Reflexion

Denkimpuls
Denkimpuls

Versuch macht klug

Was bei kleinen Kindern selbstverständlich ist, verliert sich mit zunehmendem Alter: das wertschätzende Feedback auf den bloßen Versuch. Dass Ausprobieren im Erwachsenenalter oft weniger geschätzt wird, ist dabei nicht nur eine persönliche Frage, sondern ein gesellschaftlicher Befund. Coach Horst Lempart zeigt in seinem neuen Denkimpuls, warum der Mut zum Versuch für Entwicklung zentral bleibt.

Was für kleine Kinder selbstverständlich ist, wird mit zunehmendem Alter mehr und mehr zur Ausnahme: die positive Verstärkung des Ausprobierens. Ob sie die ersten Schritte machen, die Schuhe alleine anziehen oder Gegenstände richtig erkennen: Kleine Erfolgserlebnisse von Kindern werden mit besonderer Anerkennung honoriert. Selbst dann, wenn das Ergebnis noch sehr ausbaufähig ist – immerhin zählt der Versuch.

Diese positive Verstärkung geht relativ früh verloren. Spätestens dann, wenn die Ergebnisse für soziale Vergleiche herhalten müssen. Dann ist die Anerkennung nicht mehr bedingungslos, sondern an Erwartungen geknüpft: „Das macht man so nicht!“ Oder: „Schade, dass es nur für die Note Drei gereicht hat.“ Die erwartete Ergebnisqualität und der Vergleich mit anderen treten mehr und mehr in den Vordergrund. Das ältere Kind lernt: Gut und richtig ist, was keine Fehler enthält und den Erwartungen entspricht.

Spätestens dann, wenn Ergebnisse für soziale Vergleiche herhalten müssen, ist Anerkennung nicht mehr bedingungslos, sondern an Erwartungen geknüpft.

Weiter durch Rückentwicklung

Doch wie kommt es zu dieser Veränderung? Drei mögliche Gründe:

  1. Schulen und andere Ausbildungsstätten lenken den Blick auf Defizite: Auch wenn der Rotstift durch einen Grünstift ersetzt wird, bleiben Noten zentraler Aspekt der Leistungsbeurteilung. Rückmeldungen konzentrieren sich auf das, was noch nicht stimmt. So lernen Kinder: Anerkennung gibt es bei Fehlerfreiheit. Das zieht sich später oft auch im Berufsleben durch.
  2. Mit zunehmendem Alter der Kinder verlagert sich häufig der elterliche Fokus: Anfangs soll sich das Kind frei entfalten können, später soll es etwas leisten. Nicht selten wird das Kind zum Projekt, dessen Erfolg oder Misserfolg indirekt auch den elterlichen Selbstwert spiegelt.
  3. Mit etwa sechs Jahren entwickelt sich die Fähigkeit zur sozialen Vergleichbarkeit. Das Kind kann sich nun mit anderen messen – und tut das auch. Dadurch verschiebt sich der Fokus von „Ich wachse“ zu „Wie gut bin ich im Vergleich?“.

Die Folge ist, dass wir mit zunehmendem Alter eine Art Fehlervermeidungsprogramm entwickeln. Wir lernen, Risiken zu meiden und verknüpfen Lob mit Bedingungen („Ich bin gut, wenn …“). Die Freude am spielerischen Lernen weicht der Selbstkritik.

Im Coaching unterstütze ich meine Klienten dabei, das wiederzuentdecken, was sie als Kind ganz selbstverständlich konnten: neue Dinge auszuprobieren und Spaß am Lernen zu haben. „Spannend, was Sie da ausprobiert haben. Was hat im zweiten Versuch schon besser geklappt? Was möchten Sie davon unbedingt beibehalten?“ Diese Form der „Rückentwicklung“, die Würdigung des Versuchs, setzt oft ungeahnte Pionierkräfte frei.

Der Autor: Horst Lempart ist Coach, Supervisor, Autor und Speaker mit eigener Praxis in Koblenz. Er bezeichnet sich selbst als „Der Persönlichkeitsstörer“. Zu seinen Kernthemen gehören: Persönlichkeitsentwicklung, Selbststeuerung und Wandel gestalten. Kontakt: horstlempart.de

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