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Pro und Contra: Kann man Coaching per Fernausbildung lernen?

Der Deutsche Coaching Verband (DCV) sprach sich kürzlich in einer offiziellen Verlautbarung strikt gegen Coachingausbildungen per Fernstudium aus. Die Anbieter sehen die Sache naturgemäß anders. Plausible Argumente haben beide Parteien.


Pro: Wo 'Fernkurs' draufsteht, ist meist mehr drin - von Dr. Björn Migge

Coaching-Fernlehrgänge sind heute stark nachgefragt. Das verändert den Markt für die übrigen Ausbilder und verwundert die Szene, die sich fragt: Was sind das für Coaches, die aus solch einem Fernkurs hervorgehen - Papiertiger? Mitnichten. Ich halte Fernstudien im Coaching für sehr sinnvoll. Fernstudiengänge haben es durchaus in sich: Jeder Fernkurs muss behördlich durch die Staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) geprüft und zugelassen werden. Zudem ist heute jeder Kurs zwingend kombiniert mit einer erwachsenenpädagogischen tutoriellen Begleitung. Das bedeutet: Heute werden in der Regel Blended-Learning-Konzepte angeboten: Lehrmaterial, Online-Teaching, Einsende- und Fallarbeiten, regionale Peergroup-Arbeit, Klausur, Selbsterfahrungs- und Präsenzseminar mit Prüfung. Wo Fernkurs draufsteht, ist also viel mehr drin. Die Fernkurse sind außerdem nach modernen Konzepten der 'Writing Cure' (in Analogie zu Sigmund Freuds 'Talking Cure') gestaltet: Die Teilnehmer haben die Gelegenheit zur Selbsterfahrung.

Natürlich kommen gleichwohl bei einem Fernkurs keine 'fertigen' Coaches heraus. Doch das ist bei den meisten anderen Weiterbildungen ebenso wenig der Fall. Und eines darf man auch nicht vergessen: Die Teilnehmer der Fernstudien absolvieren die Coaching-Weiterbildung meist gar nicht mit dem Ziel, sich als Coach selbstständig zu machen. Viele wollen sich für ihre Grundberufe nur Basiskenntnisse im Coaching aneignen. Das bahnt Wege für eine neue Coachingkultur in deutschen Unternehmen.

Dr. Björn Migge leitet das Weiterbildungsinstitut Westfalen Lippe (Dr. Migge-Seminare) in Porta Westfalica. Er bildet jährlich 400 Coaches in Präsenzweiterbildungen aus und betreut mit seinem Team jährlich ca. 2.500 Coaching-Fernschüler der Klett-Gruppe. Kontakt: www.drmigge.de



Contra: Es fehlt das eigene Erleben - von Oliver Müller

Der Deutsche Coaching Verband (DCV) spricht sich gegen Fernstudiengänge zum Coach aus. Wir sind nämlich der Ansicht: Coaching kann man nicht im Fernstudium erlernen. Und zwar selbst dann nicht, wenn die Studienunterlagen fachlich und didaktisch gut gemacht sind. Denn, was fehlt, ist die Möglichkeit, Coaching selbst zu erleben, sowohl aus der Perspektive des Beraters als auch aus der des Klienten. Dieses eigene Erleben von Coaching ist jedoch unabdingbare Voraussetzung, um die Wirkung einer Coachingmethode richtig einschätzen zu können. Was noch hinzukommt: Wer später coachen will, muss zunächst einmal blinde Flecken bei sich selbst erhellt haben. Andernfalls können diese sich später, im Coachingprozess, als Fallen erweisen.

Zugegeben: Ein guter Fernkurs mag einen Einstieg ins Thema Coaching gewährleisten können - ganz ähnlich wie die Lektüre von Fachliteratur. Doch es sollte den Teilnehmern solcher Studiengänge klar gesagt werden, dass anschließend dennoch eine seriöse methodische Ausbildung notwendig ist. Dass man - wie von einigen Anbietern von Coaching-Fernausbildungen propagiert - im Anschluss an den Lehrgang in einem Praktikum von mehreren Wochen einem erfahrenen Coach bei der Arbeit zusehen kann, ist dagegen kein Ersatz für eigene Erfahrungen. Ich frage mich auch, ob es tatsächlich so einfach ist, einen Coach zu finden, der seinen Kunden beim vertraulichen Vier-Augen-Gespräch einen Zuschauer zumuten würde.

Oliver Müller, Inhaber des Bonner Beratungsunternehmens change concepts sowie stellvertretender Vorsitzender und Pressesprecher des Deutschen Coaching Verbandes (DCV) mit Sitz in Düsseldorf. Kontakt: info@coachingverband.org
Quelle: managerSeminare 114, September 2007
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