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Landeszuschüsse gestrichen

Privatuni Witten/Herdecke knapp an Pleite vorbeigeschrammt

Nach der Streichung von Landesfördergeldern Ende 2008 stand die Hochschule Witten/Herdecke kurz vor der Insolvenz. Doch zwei private Partner der Hochschule sprangen kurzerhand in die Bresche und stopften die größten Finanzlöcher. Die Zukunft von Deutschlands ältester Privatuniversität steht aber weiterhin auf der Kippe.

Die Universität Witten/Herdecke erreichte kurz vor Weihnachten 2008 eine Hiobsbotschaft: Das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium hat den Geldhahn zugedreht. Konkret geht es um Fördergelder in Höhe von 4,5 Millionen Euro, die für die Privatuni im NRW-Haushalt 2008 eingeplant waren. Darüber hinaus fordert das Land drei Millionen Euro Zuwendungen für 2007 zurück. 'Die Hochschule konnte die zuwendungsrechtlich geforderte ordnungsgemäße Geschäftsführung nicht nachweisen und weder für 2009 noch für die nächsten beiden Jahre einen verlässlichen, testierten Wirtschaftsplan vorlegen', hieß es zur Begründung aus dem Ministerium. Der Widerspruch der Hochschule folgte auf dem Fuße: Die Uni habe sehr wohl einen durch einen Wirtschaftsprüfer plausibilisierten Plan für die Jahre 2009 bis 2011 vorgelegt, der sogar einen ausgeglichenen Haushalt erwarten lasse, sagte Ralf Hermersdorfer, ein Sprecher der Uni.

Präsident und Vize zurückgetreten

Zum Vorwurf der 'nicht ordnungsgemäßen Geschäftsführung' erklärte er: 'Wir haben das juristisch prüfen lassen. Ergebnis war eine anwaltliche Bestätigung, dass ein Fehlverhalten nicht vorliegt.' Nichtsdestotrotz zog die Universität aus den Vorwürfen unmittelbar personelle Konsequenzen – und zwar auf höchster Ebene. 'Prof. Dr. Birger Priddat stellt mit sofortiger Wirkung sein Amt als Präsident der Universität Witten/Herdecke und als Geschäftsführer der Private Universität Witten/Herdecke gGmbH zur Verfügung', teilte die Uni in einer offiziellen Stellungnahme bereits einen Tag nach dem Rückzug des NRW-Ministeriums mit. Priddat habe sich zum Rücktritt entschlossen, um die Voraussetzungen für einen Neuanfang in der Beziehung zum Land Nordrhein-Westfalen zu schaffen, so die offizielle Sprachregelung. Kurz nach dem Präsidenten nahm auch sein Vize den Hut. Maxim Nohroudi, der erst seit November 2008 die Funktion des Vizepräsidenten innehatte, stellte sein Amt zur Verfügung.

Die Streichung der Unterstützung bedeutete für die chronisch klamme Hochschule einen herben Schlag, die Pleite schien kaum noch abwendbar. Die Landesgelder machten im Geschäftsjahr 2006/2007 immerhin 14 Prozent der Gesamterträge aus. Zudem war der Universität erst im August 2008 ein potenter Financier abhanden gekommen. Die Unternehmensberatung Droege International, die in den folgenden sieben Jahren insgesamt 12 Millionen Euro investieren wollte, kündigte ihre Zusammenarbeit auf. Übrigens mit einer ähnlichen Begründung wie aktuell das Wissenschaftsministerium. 'Seitens der Universität liegt weder ein aktueller Business- noch ein Finanzierungsplan für das Geschäftsjahr 2007/2008 vor, aus dem hervorgeht, welche Maßnahmen zur weiteren Entwicklung und Existenzsicherung der Universität geplant sind', teilte das Düsseldorfer Unternehmen im Sommer mit.

Noch vor dem Jahreswechsel kam dann aber erst einmal Entwarnung: 'Es geht weiter in Witten', sagte nach einer nächtlichen Krisensitzung im NRW-Wissenschaftsministerium ein Verhandlungsteilnehmer. Es sei sogar möglich, dass das Land NRW die Förderung wieder aufnimmt. Zusammengesessen hatten neben NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart und Hochschulvertretern auch Repräsentanten der Darmstädter Software AG Stiftung und des Heidelberger Gesundheitskonzerns SRH Holding, zwei Förderer der Uni. Diese haben sich bereit erklärt, das Millionenloch der Hochschule für das vergangene Jahr zu stopfen.

Ausfallbürgschaft in Höhe von zehn Millionen

Zudem stellten sie zusammen mit weiteren privaten Partnern eine Ausfallbürgschaft in Höhe von zehn Millionen Euro in Aussicht. Dadurch ist die Hochschule zwar noch nicht gerettet, aber es wurde Luft geschafft, um nach neuen Sponsoren zu suchen.

Die Suche dürfte sich allerdings als schwierig erweisen. Zum einen ist die Sponsoringkultur in Deutschland im Uni-Sektor noch nicht sehr entwickelt – anders als etwa in den USA, wo Elite-Universitäten regelmäßig mit üppigen Privatmitteln bedacht werden. Zum anderen ist die Hochschule jüngst mehrfach ins Gerede gekommen. So berichtete zum Beispiel 'Die Welt' unter Berufung auf einen 'Uni-Insider', dass Dozenten in einzelnen Fällen seitens der Fakultät angewiesen worden seien, auch säumigen Studenten Leistungsscheine auszustellen.

Zusätzliches Geld in die Kasse soll nun eine deutliche Erhöhung der Studiengebühren spülen. Der Anteil der Semesterbeiträge an der Gesamtfinanzierung der Hochschule soll von derzeit sieben über einen Zeitraum von fünf Jahren auf 20 Prozent erhöht werden. Aktuell zahlen die Studenten je nach Fach 25.000 bis 60.000 Euro für ihr Studium.

Wie es für die 1.200 Studenten der als gemeinnützige GmbH geführten Hochschule weitergehen wird, wenn es trotz aller Anstrengungen dennoch zur Insolvenz kommt, ist ungewiss. Üblicherweise müssen Privatunis eine Bürgschaft hinterlegen, damit die Studenten im Notfall ihr Studium ordnungsgemäß abschließen können. Witten/Herdecke hatte dieses Geld laut Wirtschaftsministerium wegen der angespannten Finanzlage aber bereits Mitte der 90er Jahre nicht mehr aufbringen können. Am wahrscheinlichsten ist daher, dass das Ministerium die Studenten im Falle eines Falles auf andere Hochschulen in NRW verteilt.

Autor(en): (ama)
Quelle: managerSeminare 131, Februar 2009
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