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Beitrag von Sylvia Jumpertz aus managerSeminare 326, Mai 2025
Plädoyer für Imagination: Warum positive Zukunftsbilder wichtig sind
Weckruf aus der Forschung: Welche guten Gründe es für Hoffnung gibt
Psychologischer Bauplan: Wie Unternehmen eine Vertrauensarchitektur schaffen
Tipps vom Science Influencer: Wie Fragen helfen, Menschen in Bewegung zu bringen
Der mit der Paradoxie tanzt: Wie Fritz B. Simon für sein Lebenswerk geehrt wurde
Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 326
Zukunft? Ein grantelnder Mann im karierten Hemd mit süddeutschem Zungenschlag schimpft: „Ich bin eher für Früher. Zukunft ist echt a blödes Konzept.“ Schnitt. Szenenwechsel. Auftritt eines sonnenbebrillten Finanz-Bros, der sich selbstgefällig in Richtung Kamera umdreht, seine Calls mit den Elons dieser Welt kurz unterbrechend: „Die Zukunft? Wird super! Denn ich bin vorbereitet. Der normale Bürger hat ETFs und Bitcoins. Mir dagegen gehört der ganze Bums. Ha, ha, ha.“ Abgang des Obercoolen. Bühne frei für einen aufgeschreckten Öko mit Strickmütze und Panikblick, der sich ganz sicher ist: „Die Zukunft wird schrecklich.“
Zum Glück ist das alles nur ein Spiel oder, besser gesagt, eine Ein-Mann-Performance. Ralf Schmitt, Moderator der Petersberger Trainertage, hat für das diesjährige, vom Bonner Verlag managerSeminare veranstaltete „Gipfeltreffen der Weiterbildung“ eine satirische „Straßenumfrage“ gedreht – und darin gleich alle Rollen selbst übernommen. Seinen mit Stereotypen gespickten „Report“ präsentiert er am zweiten Veranstaltungstag nach der Mittagspause – und sorgt damit für lautstarke Erheiterung beim Publikum. Tatsächlich haben die rund 330 Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung gut lachen. Denn sie sind auf den Berg gekommen, um sich – anders als Ralfs Karikaturen – differenziert und reflektiert mit dem Thema Zukunft zu beschäftigen.
Im Laufe von zwei Tagen entsteht ein Wandgemälde mit den zentralen Botschaften der PTT – von Johannes Sauer und Axel Rachow (im Bild) aufs Papier gebannt.
Lucas Heinz/managerSeminare„Zukunft (Ver)trauen“ lautet das Motto des Events im 18. Jahr seines Bestehens. Wie Nicole Bußmann – Chefredakteurin bei managerSeminare und Gastgeberin der Veranstaltung – in ihrer Eröffnungsansprache am Vortag erklärt, ist es auf drei Arten zu verstehen: Zukunft Vertrauen. Zukunft vertrauen. Und Zukunft trauen. Die PTT wollen dazu einladen, das Morgen zu gestalten – mit Zuversicht, Mut und Kompetenzen.
„Stell dir vor, die Zukunft wird großartig und du bist schuld!“ Mit diesem Statement setzt Bußmann den Ton des Events, bei dem kluge Gedanken, Konzepte und Skills nicht nur in sechs Keynotes vermittelt werden, sondern auch in 24 Workshops von Weiterbildungs- und PE-Anbietern. Außerdem gibt es in diesem Jahr ein Novum: Speakers-Corner-Sessions, bei denen sich Besucherinnen und Besucher um den Kamin des geschichtsträchtigen Adenauersaals des Hotels versammeln, um verschiedenen Rednerinnen zu lauschen, die ein Thema kurz und knackig auf den Punkt bringen. Flankiert wird das Programm durch eine Ausstellung, bei der Anbieter ihre Lösungen für Weiterbildung und PE präsentieren, sowie Interaktionen wie Speed-Networking und Bogenschießen. Dass bei all dem die Sonne vom Himmel strahlt, ist ein zufälliges Add-on, das Laune macht.
