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„Wir sollten die Religion des Neuen aufgeben“

Für den Internet-Teaser: „Neu ist besser.“ Diesem Credo folgen wir in unserer Gesellschaft seit den frühen Tagen der Industrialisierung. Und seit uns die Digitalisierung und der Hype um KI erfasst haben, hat unsere Anbetung des Neuen eine weitere Stufe erklommen: Radikale Innovation – die wir gleichsetzen mit technischem Fortschritt – gilt uns als Garant einer leuchtenden Zukunft. Aber liegen wir damit richtig? Nein, sagt Lena Papasabbas. Der Zukunftsexpertin zufolge ist es genauso falsch, Fortschritt und technische Innovation gleichzusetzen, wie der Innovation um der Innovation willen zu huldigen. Sie fordert: Wir müssen wegkommen von unserer notorischen Überbewertung des Neuen.

Wenn wir an Zukunft denken, denken wir an Digitalisierung, Roboter und Künstliche Intelligenz. Wir denken an Innovation und Disruption. An neue Technologien, die unser Leben verbessern sollen. Tatsächlich ist unser kollektives Zukunftsbild gleich von zwei fatalen Denkfehlern geprägt. Erstens setzen wir Zukunft mit Technologie gleich. Doch Zukunft ist nicht gleich Technologie. Zukunft ist vielmehr ein wechselseitiges Zusammenspiel kultureller, sozialer, systemischer, ökonomischer, psychologischer und technologischer Prozesse. Die Zukunft allein von der Technologie her zu denken, greift immer zu kurz. Zweitens gehen wir immer davon aus, dass Zukunft gleich „neu” ist. Allerdings ist ein großer Teil der Zukunft, die uns erwartet, ein alter Hut. Vieles bleibt bestehen, alte Trends kommen zurück, Modezyklen wiederholen sich, genauso wie große Epochenumbrüche. Altes wird neu entdeckt. Totgeglaubtes kehrt wieder. Und sehr viel Veränderung, die stattfindet, ist leise, graduell und unspektakulär.

„Wir gehen immer davon aus, dass Zukunft gleich ,neu' ist. Allerdings ist ein großer Teil der Zukunft, die uns erwartet, ein alter Hut. Alte Trends kommen zurück, Modezyklen wiederholen sich. Altes wird neu entdeckt. Totgeglaubtes kehrt wieder. Und sehr viel Veränderung, die stattfindet, ist leise, graduell und unspektakulär.„

Unser Fokus auf technologische Innovation ist geprägt vom Rausch des Fortschrittsglaubens, der durch Industrialisierung und Digitalisierung befeuert wurde. Seit uns dieser Fortschrittsglaube erfasst hat, huldigen wir einer Religion des Neuen. Im Zentrum dieser Religion steht seit ein paar Jahrzehnten nicht zuletzt das Internet. Lange waren wir uns einig: Das Internet wird alles verändern. Tatsächlich leben wir ja auch erstmals in der Geschichte in einer Netzwerkgesellschaft, sind also auf unzähligen Wegen verbunden und können gemeinsam die großen Herausforderungen unserer Zeit angehen. Doch inzwischen ist die Stimmung gekippt. Das Internet, in dem alles immer leichter und schneller werden sollte, hat sich in ein Labyrinth aus wenig vertrauenserweckenden Informationsströmen, KI-generiertem Content-Brei und umständlichen Login-Prozessen verwandelt. Auf Social-Media-Plattformen und in Kommentarspalten herrscht ein bitterer, oft hasserfüllter Ton. Fake News, Hatespeech und Clickbaiting dominieren große Teile der digitalen Sphäre. TikTok, Netflix und Tinder wollen uns zu Süchtigen machen. Und unser Handy ist zu einem Zeitfresser geworden, der uns mit immer neuen Tricks immer mehr Lebenszeit stiehlt. Und der uns glauben lässt, dass wir keine Zeit haben, dass wir ständig busy und gestresst sind.

In Wirklichkeit haben wir Zeit. Mehr Zeit als alle Generationen vor uns. Sowohl in Lebenszeit gemessen als auch in Freizeit. Nie wurden Menschen älter, und nie haben wir weniger Zeit in Arbeit gesteckt. Zu Hochzeiten der Industrialisierung waren 16-Stunden-Tage und ein Tod mit 45 keine Besonderheit. Auch im weltweiten Vergleich verfügen Mitteleuropäer und Mitteleuropäerinnen über einen immensen Zeitwohlstand.

