Führung meets Coaching
Führung meets Coaching

Wertvolle Wiederholung

Martin Wehrle erklärt, wie wir durch die Wiederholung weniger Worte unseres Gegenübers mehr über dessen Ansichten, Einstellungen und Denkweisen erfahren können.

Neulich war ich Supervisor bei einem Vorstellungsgespräch, es kam zu folgendem Dialog: „Wie stellen Sie sich Ihren ersten Arbeitstag bei uns vor?“, fragte der Personaler. Die Kandidatin antwortete: „Ich denke, dass ich die Kollegen kennenlerne, dass mir meine Aufgabe erklärt wird und dass ich vielleicht schon erste Ergebnisse erziele.“ Der Personaler gab sich mit der Antwort zufrieden und fuhr fort: „Woran merken Sie, dass Ihre Einarbeitung gut läuft?“ Die Bewerberin überlegte einen Moment. „Daran, dass ich die Zusammenhänge verstehe und danach in der Lage bin, den Job selbst auf hohem Niveau zu verrichten.“ Der Personaler akzeptierte die Antwort und holte zur nächsten Frage aus.

So laufen viele Gespräche, nicht nur mit Bewerbern. Fragen werden beantwortet, aber nur oberflächlich. Doch obwohl offen bleibt, was mit einer Aussage wirklich gemeint ist, hakt niemand nach. Im Coaching gibt es eine einfache Technik, solchen Gesprächen mehr Tiefgang zu verleihen: wichtige Begriffe der Aussage des Gegenübers werden wiederholt – als Einladung, das Beschriebene weiter auszuführen oder die eigenen Wörter zu definieren.

In dem beschriebenen Vorstellungsgespräch könnte das etwa so klingen: Auf die Antwort der Bewerberin „Daran, dass ich die Zusammenhänge verstehe und danach in der Lage bin, den Job selbst auf hohem Niveau zu verrichten“ könnte der Personaler sagen: „Zusammenhänge verstehen.“ Er muss diese Wörter einfach nur wiederholen, ohne sie wie eine Frage klingen zu lassen. Und was tut die Bewerberin nun? Sie erläutert ihre Aussage näher, etwa indem sie sagt, was es für sie bedeutet, Zusammenhänge zu verstehen. Vielleicht gibt sie ein Beispiel aus einem vorangegangenen Job. Oder der Personaler setzt einen anderen Schwerpunkt und wiederholt: „Auf hohem Niveau zu verrichten.“ Nun wird die Bewerberin vertiefen, was sie unter hohem Niveau versteht. Oder sie erklärt, warum sie einen solchen Anspruch an sich hat.

An dieser Stelle mag man einwenden: Wäre es nicht klüger, gleich eine Frage zu stellen, etwa: „Was verstehen Sie unter hohem Niveau?“ Das ist auch möglich. Aber jede Frage schränkt die Gedanken ein und weist der Antwort eine Richtung. Dagegen sorgt die offene Wiederholung eines Begriffes dafür, dass das Gegenüber sich aussuchen kann, welche Frage es dahinter hört. Dadurch erfahren wir mehr über einen Menschen. Zum Beispiel sagt jemand: „Bei mir kommt Qualität vor Geschwindigkeit.“ Und wir wiederholen: „Vor Geschwindigkeit.“ Der eine Gesprächspartner wird sich jetzt rechtfertigen, dass es doch wichtigere Dinge als Tempo gibt – das könnte ein Hinweis auf ein eher wackliges Selbstbewusstsein oder auch mangelnde Arbeitsgeschwindigkeit sein. Der andere wird ein Plädoyer für Qualität halten – das könnte ein Hinweis auf hohe Ansprüche sein. Wieder ein anderer wird eine Abwägung zwischen Geschwindigkeit und Qualität vornehmen – das könnte ein Hinweis auf differenziertes Denken sein. Solche wertvollen Erkenntnisse fliegen uns durch die einfache Wiederholung von Wörtern zu.

Der Autor: Martin Wehrle ist Karrierecoach und Coachausbilder mit eigener Akademie in Hamburg. Sein aktuelles Fachbuch heißt „Die 50 kreativsten Coaching-Ideen“. Kontakt: karriereberater-akademie.de

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