Tatsächlich könnte der Bedarf, gemeinsam Zuversicht für die Zukunft zu tanken, auch kaum größer sein als im Moment. Die Lage? Komplex. Die Zeit? Aufgewühlt. Es gibt, wie Bußmann erklärt, ein neues Akronym dafür: PUMO (siehe dazu auch das Interview mit Ulrich Lichtenthaler in dieser Ausgabe). PUMO steht für Polarized, Unthinkable, Metamorphic und Overheated. Also für eine Welt, in der Gesellschaften gespalten sind, das Undenkbare passiert, ein Wandel stattfindet, wie wir ihn bisher nicht kannten, und völlig überhitze Debatten am Laufen sind. „Wer auf Linkedin unterwegs ist, weiß, wovon ich spreche“, so Bußmann lakonisch. PUMO ersetze das altbekannte VUCA nicht, sagt sie, es kommt vielmehr on top. Nicht schön. Und trotzdem tun sich inmitten dieser Gemengelage auch Möglichkeiten und Chancen auf. Auch für die, die in Coaching, Training und Beratung tätig sind: Sie können Menschen dabei unterstützen, Zukunft zu gestalten, oder, wie Bußmann es ausdrückt, „Zukunftsarchitekten“ werden.
Zukunftsarchitekten? Da denkt man zunächst eher an Politiker, Figuren, die das große Weltgeschehen bestimmen. Doch die Frau, die zu Beginn des zweiten Kongresstages ihre Keynote hält, belehrt ihr Publikum schnell eines Besseren.
Die Ein-Mann-Band im Stil von Ed Sheeran: Rudy Bax aus Eindhoven begleitet musikalisch via einer Loop-Station. Sein Künstlername daher: Mister Loop.
Lucas Heinz/managerSeminareSilja Graupe, Professorin für Ökonomie und Philosophie sowie Gründerin und Präsidentin der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz, liegt während ihres Vortrags in einem Liegestuhl auf der Bühne. Denn Graupe leidet an einer unheilbaren, unaufhaltsam fortschreitenden Krankheit, die das Zusammenspiel ihrer Nerven und Muskeln beeinträchtigt, die sie zunehmend schwächt und ihr Schmerzen bereitet. Einer Krankheit, die ihr, so muss man es sagen, die Zukunft raubt. Doch in einer Situation, in der viele andere resignieren würden, hat Graupe das Gegenteil getan: Sie hat die Zukunft zum Kernanliegen in ihrer Forschung und Lehre gemacht.
„Was wir heute noch in Schule und Universität erleben, ist, dass Menschen gnadenlos in ihrem Vertrauen erschüttert werden, Welt gestalten zu wollen", konstatiert Graupe in ihrem Vortrag. Visionär zu sein? Utopien zu entwickeln? Sich eine andere, bessere Zukunft vorzustellen? Das gelte als naiv und werde jungen Menschen systematisch ausgetrieben. Dabei sei die Fähigkeit, sich verschiedene Zukünfte vorzustellen, eine der wichtigsten Kompetenzen überhaupt in einer Welt, die radikal ungewiss ist, zitiert Graupe die Zukunftsforscherin Florence Gaub. Ohne sie komme es zu Zukunftsängsten oder gar einem Zukunftsvakuum: Man sieht gar keine Zukunft mehr. „Das“, sagt Graupe, „bedeutet, dass ein Teil unseres Menschseins kaputt ist.“
Mit ihrer Hochschule will sie gegen Furcht und Fatalismus angehen. Die Studentinnen und Studenten trainieren dort (ebenso wie Unternehmensvertreterinnen und Unternehmensvertreter, die an der Einrichtung Weiterbildungen besuchen) ihren „Imaginationsmuskel“. Der erste Schritt dabei ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Zukunftsbild. Sie ist wichtig, erklärt Graupe, weil dieses Bild uns innerlich leitet. Sie zeigt Bilder, die den Studierenden helfen sollen, ihr Zukunftsbild zu fassen zu bekommen. Sehen sie sich eher als Surfer, der die Welle reitet? Als Stein, der behauen wird? Als Meißel, der den Stein bearbeitet? Im zweiten Schritt ist es Graupe zufolge wichtig, zu verstehen, dass Zukunft immer offen ist, sonst wäre sie ja Gegenwart. „Sie ist der Freiraum, den wir als Menschen haben. (...) Ein Freiraum, den einem niemand nehmen kann.“ Wenn das verstanden ist, kann man anfangen, zu imaginieren, sich eine eigene Geschichte von einer wünschenswerten Zukunft zu erzählen, entsprechende Bilder zu entwickeln – um schließlich konkrete Schritte zu ergreifen.
