen nach Strugalla kein abgehobener formaler Akt mehr, sondern ein Prozeß, der bei dem ganzen Geschehen überhaupt nicht im Vordergrund steht.

Das macht Entscheidungen nicht leichter. Gerade heute nicht. „Wo Unternehmen teilweise auf dem letzten Sattel fahren“, so Betriebswirtschafts-Professor Peter Gomez von der Hochschule St. Gallen, „da merkt man die kleinsten Fehler relativ rasch.“ Dr. Michael Heinrich, Vorstands-Vorsitzender der Maschinenfabrik Weingarten, gibt dem Schweizer recht: „Wenn wirtschaftlich überall die Sonne scheint, kann man sich ein paar Fehler mehr erlauben, als wenn die Spielräume kleiner werden.“ Doch Heinrich kann nicht feststellen, daß in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Prozesse der Entscheidungsfindung auch komplizierter oder langwieriger geworden wären…
Autor(en): Dieter Weber, Nicole Bußmann
Quelle: managerSeminare 26, Januar 1997, Seite 38-43
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