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Coaching per Fernausbildung?

Dipl.-Psych. Sabine Nieländer, NCT - Nieländer Coaching und Training, Detmold: 'Auch eine ausschließliche Präsenzfortbildung zum Coach ist kein Garant für Selbstreflexion

Dipl.-Psych. Sabine Nieländer, NCT - Nieländer Coaching und Training, Detmold: 'Auch eine ausschließliche Präsenzfortbildung zum Coach ist kein Garant für Selbstreflexion und persönliche Entwicklung.'

Als Diplom-Psychologin und approbierte Psychotherapeutin habe ich vor einigen Jahren auch das Tätigkeitsfeld Coaching integriert. Als Coach profitiere ich von meinen psychotherapeutischen Zusatzausbildungen, die ich ausschließlich in Präsenzform erworben habe. Meine Kompetenz beziehe ich aber aus über 10 Jahren praktischer Tätigkeit und der kontinuierlichen Reflexion meiner Person und meines Handelns durch Intervision oder Supervision. Genau an dieser Stelle tut sich für mich in der Diskussion zwischen Dr. Björn Migge und Oliver Müller eine Schere auf.

Wie Björn Migge einräumt, wird niemand durch ein Fernstudium zu einem 'fertigen' Coach. Gleichwohl beinhaltet ein didaktisch gut aufgebauter Fernlehrgang meiner Ansicht nach nicht nur die Möglichkeit einer inhaltlichen, sondern auch einer prozesshaften Auseinandersetzung mit sich selbst. Und, ja, inwieweit und wie intensiv diese Möglichkeit vom einzelnen Fernschüler genutzt wird, kann nur teilweise durch diejenigen, die als Tutoren die Einsendeaufgaben bearbeiten und kommentiert zurückschicken, nachvollzogen und durch entsprechende Kommentare gefördert werden. So liegt vieles in der Eigenverantwortung der Fernstudierenden. Dies ist meiner Ansicht nach allerdings kein Manko des Fernstudiums an sich, das ein Selbsterfahrungs- und Präsenzseminar beinhaltet, wie Björn Migge ausführt.

Oliver Müller vermittelt in seiner Stellungnahme ein wenig den Eindruck, dass eine Coachingausbildung in Präsenzform weitaus mehr in Bezug auf die persönliche Qualifikation eines Coaches leisten kann. Ich stimme mit ihm darin überein, dass die Anwendung von Coachingmethoden in der Rolle als zukünftiger Coach und das 'eigene Erleben von Coaching' in der Rolle des Klienten bedeutsam sind. Ob dadurch jedoch tatsächlich jeder seine 'blinden Flecken ... erhellt', bezweifle ich. Zum einen liegt es in der Person des Lehr-Trainers oder Lehr-Coaches, inwieweit in der Coachingweiterbildung Selbsterfahrung ermöglicht und gefördert wird. Zum anderen wird sich auch dort jeder Teilnehmer nur entsprechend seiner innerpsychischen Möglichkeiten und Offenheiten darauf einlassen - mit anderen Worten: Auch eine ausschließliche Präsenzfortbildung zum Coach ist kein Garant für Selbstreflexion und persönliche Entwicklung! Die Professionalität eines Coaches bildet sich meiner Ansicht nach durch einen weiterführenden Prozess, der die praktische Tätigkeit begleiten sollte, z.B. durch kontinuierliche Fort- und Weiterbildung sowie Intervision/Supervision. Was eine Coachingfortbildung - und zwar sowohl über ein Fernstudium mit Präsenzangebot als auch in ausschließlicher Präsenzform - leisten kann, ist, bei den Teilnehmern eine entsprechende Grundeinstellung zu fördern und eine Haltung zu vermitteln, die einen eigenverantwortlichen Umgang mit Klienten ermöglicht.



Dagmar Dölschner, BARMER Hauptverwaltung Prozessberatung, Wuppertal: 'Ich finde es hilfreich, das Studium berufsbegleitend absolvieren zu können.'