Silja Graupe leidet unter einer neuromuskulären Krankheit, sie kann daher nur liegend auftreten. Für ihre Keynote gibt es Standing Ovations.
Lucas Heinz/managerSeminareEs ist einer der ergreifendsten Momente in ihrem Vortrag, als hinter Graupe auf die Leinwand das Bild eines Waldes mit einer kleinen sonnenbeschienenen Lichtung projiziert wird und sie erklärt, dass dies ihr eigenes inneres Zukunftsbild sei. In zehn, zwanzig Jahren sehe sie sich als Baum, der abgestorben ist und damit dem Licht Platz gemacht hat. Damit in diesem Freiraum andere, junge Bäume wachsen können. Diese Geschichte, sagt Graupe, gebe ihr Kraft und zeige ihr: „Es kommt auf mich an.“ Was sie damit auch meint, ist: Es kommt auf jeden von uns an. Jeder und jede kann Zukunft gestalten.
Eine starke Botschaft einer beeindruckenden Frau. Es gibt Standing Ovations dafür. Und noch, als alle in die Pause gehen, ist bei vielen zu spüren, wie angefasst sie sind. Manche haben Tränen in den Augen.
Die PTT sind erwachsen: Gut 330 Teilnehmende feiern zusammen den 18. Geburtstag des Events.
Lucas Heinz/managerSeminare
Dass es auch auf der rein faktischen Ebene gute Gründe gibt, vor der Zukunft nicht zu kapitulieren, diese Botschaft kommt vom Hochschullehrer und Unternehmer Lothar Abicht. Zwar betont Abicht in seiner Keynote, dass er wahrlich keinen blinden Optimismus verbreiten wolle. Denn, ja, die Lage sei ernst. Klimakrise, demografischer Wandel, Migration. Aber Abicht macht auch deutlich, dass wir in mancherlei Hinsicht zu düster denken. Zumindest gemessen an harten Fakten zu mittel- und langfristigen Entwicklungen.
Zum Beispiel das Gejammer über die faule und fordernde junge Generation: Wissenschaftlich nicht haltbar, sagt Abicht. Denn längst beweist die Forschung, dass das Narrativ von der angeblich arbeitsscheuen Gen Z ein Märchen ist. So wie überhaupt die Idee von Generationenbrüchen wissenschaftlich überkommen ist. In den Wünschen der Jungen spiegele sich nichts anderes als eine generell veränderte Arbeitshaltung der Gesellschaft, erklärt Abicht. Oder die Klimakrise: Natürlich steht es hier äußerst kritisch, zumal mächtige Akteure ein großes Interesse am Fortbestand fossiler Energien haben, so Abicht. Und doch: Selbst hier gibt es Anlass zur Hoffnung für eine positive Entwicklung. Solarenergie wird immer billiger und verdrängt fossile Energie zunehmend; hinzu kommt der massive Ausbau von Energiespeichern. Ähnlich zweischneidig ein weiteres Thema, das häufig übertrieben positiv oder negativ dargestellt wird: Digitalisierung und KI. „Sie können unser Leben bereichern, aber sie können auch zum Wegbereiter inhumaner Konzepte werden“, konstatiert Abicht. Mögliche Produktivitätsschübe, Erleichterungen im Berufs- und Privatleben dank humanoider Roboter und persönlicher digitaler Assistenten stehen einer dräuenden Gefahr durch eine ominöse „Superintelligenz“ entgegen. Von der freilich niemand weiß, ob sie tatsächlich kommt. Und was sie tun könnte.
