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Denkfallen durchdacht
Denkfallen durchdacht

Der Semmelweis-Reflex

Widerstände in Lern- und Veränderungsprozessen wirken oft situativ, folgen jedoch meist tieferliegenden psychologischen Mustern. Zu den prägenden gehört etwa der Semmelweis-Reflex. Warum er Weiterbildenden regelmäßig begegnet und welche Herangehensweisen sich eignen, um ihn zu entschärfen, erklärt Ingrid Gerstbach im ersten Beitrag ihrer neuen Serie zu Denkfallen in der Praxis.

Viele Trainerinnen und Coachs kennen es: Man steht im Seminarraum. Die Agenda ist klar, die Gruppe motiviert. Dann bringt man eine neue Methode ein, ein ungewohntes Warm-up oder ein anderes Feedbackformat. Und statt Neugier entsteht Spannung. Skepsis. Ein leiser Widerstand, der sich schwer greifen lässt. Der Grund ist meist kein Mangel an Motivation, sondern ein psychologisches Muster. Eines, das auf dem uralten Bedürfnis beruht, die Welt verstehbar und verlässlich zu halten: der Semmelweis-Reflex.

Dieser geht zurück auf Ignaz Semmelweis. Jenen Arzt des 19. Jahrhunderts, der erkannte, dass Händewaschen Leben rettet – und dafür verspottet wurde. Nicht weil seine Daten schlecht waren, sondern weil seine Erkenntnis dem widersprach, was Ärzte damals zu wissen glaubten. Bis heute wirkt diese Denkfalle in Lern- und Veränderungsprozessen. Neue Impulse treffen auf Routinen, Rollenbilder und Selbstverständnisse. Die Folge sind Sätze wie: „Das funktioniert bei uns nicht.“ Oder: „Unsere Abteilung tickt anders.“

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Oberflächlich klingt das meist vernünftig. Psychologisch jedoch ist es ein Schutzmechanismus: Unser Gehirn wehrt Informationen ab, die unser Weltbild infrage stellen. In einer Arbeitswelt, die sich permanent erneuert, ist die Akzeptanz von Neuem jedoch nicht mehr nur optional – sie ist eine Kernkompetenz. Veränderung beginnt dort, wo jemand eine vermeintlich absurde Idee nicht sofort zurückweist, sondern sagt: „Lasst uns prüfen, was daran nützlich sein könnte.“

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