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Stephan A. Jansen über verlängerte Bachelorstudienzeiten

'Wir räumen den Studenten mehr Eigenzeit ein'

Die Zeppelin University in Friedrichshafen überraschte Ende 2010 mit der Nachricht, ihr komplettes Bachelorstudienangebot vom Herbstsemester 2011 an von drei auf vier Jahre Regelstudienzeit umstellen zu wollen. Über die Gründe für die Reform der Reformstudiengänge sprach managerSeminare mit dem Hochschulpräsidenten Stephan A. Jansen.

Haben Sie mit den bisherigen sechssemestrigen Bachelorstudiengängen schlechte Erfahrungen gemacht?

Dr. Stephan Jansen: Unsere Rankings, Auszeichnungen und Bewerberzahlen waren zwar überwältigend. Aber die Belastungen und Selbstüberlastungen unserer Studierenden waren es mitunter auch. Unsere Studenten haben nahezu alle in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Und es ist uns auch gelungen, ihre Neugier, Selbstständigkeit und Eigenwilligkeit in der kurzen Zeit systematisch zu fördern. Doch die Studenten haben sich immer wieder über fehlende Zeit für eigene Forschungsvorhaben, politische Aktivitäten und Praxisprojekte beklagt. Ein konkretes Beispiel ist das Schicksal unseres 'GlobalStudies Program': Im Rahmen dieses Programms können Studierende auf Wanderschaft gehen und an Partneruniversitäten bzw. in Unternehmen auf drei Kontinenten Lern- und Praxiserfahrungen sammeln. Das funktionierte bei der kurzen Studiendauer einfach nicht. Jetzt gibt es für so etwas wieder Raum.

Reagieren Sie mit der Umstellung der Bachelorstudiengänge auch auf die teils harsche Kritik an Bachelorabsolventen, die aus der Wirtschaft kommt?

Jansen: Definitiv nein. Unsere Absolventen haben kein Arbeitsmarktproblem. Wir haben allerdings auch nie an die vermeintliche Bologna-Lösung für die sogenannte Beschäftigungsfähigkeit geglaubt. Wir glauben nach wie vor an Praxisbefähigung durch Forschungsfähigkeit, an Spezialisierungsfähigkeit durch vorherige Generalisierung. Beides – Forschungsbefähigung und Interdisziplinarität – kann sich aber nur da entwickeln, wo es Eigenzeit und Eigenräume für Riskanz im Denken gibt. In drei Jahren geht das kaum. Aus dieser Erkenntnis bieten wir z.B. schon seit einiger Zeit Stipendien für Langzeitstudierende an: Wer möchte, kann sich für ein Semester freistellen lassen, um ein eigenes Forschungsprojekt zu verfolgen, ohne dass dies in die Abschlussnote einfließen würde. Die Süddeutsche Zeitung hat dies, durchaus lobend, einmal als 'Bummelstipendium' bezeichnet. Da nun auch noch die Schulzeit verkürzt worden ist, den Studenten also noch weniger persönliche Entwicklungszeit bleibt, sind wir jetzt einfach konsequent und räumen allen Studierenden von vornherein mehr Eigenzeit ein.

Andere deutsche Hochschulen, z.B. die Leibniz Universität Hannover, bieten ohnehin schon länger vierjährige Bachelorstudiengänge an. Haben Sie sich die zum Vorbild genommen?

Jansen: Nein. Wir denken selbst. Und das hat uns fast 18 Monate gekostet. Wir haben die Idee, wie gesagt, aus der Feststellung heraus entwickelt, dass das, was wir mit einem Studium inhaltlich erreichen wollen, mehr Zeit braucht. Allerdings geht es uns auch um Anschlussfähigkeit an ausländische Master- und Promotionsprogramme. An australischen, asiatischen und amerikanischen Spitzenuniversitäten ist es nämlich Standard, dass auf einen vierjährigen Bachelor nur noch ein einjähriger Master oder gleich die Promotion folgt. Übrigens beschäftigt man sich dort auch mit den inhaltlichen Fragen, die uns umtreiben. Im Sommer hatte ich eine Gastprofessur an der Stanford University. Dort startete ein zweijähriges Reformprojekt zur Undergraduate-Lehre, das die gleiche Zielsetzung hat wie unsere Bachelorreform: Forschung schon im ersten Studienjahr, Förderung der Interdisziplinarität, zivilgesellschaftliche Prägung. An der Harvard University hat die Präsidentin eine ähnliche Initiative gestartet. Inspirierend waren für uns vor allem auch Gespräche mit Vertretern von einigen eigenwilligen amerikanischen Colleges, die forschungs- und projektorientierte Phasen für die Studierenden längst konsequent in ihre Studiengänge integriert haben.

Sind die längeren Bachelorstudiengänge nicht letztlich eine heimliche Rückkehr zum alten System?

Jansen: Keineswegs. Es war ja früher auch nicht so dolle, bei aller Neigung zur Romantisierung. Wir stehen zur grundsätzlichen Idee der Bologna-Reform, v.a., da sie das Tor zu konzeptionellen Innovationen geöffnet hat – seien es von Studierenden selbst organisierte Lehrveranstaltungen, Tandem-Coaching oder unsere aktuellen Neuerungen, die die von uns angestrebte interdisziplinäre Forschungsorientierung der Studenten systematisch fördern.

Was sind das für Neuerungen? Inwiefern ändert sich nicht nur die Dauer, sondern ändern sich nun auch Inhalte und Struktur des Studiums?

Jansen: Neu eingeführt haben wir z.B. ein sechswöchiges Vorpraktikum. Wo die Studenten dieses Praktikum absolvieren, entscheiden sie selbst – ob auf einem Schiff, in einer Bahnhofsmission, einer Investmentbank, im Schauspielhaus oder bei einer Partei. Uns geht es dabei v.a. um den Effekt der Entschulung. Wir wollen der beschleunigten Bildung den Faktor Erfahrung entgegensetzen. Neu ist auch, dass wir die beiden Einstiegssemester zum 'Zeppelin-Jahr' machen, in dem die Studenten in einem multidisziplinär ausgerichteten und arbeitenden Team an einem Forschungsprojekt arbeiten sollen, beispielsweise zum Thema Ur-banität, Migration, Verwaltungsmodernisierung oder Zivilgesellschaft. Das sechste und siebte Semester wiederum fassen wir zum neuen 'Humboldt-Jahr' zusammen: Während dieser Phase sollen sich die Studenten mit einer individuellen Forschungsfrage beschäftigen. Das bereitet auf die abschließende Bachelor-Phase vor und stellt eine selbst gewählte spezialisierende Forschungsorientierung dar. Der Student arbeitet dabei im Dialog mit einem Lehrstuhl oder einem der neun Forschungsverbünde der Zeppelin Universität im In- oder Ausland. Die leistungsstärksten Studierenden bekommen zudem die Möglichkeit, einen Teil ihres Studiums an Spitzenuniversitäten, z.B. im Bereich der Politikwissenschaften an der University of California, Berkeley, zu absolvieren.

Ändern sich mit all dem auch die Kosten des Studiums?

Jansen: Die Studiengebühren pro Semester sinken, die Gesamtkosten steigen – allerdings ist im Anschluss auch nur noch ein einjähriger Masterstudiengang bzw. ein direkter Promotionsstudiengang notwendig, wie es auch im Ausland üblich ist. In jedem Fall sind weiterhin die Studiengebühren nachlaufend bei Berufseinstieg zu zahlen.

Autor(en): (Sylvia Jumpertz)
Quelle: managerSeminare 156, März 2011
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