Lothar Abicht gibt Anlass zur Hoffnung auf eine positive Zukunft.
Lucas Heinz/managerSeminareAuch Abichts Beitrag zeigt: Die Zukunft ist offen. Wir haben es jetzt in der Hand, welche Stränge wir weiterverfolgen wollen – und wie. Und es lohnt sich immer, genau hinzusehen. Wir werden dann erkennen, dass die Entwicklung zum Positiven möglich ist, statt in lähmender Schwarzseherei zu versinken. Musiker Rudy Bax, der den PTT 2025 einen coolen Gitarrensound verpasst, stimmt nach Abichts Auftritt passenderweise „Wake Me Up“ von Avicii an.
Wachrütteln? Das hat auch Moderator Ralf Schmitt drauf. Am ersten Kongresstag fordert er im Bankettsaal nach der Mittagspause: Tauscht euch mit der hinter euch sitzenden Person über drei Fragen aus: Wärst du gerne berühmt? Was ist dir peinlich? Und: Wenn du jeden Menschen auf der Welt zum Essen einladen könntest, wer wäre das? Bingo, der Saal ist jetzt hörbar in Fahrt. Dass die drei Fragen aus dem Kompendium der „36 Fragen zum Verlieben“ stammen, enthüllt Schmitt erst hinterher. Die Fragen wurden auf wissenschaftlicher Basis entwickelt und sollen besonders geeignet sein, Nähe und Vertrautheit zwischen Menschen herzustellen. Wer sich eben auf die Sache eingelassen hat, und etwa bei der Frage, was ihm peinlich ist, eine Geschichte erzählt hat, die wirklich eigene Schwächen offenbart, hat es vielleicht bemerkt: Das Gegenüber hat sich ebenfalls geöffnet, sich verletzlich gezeigt. Ein Phänomen, für das es einen wissenschaftlichen Namen gibt: Vulnerability Circle.
Eric Eller erklärt, was Vertrauen mit Verletzlichkeit zu tun hat.
Lucas Heinz/managerSeminare
Eingeführt wird der Begriff von Keynote Speaker Eric Eller. Der Professor für Wirtschafts- und Medienpsychologie an der TU Ingolstadt hat zum Thema Vertrauen promoviert. „Vertrauen“, sagt Eller, „ist eine Entscheidung für Verletzlichkeit.“ Und zwar eine, die einen reziproken Mechanismus in Gang setzt: „Wer Vertrauen gibt, erhält es auch zurück.“ Diese Reziprozität ist nicht nur faszinierend, sondern dem Wissenschaftler zufolge auch unsere große Chance, weil sie zeigt: „Vertrauen ist kein Zufall, wir können es aktiv, bewusst und systematisch verändern.“ Und das heißt auch: Wir können in unseren Organisationen eine Vertrauensarchitektur und darüber eine Vertrauenskultur schaffen.
Eine runde Sache: In der Rotunde stellen 30 Dienstleister ihre Lösungen für die PE- und Trainingsbranche vor.
Lucas Heinz/managerSeminare
Die Voraussetzung dafür: Wir müssen verstehen, wie Vertrauen entsteht. Der psychologischen Forschung zufolge müssen dafür drei Voraussetzungen erfüllt sein: Wollen, Können und Einschätzen. Eller erklärt: Wir vertrauen nur, wenn wir davon ausgehen können, dass der andere eine gute Absicht hat. Dass er relevante Fähigkeiten und Ressourcen besitzt, sein gegebenes Versprechen zu erfüllen. Und dass sein Handeln für uns stets nachvollziehbar und einschätzbar ist. „Wenn es ein Vertrauensproblem gibt, muss man schauen, welche Achse dieses Vertrauensdreiecks zu kurz geraten ist, und daran arbeiten, sie zu verlängern“, rät der Forscher. Damit in einem Unternehmen eine Vertrauenskultur entsteht, sind Eller zufolge die folgenden psychologischen Prinzipien von Bedeutung: dass man einander mit Benevolenz, also dem ehrlichen Interesse am Wohlergehen des anderen, begegnet. Dass man aufrichtig ist. Dass Transparenz herrscht. Dass man verlässlich ist. Dass man Versprechen einhält. Dass man füreinander bürgt. Aber auch, dass man einander überhaupt begegnet. Denn: „Vertrauen wird in kleinen Momenten aufgebaut, nicht in großen Gesten.“ Das Zitat stammt nicht von Eller, sondern von Anna Weber, oder, genauer gesagt, von der US-Autorin Brené Brown, die Weber zitiert, als sie ein paar Stunden vor dem Vertrauensforscher auf der Bühne steht.