Ich bin Teilnehmerin eines Fernstudienganges Coaching und Moderatorin der Uni Bielefeld und arbeite hauptberuflich in der Prozessberatung der BARMER. Das Studium geht über 3 Jahre, im ersten Jahr werden alle theoretischen Hintergründe, Methoden und Methodiken sowie Didaktik vermittelt, erst im 2.und 3. Jahr schließen sich jahresweise Praxisphasen an. Ich finde es ungeheuer hilfreich, so ein Studium berufsbegleitend absolvieren zu können, da sich Theorie und Praxis in Studium und Berufsausübung in idealer Weise ergänzen. Bereits im ersten Jahr kann ich so in der Theorie erarbeitete Inhalte z.B. in eigenen Workshops ausprobieren.

Hinsichtlich der Ausübung von Coaching stimme ich Ihnen insofern zu, dass ich mich persönlich wohler fühle, wenn ich mein Coaching qualitätssichern lasse. Da ist die Arbeit in einem erfahrenen Team sinnvoll. Ich habe mir für die Metakommunikation einen externen Supervisor gesucht. Blinde Flecken in der eigenen Arbeit decken die Praxisphasen im Fernstudium im geschützten Rahmen auf. Auch bei einem Direktstudium muss doch die Praxis erst zeigen, wie es der Coach vermag, mit seinen 'Werkzeugen' umzugehen. Coaches sind übrigens schon bereit, einen (stummen und tauben) 'Zuschauer' zuzulassen, es ist eher eine Frage, wie der Coachee das sieht ...



Thomas Härtl, Manager Training & Quality in einem amerikanischen Unternehmen: 'Wichtig ist, was der Teilnehmer aus dem Angebot für sich selbst macht.'

Ich habe Ihren Bericht sehr aufmerksam und mit viel Interesse gelesen. Meine Meinung dazu: Man kann! Das Fernstudium ist hervorragend geeignet, sich neben einem Fulltime-Job professionell weiterzubilden. Weil ich mir meine Zeit so einteilen konnte, wie ich es brauchte. Und inhaltlich hat es meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Die Investition wurde mir mit Zinseszins vergütet. In dem einwöchigen Präsenzseminar, das studienbegleitend angeboten wurde, habe ich sehr intensive Erfahrungen machen dürfen. Das mangelnde Erkennen des eigenen 'blinden Fleckes', wie Oliver Müller in seiner Contra-Position argumentiert, kann ich nicht bestätigen, im Gegenteil: Das Seminar bringt Dich schnell an 'unbewusste Entwicklungspotenziale', und zwar auf eine sehr wertschätzende Art und Weise in einem Tempo, das der Teilnehmer für sich selbst bestimmt. Und hier sind wir aus meiner Sicht bei einem zentralen Punkt: Wichtig ist, was der Teilnehmer aus dem Angebot für sich selbst macht. Nach meinem Studium der Wirtschafts- und Organisationswissenschaften konnte ich auch noch keine Abteilung in einem Wirtschaftsunternehmen leiten. Das kommt erst mit der Erfahrung. Das Studium war nicht mehr als eine 'Eintrittskarte'. Doch der Unterschied beim Fernstudium 'Coaching': Hier erlebst Du die angebotenen Methoden hautnah in intensiver Kleingruppenarbeit, als Coach, als Klient und noch einmal als neutraler Beobachter. Jeden Seminartag, täglich insgesamt 13 Stunden. So anstrengend, aber auch so intensiv waren meine Vorlesungen in meinem Wirtschaftsstudium nicht. Wer sich in seinem beruflichen Umfeld professionell in Richtung Coaching weiterbilden möchte, dem kann ich das Fernstudium wärmstens und guten Gewissens empfehlen!



Horst Lempart, Personal Coach und psychologische Beratung: 'Coaching lebt aus der Selbstwahrnehmung, die keine noch so fundierte theoretische Ausbildung bieten kann.'

Ein Medizinstudium macht noch keinen guten Arzt. Das Abi mit 1,0 verspricht noch keinen guten Mitarbeiter. Coaching ist eine Qualifikation, die erst durch vielfältige Übung und Erfahrung wächst und gedeiht. Coaching lebt aus der Selbstwahrnehmung, die keine noch so fundierte theoretische Ausbildung bieten kann. Weder ein Fernstudium noch ein Präsensseminar von drei oder mehr Wochen machen einen guten Coach. Ausschlaggebend ist die Sicherheit, mit der die erlernten Methoden eingesetzt werden.

