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Beitrag von Martin Wehrle aus managerSeminare 334, Januar 2026
Volker, Abteilungsleiter in einem mittelgroßen Unternehmen, wirkte müde, fast resigniert, als er zu mir ins Coaching kam. „Ich weiß nicht mehr, wie ich das Team führen soll“, seufzte er. „Egal, was ich tue – die Teammitglieder folgen nicht.“ Ich nickte und sagte: „Setzen Sie sich bitte auf drei Stühle.“ Er sah mich irritiert an. „Drei?“ Ich lächelte: „Ja. Drei Perspektiven. Probieren wir es aus.“
Drei Stühle bilden die Grundlage einer Methode, die ich den „Regiestuhl“ nenne. Sie stammt aus der Theaterarbeit: Regisseure wechseln ständig Perspektiven, beobachten Szenen von außen, treten manchmal selbst auf die Bühne und treten wieder zurück. Dadurch gewinnen sie Klarheit und lösen Blockaden. Das funktioniert auch in der Führungsarbeit. Stuhl eins ist der Führungsstuhl. Volker nahm Platz und murmelte: „Okay, das bin ich. Ich plane, organisiere, übernehme Verantwortung – und ich hetze ständig.“ Er verschränkte die Hände und sagte fast zu sich selbst: „Warum reagiert keiner, wie ich will?“ Nach einiger Zeit bat ich ihn auf den Teamstuhl. Volker setzte sich um, atmete tief und sagte leise: „Ich höre, dass die Teammitglieder genervt sind. Sie fühlen sich übergangen. Das habe ich so noch nie bemerkt.“ Er runzelte die Stirn, als würde er die Gedanken eines anderen Menschen betrachten. „Und jetzt beobachten Sie sich selbst von außen“, sagte ich und zeigte auf den Regiestuhl. Er setzte sich, lehnte sich zurück und murmelte: „Ah! Ich sehe es. Ich greife zu früh ein. Ich misstraue. Ich bin selbst Teil des Problems.“ Sein Blick klärte sich, die Schultern entspannten sich.
Der Wechsel zwischen den Stühlen verändert nicht nur den Blick, sondern auch den Tonfall und die Mimik. Volker lächelte plötzlich und sagte: „Es ist, als würde ein Schalter umgelegt. Konflikte wirken klarer, Entscheidungen leichter.“ Der Regiestuhl schafft, was ich „intelligente Distanz“ nenne. Im Alltag stecken Führungskräfte oft tief in Aufgaben. Auf dem Regiestuhl werden sie Zuschauer ihrer eigenen Führung. Sie erkennen Muster, die sonst verborgen bleiben, und gewinnen Handlungsfreiheit.
Die Methode können Führungskräfte auch in Eigenregie durchführen: Dazu wird auf dem ersten Stuhl laut eine aktuelle Herausforderung beschrieben. Dann folgt der Wechsel auf den zweiten Stuhl, auf dem das Thema aus Sicht eines Teammitglieds geschildert wird, und schließlich auf den dritten, um die Außenperspektive einzunehmen. Dabei werden Beobachtungen notiert, keine To-dos. Die Methode lebt vom Spüren, vom bewussten Wahrnehmen.
In der nächsten Coachingsession, drei Wochen später, war Volker deutlich entspannter. „Ich habe gemerkt, dass ich immer auf dem Führungsstuhl saß“, sagte er. „Jetzt wechsle ich häufiger – manchmal nur innerlich. Aber es verändert, wie ich führe. Ich fühle mich klarer und ruhiger. Mein Team reagiert anders.“ Die volle Wirkung entfaltet sich, wenn der Perspektivwechsel zu einer neuen Haltung führt. Dann bereitet Führung keine Last mehr, sondern wird zur gestalterischen Aufgabe. Wer den Regiestuhl regelmäßig nutzt und so seine Rolle immer wieder neu – mit Abstand, Neugier und einem Hauch Theatergeist – betrachtet, gewinnt Klarheit, Freiheit und die Möglichkeit, Führung kreativ und wirksam zu gestalten.
Der Autor: Martin Wehrle ist Karrierecoach und Coachausbilder mit eigener Akademie in Hamburg. Sein aktuelles Fachbuch heißt „Die 50 kreativsten Coaching-Ideen“. Kontakt: karriereberater-akademie.de
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