Weiterbildung mit Weitblick: Das Steigenberger Grandhotel auf dem Petersberg ist zum 13. Mal Location der PTT.
Lucas Heinz/managerSeminare
Weber, die gemeinsam mit ihrem Bruder das Familienunternehmen BabyOne von ihren Eltern übernommen hat, hat erlebt, was es bedeutet, Vertrauen zu erfahren: Ihre Eltern ließen ihr und ihrem Bruder radikale Gestaltungsfreiheit: „Sie sind an dem Tag, an dem wir die Firma übernommen haben, ausgezogen und haben sich ein Office in der Innenstadt gemietet. Und wenn sie heute noch mal vorbeikommen, etwa weil ihr Drucker wieder mal streikt, fragen sie an, ob das in Ordnung ist“, erzählt Weber.
Unternehmerin Anna Weber (l.) mit der Botschaft „Struktur schafft Vertrauen“.
Lucas Heinz/managerSeminare
Die Unternehmerin ist aber auch überzeugt: „Es ist die Struktur, die Vertrauen schafft.“ Regeln und Rahmenbedingungen seien wichtig. Und im Zweifel bedeute das, „so hart es auch klingen mag, dass es manchmal, wenn es für das größere Ganze wichtig ist, gut ist, Menschen zu etwas zu zwingen“. Zum Beispiel zur Anwesenheit im Unternehmen. Weber hat nach reiflicher Überlegung großzügige Homeoffice-Offerten gekappt. Bei BabyOne müssen die Mitarbeitenden nun wieder an drei Tagen in der Woche im Unternehmen sein (plus ein Monat „Work from anywhere“ im Jahr). „Weil es einfach nicht funktioniert hat“, sagt Weber. Fast keiner sei freiwillig ins Büro gekommen, sie sah daher Gefahren für Austausch, Kreativität und Innovationskraft.
Neues Format im Adenauer-Saal: In der Speakers Corner bringen Rednerinnen ihre Themen in 12 Minuten auf den Punkt.
Lucas Heinz/managerSeminare
Ein vertrauensförderlicher Akt, weil Vertrauen nun mal die physische Begegnung braucht, um zu gedeihen? Oder letztlich doch ein Akt des Misstrauens? An kritischen Nachfragen aus dem Publikum ist erkennbar, dass man das kontrovers sehen kann. Klar ist dagegen eines: dass in Organisationen Vertrauenswürdigkeit belohnt und Vertrauensbrüche bestraft werden sollten. Wissenschaftler Eric Eller verwendet in seinem Beitrag hierfür ein überraschendes Wort: den aus dem Sanskrit stammenden Begriff „Karma“. Er umschreibt, dass jede Tat eine Wirkung hat. Karma klingt fast schon poetisch. Dabei ist für Poesie auf dem Kongress eigentlich jemand anderes zuständig als Eller: Eva Schulte-Austum.
Die Botschaften von Eva Schulte-Austum sind ein Gedicht – wortwörtlich.
