Schlauer lernen
Schlauer lernen

Erst denken, dann liken!

​Henning Beck erklärt, wie wir uns gegen Falschinformationen in der digitalen Welt wappnen können. ​

Vor einiger Zeit scrollte ich durch Instagram, als meine Aufmerksamkeit plötzlich von Tiefseewesen gefesselt wurde, die ich nie zuvor gesehen hatte. Asseln, groß wie Backbleche, krabbelten über den Meeresboden. Gleich danach: ein armdicker Wurm, der sich fortbewegte wie ein Tausendfüßler. Fantastisch, was die Natur zu bieten hat! Doch allmählich wurde ich misstrauisch. Die Tiere wirkten eher der Zeit der Dinosaurier entsprungen. Nach ein bisschen Recherche wurde klar: Es handelte sich um KI-generierte Fabelwesen – allerdings in perfektem Fotorealismus getarnt als Naturdokumentation.

Wir betreten eine Zeit, in der unsere Wahrnehmung durch KI-erzeugte Bilder, Videos, Texte oder Musik derart überfordert werden kann, dass wir nicht mehr erkennen, welche Information valide ist und welche erfunden. Unser Denken ist schließlich nicht darauf ausgerichtet, mit einem Überangebot an Meldungen umzugehen. Im Gegenteil: Wir kommen aus einer Zeit, in der Informationen spärlich waren. Um dann zu erkennen, welche Information stimmt, bediente sich unser Denken eines Tricks: Je einfacher man an eine Information kommt, desto gehaltvoller wird sie wohl sein. „Informationsflüssigkeit“ nennt sich das Kriterium, das Menschen auch heute noch nutzen, um sich im Dschungel aus Nachrichten zurechtzufinden.

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Das Problem: Dieser Ansatz funktioniert nicht in einer Welt, in der wir in immer kürzerer Zeit immer mehr Informationen verarbeiten müssen. Sogar vermeintlichen Profis in Sachen Quellenarbeit gelingt es nicht immer, den Wahrheitsgehalt sauber zu erkennen. Als man Stanford-Geschichtsprofessoren aufforderte, zu bewerten, ob es sich bei einer gefälschten Verschwörungswebsite tatsächlich um eine seriöse Quelle handelt oder um ein spalterisches Meinungsportal, schaffte weniger als die Hälfte von ihnen eine richtige Bewertung. Im Gegensatz zu professionellen Faktencheckern, die alle praktisch sofort erkannten, dass sie es mit professionell manipulierten Falschinformationen zu tun hatten. Was taten sie, was die Professoren nicht taten? Sie verließen die Website. Viele Menschen denken nämlich, man könnte allein durch scharfes Beobachten erkennen, ob eine Information Widersprüche enthält. Doch das ist falsch. Man kann Informationen nur beurteilen, wenn man sie extern durch andere Quellen überprüft.

In der US Air Force gibt es ein spezielles Training, wie man Geheimdienstinformationen so auswertet, dass man nicht auf Manipulationen hereinfällt. Denn genau wie die Geschichtsprofessoren versuchen die meisten Menschen eine Informationslage erst auszuwerten und dann auf Widersprüche abzuklopfen. Doch das macht verwundbar, denn die zu überprüfende Information bestimmt, was man denkt. Besser ist es, den Spieß umzudrehen: Man formuliert erst eine Hypothese, die man belegen oder widerlegen möchte. Im zweiten Schritt greift man dann auf die Informationen zurück. Kurzum: Wer gedankenlos umherscrollt, wird von Informationen kontrolliert. Genauso wie man beim Überqueren der Straße nach rechts und links schaut, sollten wir uns daher angewöhnen, die Glaubwürdigkeit einer Quelle zu checken, bevor wir ihr vertrauen. Was außerdem helfen kann: viel zu wissen. Denn eine breite Allgemeinbildung immunisiert erwiesenermaßen gegen Falschmeldungen. Bei mir hatte der Instagram-Algorithmus nämlich Pech: Seit der Grundschule ist mein absolutes Lieblingstier der Pottwal. Mit der Tiefsee kenne ich mich also ein bisschen aus, weshalb mir die erfundenen Krabbler komisch vorkamen.

Der Autor: ​Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Besser denken –Fokussieren, Verstehen, Entscheiden“. Kontakt: ­​henning-beck.com

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