Wissen

Neues Denken

Über die Hürde

Es ist die Geschichte eines Optimisten, der ausgezogen ist, sich im 'neuen Denken' zu üben. Der sich auf die Suche nach einem zeitlosen Lebensentwurf machte. Für eine Zukunft, in der das Leben immer häufiger durch Übergänge, Brüche und Zäsuren geprägt sein wird. Doch beim sinnvollen Abschluß mit der Vergangenheit stoßen hierzulande selbst Frohnaturen an ihre Leidensgrenzen. Das Schwert, mit dem man den gordischen Knoten löst, ist eben zweischneidig.
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Er hatte in seinem Leben schon viele Comebacks gehabt. Zuviele, da ist er sich heute sicher. Noch jedesmal hatte er auf den grandiosen Geistesblitz gehofft, der alles von Grund auf ändern würde. Doch nach kurzem und vergeblichem Warten auf eine göttliche Eingebung schickte er sich wieder ins altbekannte Rennen. In seiner Phantasie strebte sein Denken wohl auf zu dem, was sein soll und sein könnte.

In der Tat aber hielten sich dann seine Gedanken nur daran, was ist. Er addierte wieder einmal all die Altlasten, Mahnungen und Verbindlichkeiten, die sich inzwischen aufgetürmt hatten. Dividiert durch die Geduld der jeweiligen Gläubiger errechnete er dann daraus seinen monatlichen Pflichtumsatz. Für eine Kür ließ sein Rechenwerk keine Luft. Also machte er dasselbe wie zuvor, oft sogar mehr desselben. Aber er litt darunter, daß er auf der Stelle trat, nicht experimentieren konnte: für den großen Wurf, den man Innovation nennt. An einem der übernächsten Wochenende, sagte er sich, werde er das Reglement seiner gewohnten Tätigkeiten unterbrechen, um sich noch einmal Gedanken zu machen, was sein soll und sein könnte.

Und wie man es anstellt, sich sinnvoll vom Alten zu verabschieden und zum Neuen zu kommen. Alles was er bisher dazu gehört, gelesen und gesehen hat, waren Kompromisse. Doch wußte schon Walter Gropius: Ideen sterben, sobald sie Kompromisse werden.

Warum also, fragte er sich, lasse er sich immer wieder darauf ein, einem Zweck zu dienen, anstatt aus eigener Absicht heraus zu handeln? Tut so, als wolle er zum Prototyp eines Traumschwiegersohnes mutieren? Preßt jeden Tag, jede Woche und jeden Monat in das gleiche feste Schema? Liest morgens erst den politischen, dann den Wirtschaftsteil der Zeitung? Verschwendet viel Zeit mit dem Kasperltheater der Reengineering- und Sinn-Clowns? Hechelt nach Aufträgen? Mehrt irgendeinen Shareholder value? Macht sich wichtig? Gibt sich solidarisch? Und warum muß er postwendend behördlichem Vordruck folgen? Warum, fragte er sich plötzlich wütend, sei er nur so verdammt funktional und aktionistisch…
Autor(en): Henry Joe Heibutzki
Quelle: managerSeminare 31, April 1998, Seite 38-44
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