Lucas Heinz/managerSeminare
Die Wirtschaftspsychologin und Beraterin ergänzt die PTT um ein für einen Businesskongress ungewöhnliches Format: einen Poetry Slam. „Taten sprechen lauter als Worte“, rezitiert Schulte-Austum. „Und deshalb bedenke deine Taten. Denn Taten machen aus Worten Realität. Und Taten sind das, was am Ende zählt.“ Ihr dreiminütiges Gedicht umschreibt eine Erkenntnis, die sie auf einer Forschungsreise durch neun Länder gewonnen hat. Neun Länder, in denen die Menschen, so Schulte-Austum, „grundsätzlich ein hohes zwischenmenschliches Vertrauen haben“. Sie entwickeln es dann, wenn sie bei anderen Taten sehen, die Gutes schaffen. Taten, die sie dazu inspirieren, gemeinsam Zukunft zu gestalten. Es sind somit Taten, die „Zukunft mit Zuversicht verbinden“, so Schulte-Austum.
Gipfelstürmer und -stürmerinnen mit Zukunftsvertrauen: Das Team von managerSeminare beim Selfie-Versuch.
Sarah Lambers/managerSeminare
Kann man das wirklich machen? Gewichtige Sachverhalte so spielerisch verpacken? Und ob! Wer auf dem Kongress noch eine Bestätigung dafür gesucht hat, bekommt sie später von Jacob Beautemps. Der aus TV und Social Media bekannte Science Influencer spricht über ein Thema, das für das Publikum der Petersberger Trainertage von Berufs wegen von besonders hohem Interesse ist: Wie gelingt eigentlich erfolgreiche Wissensvermittlung?
Was das mit dem Thema Zukunft und Vertrauen zu tun hat? „Wissenstransfer“, sagt Beautemps, „ist der Schlüssel, damit wir in Bewegung bleiben, um uns weiterzuentwickeln.“ Man könnte auch sagen: Ohne neuen Input kein neues Denken, kein neues Handeln. Viel Zukunftspotenzial werde jedoch dadurch verschenkt, dass es nicht gelingt, Menschen komplexe Informationen nahezubringen. Oder überhaupt ihre Bereitschaft zu wecken, einer Sache ihre Aufmerksamkeit zu schenken, erklärt Beautemps. Als Wissensvermittler mit eigenem Youtube-Kanal („Breaking Lab“), als „Science Buddy“ in der Kinder-TV-Sendung Tigerenten Club und Mitglied der „5 gegen Jauch“ bei RTL weiß er genau, wie man das anstellt, Aufmerksamkeit zu generieren.
Feuer und Flamme für Experimente: Science Influencer Jacob Beautemps lässt sich von einer Freiwilligen aus dem Publikum anzünden.
Lucas Heinz/managerSeminare
Zu Beginn seiner Rede macht Beautemps erst mal das, was er auch im Fernsehen und auf seinem Youtube Channel häufig tut, um komplizierte Inhalte packend zu vermitteln: Er macht ein Experiment. Eine mutige Freiwillige aus dem Publikum kommt aufs Podium und zündet mit einem Feuerzeug Beautemps' zuvor mit Brennstoff präparierte Handfläche an. Sicherheitshalber steht ein Feuerwehrmann bereit. Ein kurzer Moment der Spannung, eine kleine Stichflamme, das war's schon. Aber dafür hat Beautemps jetzt die volle Aufmerksamkeit für sein Anliegen: nämlich, rüberzubringen, dass wir beim Thema Klimakrise („der Endgegner, wenn man Wissenschaftskommunikation macht“) viel zu viel über abstraktes CO2 und zu wenig über das reden, was, „eigentlich der entscheidende Punkt“ ist: das Verbrennen fossiler Rohstoffe zur Energiegewinnung.
Alles für den Fame: Moderator Ralf Schmitt versucht sich spaßeshalber an einem Reel für Instagram.