Viele Fernstudiengänger stehen in einem Arbeitsverhältnis, das neben der Theorie auch eine praktische Erprobung erlaubt. Das ist gerade im Business-Coaching nach meiner Erfahrung sogar sehr häufig der Fall. Andere Coaches, besonders in der psychologischen Beratung, sammeln erste Erfahrungen in ihrem privaten Umfeld und bieten oft ein Stück Lebenshilfe. Ich kenne niemanden, der ohne vorherige Erfahrung im sozialen oder personalwirtschaftlichen Bereich gleich nach dem Fernstudium als selbstständiger Coach arbeitet. Dafür scheint mir der Markt viel zu sensibel und zu kritisch.
Eine zusätzliche methodische Ausbildung halte ich für sinnvoll und vertiefend, nicht für obligatorisch. Oft stellt sich im Laufe der praktischen Erfahrung erst heraus, wo die besonderen Stärken und Neigungen liegen. Bei einem verantwortungsvollen Coach sollte immer der Klient und sein Auftrag im Mittelpunkt stehen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Form die Ausbildung hatte. Schlimmstenfalls läuft eine Intervention ins Leere und erzielt nicht den gewünschten Erfolg. Da wir es aber nicht mit krankhaften Störungen zu tun haben, halte ich dieses Risiko für kalkulier- und vertretbar. Coaching per Fernstudium ist als Basisausbildung ein zeitgemäßes Angebot. Oft ist es auch von den Kosten her eine attraktive Alternative.



Dr. Frank Strikker, Wissenschaftlicher Leiter Fernstudium Coaching und Moderation ZWW der Universität Bielefeld: 'Die Qualität einer Ausbildung wird durch die Personen (Trainer wie Teilnehmer), durch ihre Didaktik, ihr Curriculum und durch ihre Materialien bestimmt.'

Diese Frage Fernstudium oder nicht mag einzelne Gemüter bewegen, dennoch zielt sie an dem Kern einer Coachingausbildung vorbei. Die Qualität einer Ausbildung wird durch die Personen (Trainer wie Teilnehmer), durch ihre Didaktik, ihr Curriculum und durch ihre Materialien wesentlich bestimmt. In all diesen Feldern können Präsenzausbildungen ebenso begeistern wie Fernstudien. Daher wäre es spannend, die Qualitätskriterien einzelner Ausbildungsgänge zu betrachten anstatt durch pauschale Diskussionen über einen Lernweg voreilig zu generalisieren.

Die Erfahrungen an der Universität Bielefeld zeigen, dass ein Fernstudium im Bereich Coaching zu sehr guten Ergebnissen führen kann, die durch eine umfangreiche Präsenzphase praktisch abgerundet werden. Studierende beschäftigen sich intensiv mit theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungsmöglichkeiten. Aus dieser Verbindung in einem Blended Learning sind sehr aufschlussreiche Abschlussarbeiten entstanden, die in ihren Unternehmenskontexten zu weit reichenden Diskussionen und innovativen Veränderungen angeregt haben. Ohne eine theoretische und reflexive Beschäftigung mit der Thematik wären diese innovativen Ideen nicht angestoßen und die Maßnahmen nicht umgesetzt worden.



Sigrid Goeckel, Interkulturelles Training und Coaching, Schönenberg/Schweiz: 'Was ein Fernkurs zum Thema Coaching bringen soll, ist mir rätselhaft.'

Eine Coaching-Ausbildung sollte zum überwiegenden Teil aus Selbsterfahrung, eigenem Erleben und Einüben von Coaching-Sequenzen bestehen. Der theoretische Anteil tritt dabei weit in den Hintergrund. Was also ein Fernkurs zu diesem Thema bringen soll, ist mir rätselhaft. Eine gute Ausbildung im Bereich Coaching steht und fällt mit der Erfahrung des trainierenden Coachs. Durch einen Glücksfall bin ich an das Kurszentrum Aarau (Schweiz) geraten und kann nur sagen: So muss eine Coaching Ausbildung aussehen.
Quelle: managerSeminare 116, November 2007
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