Schlauer lernen
Schlauer lernen

Ein Fitnessstudio für das Denken

Henning Beck erklärt, warum Bildung und Ausbildung zwei Paar Schuhe sind. ​

Meine Schulzeit schien auf den ersten Blick verlorene Zeit gewesen zu sein. Ich habe den „Schimmelreiter“ gelesen und Gryphius-Sonette interpretiert. Ich habe die drei Formeln des Kategorischen Imperativs gelernt und mich mit dem Dreiklassenwahlrecht im Kaiserreich befasst. Zur Krönung las ich Texte in einer toten Sprache, nämlich Latein. Ich habe nicht gelernt, wie man einen Mietvertrag ausfüllt, was man bei einer Steuererklärung beachten muss oder wie man den günstigsten Flug bucht, obwohl so etwas ständig gefordert wird. Als wäre die Schule ein weltfremder Ort, an dem man mit völlig unnützem Wissen versorgt wird. Um es klar zu sagen: Dieser Vorstellung von Bildung liegt eine falsche Erwartung zugrunde. Denn Bildung ist nicht gleich Ausbildung.

Kennen Sie Leute, die ins Fitnessstudio gehen? Pilates oder Yoga machen? Aus Effizienzgesichtspunkten sind all diese Tätigkeiten ebenso unnütz wie ein Gedicht von Schiller. Man gibt Geld dafür aus, Gewichte an Ort und Stelle hoch- und runterzuziehen. Sinnlos – auf den ersten Blick. Niemand wird später im Leben eine Stab-Übung aus dem Pilates-Kurs machen. Darum geht es schließlich nicht. Viel wichtiger ist, dass man seinen Körper generell kräftigt. Denn natürlich schult ein regelmäßiges Krafttraining die allgemeine Fitness. Genau das ist Bildung: ein Gym fürs Gehirn. Man betreibt keine mathematischen Kurvendiskussionen, weil man später den Wendepunkt eines Polynoms berechnen muss, sondern weil es das abstrakte Denken in Mustern und das logische Schlussfolgern schult. Man interpretiert keine Gedichte, weil man später Goethe zitieren muss, sondern weil es einen semantischen Umgang mit Sprachkonzepten lehrt. Und man lernt keine Lateinvokabeln, um später altklug mit Cicero-Zitaten zu parlieren, sondern um ein logisches Gespür für Sprachaufbau zu entwickeln.

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Das Ziel von Bildung (ob in der Schule oder im Erwachsenenleben) ist, zeitlose Kompetenz im Denken zu erwerben. Nicht am Ende einen Test zu bestehen. Das ist wichtig – doch noch wichtiger ist es, zehn Jahre nach dem Ende des Abschlusstests in der Lage zu sein, neue Probleme lösen zu können. Niemand weiß, welche Fragen in einigen Jahren gestellt werden, aber wir können sicher sein, dass die Menschen diese Fragen am besten lösen, die grundlegende kognitive Techniken entwickelt haben. Nebenbei: Dass eine breite Allgemeinbildung und die Fähigkeit zu abstraktem Denken auch gegen allerlei Denkmanipulationen schützt, die geistige Fitness generell schult und das Gehirn flexibel und anpassungsfähig hält, ist ein netter Nebeneffekt.

Natürlich sind Schulungen zu konkreten Sachthemen wichtig, um sich inhaltlich aufzufrischen. Doch gute Bildung betrachtet Menschen nie als „lebende Festplatten“, die bestimmte Fähigkeiten abspeichern sollen. Wenn wir das tun, opfern wir den wichtigen Moment der Bildung dem aktuellen Zeitgeist. Der kann sich schnell ändern, wie Sie aktuell sehen. Vor wenigen Jahren wurde noch ein allgemeines Schulfach „Programmieren“ gefordert, denn in Zukunft wären Programmierer allseits gefragt. Dass Programmieren das Denken in Strukturen schult, ist unbestritten, würde sich heute aber demselben Vorwurf gegenübersehen wie Analysis. Denn wie wir mittlerweile wissen, ist Programmieren eine Fähigkeit, die durch den Einsatz von KI weitgehend obsolet werden könnte. Was auf das logische Schlussfolgern, das semantische Konzeptionieren oder abstraktes Systematisieren nicht zutrifft. Dem Schimmelreiter sei Dank.

Der Autor: ​Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Besser denken –Fokussieren, Verstehen, Entscheiden“. Kontakt: ­​henning-beck.com

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