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Redlich ist, wer sagt, was er meint

Moralisches Missverständnis

Ulf D. Posé ist Präsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft e.V. Für managerSeminare wirft er in seiner Kolumne 'Der ethische Kompass' regelmäßig einen kritischen Blick auf unser tägliches Handeln in Wirtschaft und Beruf, hinterfragt die Normen, die uns dabei leiten, und stellt allgemein akzeptierte Wertvorstellungen auf den Prüfstand.

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Kürzlich sagte ein Unternehmer zu mir: 'Gewerkschafter sind Marxisten, die mir mein persönliches Eigentum streitig machen wollen.' Ich entgegnete, dass nach meinem Kenntnisstand Karl Marx niemandem sein persönliches Eigentum wegnehmen wollte. Vielmehr habe er von Privateigentum gesprochen, worin das lateinische Wort 'privare', also rauben, steckt. Genau genommen habe Marx also das Eigentum an Produktionsmitteln als geraubtes Eigentum bezeichnet. Mein Gegenüber reagierte säuerlich: 'Sie haben wohl überhaupt keine Ahnung, Herr Posé.'

Dass das Gespräch nicht sehr fruchtbar war, lag zum großen Teil daran, dass der Unternehmer nicht vom Marxismus gesprochen hat, sondern von den Gefühlen, die er mit diesem Begriff verbindet. Andernfalls hätten wir uns leicht einigen können, dass Marx mit seiner Ideologie die Entfremdung des Arbeiters von seinem Arbeitsergebnis kritisierte. Der Fehler lag also im Emotionalen.

Aristoteles unterteilt Menschen in zwei Kategorien: in Redliche und Unredliche. Redlich ist für ihn derjenige, der weiß, worüber er spricht. Der redliche Mensch spricht von den Dingen selbst, nicht von den Gefühlen, die er hat, wenn er an sie denkt. Der Redliche unterscheidet Wissen von Meinen. Den alten Griechen war es wichtig, zu klären, worüber gesprochen wird, bevor sie eine Entscheidung fällen. Das finden heute viele Menschen lästig. Dabei ist der verantwortungsvolle Umgang mit Begriffen die Voraussetzung dafür, Probleme sach- und fachgerecht lösen zu können. In Politik, Wirtschaft und Kultur erleben wir jedoch, dass Menschen sich hemmungslos mit den Abfallprodukten ihrer Großhirnrinde prostituieren. Sie äußern sich zu ihren Gefühlen und behaupten, von der Sache selbst zu reden. Was stört mich Wissen, wenn ich doch schon eine Meinung habe?

Autor(en): Ulf D. Posé
Quelle: managerSeminare 138, September 2009, Seite 43 - 43 , 4513 Zeichen

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