Lucas Heinz/managerSeminare
Einen guten Hook, einen Haken, zu finden, der die Adressaten packt – das ist dem Science-Vermittler zufolge aber nur ein Hebel, damit Informationen Aufnahme finden und hängen bleiben. Beautemps präsentiert noch vier weitere: Die Kommunikation muss zielgruppengerecht sein. Visualisierung und Emotionalisierung sind hilfreich. Wir brauchen eine gute Struktur. Und, ganz besonders wichtig: Fragen stellen. „Fragen sind das mächtigste Tool, das wir haben, um Wissen zu vermitteln“, betont Beautemps, denn: „Fragen können Menschen in ihrem Weltbild erschüttern.“
Spotlight auf einen Mann, der Zeit seines Lebens Fragen gestellt hat: Fritz B. Simon. Der Psychiater, Therapeut und Berater wird bei den Petersberger Trainertagen mit dem Life Achievement Award (kurz: LAA) der Weiterbildungsbranche ausgezeichnet. „Er hat der Branche nicht wie viele unserer Preisträger eine Methode geschenkt. Er hat ihr ein ganzes Denken geschenkt“, umschreibt LAA-Gremiumsmitglied Nicole Bußmann die Lebensleistung des 76-Jährigen, der das systemische Denken erst in die Psychotherapie und später in Organisationsberatung und Management eingebracht hat. Und der als einer der Ersten dazu auch Weiterbildungen angeboten hat.
Nachklapps zu den Petersberger Trainertagen 2025 für die Teilnehmenden gibt es unter managerseminare.de/veranstaltungen/petersberger-trainertage sowie unter managerseminare.de/managerSeminare/TV.
Die nächsten Petersberger Trainertage finden vom 24. bis 25. April 2026 statt, einmal mehr im Steigenberger Grandhotel auf dem Petersberg bei Königswinter. Infos unter managerseminare.de/veranstaltungen/petersberger-trainertage.
Mit Mut und wachem Geist begann Simon schon früh in seiner Karriere das auszuleben, was ihn bis heute auszeichnet: eine unbändige Neugierde. „Sie haben uns gelehrt, dass die eigentliche Kunst nicht darin besteht, definitive Antworten zu finden, sondern präzisere Fragen zu stellen“, beschreibt Judith Muster, Hochschuldozentin und Partnerin beim Beratungsunternehmen Metaplan, in ihrer Laudatio diese hervorstechende Qualität Simons. Dabei habe Simon auch gezeigt, dass Theorie nicht im Elfenbeinturm verkommen müsse, sondern dass man „gleichzeitig theoretisch informiert und empirisch naiv auf die verrückten Gebilde schauen kann, die wir Organisation nennen“. Simon habe zwar seine Antworten aus der Theorie abgeleitet, nicht jedoch seine Fragen. Die stammten stets aus der Praxis, sagt Muster.
Ein großer Geist mit viel Humor: Fritz B. Simon, LAA-Preisträger 2025, im Bühnen-Interview mit Chefredakteurin Nicole Bußmann.
Lucas Heinz/managerSeminare
Simon verhandele seine Einsichten und Erkenntnisse auch nicht ausschließlich in Fachkreisen. Vielmehr sei es ihm gelungen, „mit Humor, Schärfe und der Fähigkeit, selbst die abstraktesten Theorien greifbar zu machen“, Generationen von Beraterinnen, Therapeutinnen und Führungskräften zu inspirieren. Dazu gehört beispielsweise die Erkenntnis, dass „Paradoxien keine Pathologie, sondern Ausdruck der Komplexität sozialer Systeme sind“. „Mit Ihrem unverkennbaren Gespür für die Vielschichtigkeit sozialer Systeme haben Sie uns gezeigt, dass wir paradoxe Spannungen nicht auflösen müssen, sondern mit ihnen tanzen können“, sagt Muster. Und sie fügt noch einen Satz hinzu, der deutlich macht, warum Simons Auszeichnung bestens auf einen Kongress zum Thema Zukunft passt: „In einer Zeit, in der viele nach einfachen Lösungen suchen, erinnern Sie uns daran, dass Komplexität keine Bedrohung ist, sondern eine Einladung zum Denken.“
Und dann ist er da – der Moment, in dem Simon, begleitet von Standing Ovations, selbst auf die Bühne tritt, den Preis in Empfang nimmt, fürs obligatorische Foto mit dem LAA-Gremium posiert – und sich schließlich mit Nicole Bußmann zum Bühnen-Interview in gepolsterten Lehnstühlen niederlässt. Sein Witz, seine (Selbst-)Ironie, die Bescheidenheit und Nonchalance, mit der er auf sein Wirken blickt: All das ist auch jetzt sofort präsent. Als Simon seine biografischen Erinnerungen Revue passieren lässt. Als er über den Austausch mit Geistesgrößen wie Paul Watzlawick und Heinz von Foerster spricht oder die pionierhaften Zeiten, als er mit Mitstreitern wie Helm Stierlin, Gunther Schmidt und Gunthard Weber in Heidelberg neue Wege beschritt.