Statt unsere Lebensqualität zu erhöhen, versuchen wir, uns mit Digital Detox, Offline-Zeiten und reduzierter Bildschirmzeit aus den digitalen Zeitlöchern zu kämpfen und ein bisschen analoges Leben zu retten. Dabei leben wir doch im „Zeitalter der Innovation“. Das jedenfalls wollen uns die Tech-Giganten glauben machen. Eine Erzählung, die inzwischen auf jeder beliebigen Businesskonferenz von der Bühne schallt. Die so oft wiederholt wurde, dass alle sie irgendwie glauben. Sie zu hinterfragen, wäre geradezu peinlich. Schließlich haben wir alle schon beeindruckt mit ChatGPT geplaudert. Was aber, wenn das Narrativ vom rasenden Innovationszeitalter völlig übertrieben ist? Was, wenn das Neue gar nicht immer das Bessere ist? Was, wenn uns die Anbetung des Neuen in eine Sackgasse führt? Klar, Künstliche Intelligenz kann in datenintensiven Umgebungen wichtige Fortschritte bringen. Aber nehmen wir einmal an, all die viel gefeierten Edge-Technologien, die uns derzeit die phänomenalen Durchbrüche in ein technisches Wunderland suggerieren – KI, Quantencomputer, supersmarte Glasses und Watches – wären gar nicht die Lösungen für all unsere Probleme. Alle sprechen von Innovation – weil Innovation gleichbedeutend ist mit Profit und Wachstum –, aber kaum jemand ist wirklich innovativ. Deshalb wird jede kleinste Neuerung, jedes Update zur großen Innovation aufgebläht und mit Versprechen über Versprechen aufgeladen. Das führt über kurz oder lang zu Enttäuschung, da hinter den allermeisten Innovationen nicht mehr als toll klingende, aber inhaltsleere Marketingversprechen stecken.

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Die Welt, in der wir leben, funktioniert nicht dadurch, dass wir ständig neue Dinge erfinden, sondern zu einem großen Teil durch Erhalt, Wartung, Pflege und die Integration langsamer Verbesserungen. Doch das wird im Zuge des Kults um das radikal Innovative einfach ausgeblendet. Die vielleicht fatalste Auswirkung des radikalen Innovationismus ist daher auch der Statusverlust bestimmter Berufe: Wartungstechnikerinnen und Wartungstechniker, Klempner und Klempnerinnen, Handwerkerinnen und Handwerker jeder Art, Menschen mit Systemwissen, Pflegekräfte, Putzkräfte, selbst IT-Wartungspersonal – all diese Berufe leiden im Zeitalter des Innovationismus unter einem glanzlosen bis schlechten Image. Und unter einer systemischen Unsichtbarkeit – solange alles reibungslos läuft. Eben weil sie nichts Neues produzieren, sondern „nur” die Dinge zum Funktionieren bringen und Systeme stabil halten. Sie stören die Illusion des Neuen, das immerzu das Alte ersetzen soll.

Menschen, die dafür sorgen, dass Systeme weiterlaufen, bleiben unbeachtet. Menschen, die vorgeben, etwas radikal anders zu machen, baden in Ruhm und Geld. Doch die entscheidenden Innovationsfelder der Zukunft liegen weder im Hightech noch auf dem Mars. Sie liegen in scheinbar profanen Dingen wie der Krankenpflege, dem Bildungswesen, Infrastrukturen, in verlässlicher Logistik, Gastfreundschaft und funktionierender Zwischenmenschlichkeit.

„Die entscheidenden Innovationsfelder der Zukunft liegen weder in Hightech noch auf dem Mars. Sie liegen in scheinbar profanen Dingen wie der Krankenpflege, dem Bildungswesen, Infrastrukturen, in verlässlicher Logistik, Gastfreundschaft und funktionierender Zwischenmenschlichkeit.“

Es ist an der Zeit, die Religion des Neuen aufzugeben. Erst wenn wir uns nicht mehr blenden lassen von den marktschreierischen Botschaften von Innovation, können wir uns auf die wirklich wichtigen Zukunftsfragen konzentrieren. Was verbessert unsere Lebensqualität – und was schmälert sie? Was ist erstrebenswert ­– und was bewahrenswert? Welche Technologien bringen uns individuell und gesellschaftlich weiter – und wo brauchen wir soziale Innovationen? Wenn wir aufhören, per Default das Neue als das Gute anzubeten, schärfen wir unseren Blick für das Bessere.

Auf keinen Fall geht es dabei darum, Neues zu verteufeln. Der metamoderne Blick löst sich jedoch vom naiven Fortschrittsglauben und der Erhöhung der Innovation als Selbstzweck der Moderne. Genauso wenig zieht er sich hinter die postmoderne Kritik und Dekonstruktion von Innovation zurück. In der Frage nach dem Besseren verbindet er Neues und Altes, Innovation und Maintenance, Fortschritt und Rückbesinnung.

Die Autorin: Lena Papasabbas hat Kulturanthropologie und Philosophie studiert und widmet sich als Expertin für Transformationen, Trend-Gegentrend-Dynamiken und dem gesellschaftlichen Wertewandel bei The Future:Project der transformativen Zukunftsforschung. Ihren Fokus richtet sie dabei vor allem auf die komplexen Wechselwirkungen von Technologie, Kultur und Wertewandel. Darüber schreibt sie auch in ihrem kürzlich bei The Future:Project erschienenen Buch „Radikale Zuversicht“. Kontakt: thefutureproject.de/expert/lena-papasabbas

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