Moment der Ehre: LAA-Preisträger Fritz B. Simon (3.v. r.) posiert gemeinsam mit dem Gremium und seiner Laudatorin Judith Muster ( 2.v.l.) fürs Foto.
Lucas Heinz/managerSeminare
Und Simon wird auch einmal mehr seinem Ruf gerecht, gekonnt zwischen wissenschaftlicher Präzision und spielerischer Zuspitzung zu navigieren. Wie man als Führungskraft ein gutes Team zusammenstellt? Indem man Menschen einstellt, die einen ergänzen, weil sie anders sind. „Sonst kann man auch vor dem Spiegel arbeiten“, so Simon. Warum es einfacher ist, die Spielregeln eines Systems zu verändern als die Psyche eines Menschen? Weil man zwar „mit Psychopharmaka, Alkohol und Koksen“ (also auf körperlicher Ebene) die menschliche Psyche beeinflussen kann, sonst aber kaum. Was der elementare Unterschied zwischen den Systemen Unternehmen und Familie ist? „Man gibt die Oma nicht ins Heim, nur weil sie nicht mehr die richtigen Kartoffelpuffer backt.“ Was Simon hier meint: Familien und Unternehmen funktionieren nach komplett verschiedenen Logiken. In Unternehmen sind es die Spielregeln, an denen sich die Menschen ausrichten, in Familien richten sich die Spielregeln eher an den Personen aus.
Der Blick in die Zukunft: Im Future Lab gibt es die Gelegenheit, in VR-Welten einzutauchen.
Lucas Heinz/managerSeminare
Das gilt auch in Familienunternehmen – einem weiteren Forschungs- und Beratungsfeld, auf dem Simon Pionierarbeit geleistet hat. Familienunternehmen sind, so Simon, „zwei getrennte Systeme, die eine gemeinsame Geschichte durchlaufen“. Die Trennung freilich werde in der Praxis oft „nicht so sauber gehandhabt, wie es nötig wäre“. Und dann kommt er wieder – so ein typischer, unaufgeregter, paradoxiefreundlicher, undogmatischer Simon-Spruch: „Muss sie vielleicht auch nicht. Denn wenn man weiß, was man tut, kann man gegen alle Regeln verstoßen.“
Zutrauen in die eigene Zielsicherheit gewinnen die Teilnehmenden beim Bogenschießen bei strahlendem Sonnenschein mit Blick über das Rheintal.
Lucas Heinz/managerSeminare
Eine ganz kleine eigene Paradoxie haben auch die Besucher und Besucherinnen der Petersberger Trainertage nach dem Ende der Veranstaltung noch in Aussicht: In sechs Monaten werden sie eine Postkarte aus ihrem Briefkasten fischen. Und zwar eine, die sie sich selbst aus der Vergangenheit in die Zukunft geschickt haben. Es war eine kleine Übung beim Veranstaltungsauftakt: Auf Geheiß von Moderator Ralf Schmitt zogen alle unter ihrem Stuhl eine Postkarte hervor, die es mit einem Gedanken zu beschriften, an sich selbst zu adressieren und beim Veranstalter abzugeben galt. Jetzt müssen alle nur noch darauf vertrauen, ihren persönlichen Mutmacher-Gedanken für die Zukunft in der Zukunft zu erhalten.
Sylvia Jumpertz
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