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Pro und Contra

Zank um den Human-Potential-Index

Auf Initiative des Bundesarbeitsministeriums wurde ein neues Instrument zur Messung des Personalvermögens von Unternehmen entwickelt: der Human-Potential-Index. Der HPI soll in Zukunft in die Bonitätsbewertung von Betrieben durch die Banken einfließen. Im Juni 2009 wurde das Instrument in einer Expertenrunde vorgestellt und sogleich heftig diskutiert. managerSeminare mit einem Für und Wider.

Pro: 'Der HPI hilft, das Humankapital zu entwickeln' - von Peter Friederichs

Ziel des Human-Potential-Index ist, die Wirksamkeit von Personalführung und -politik zu steigern – und damit den Wert des Humankapitals. Den Umweg über das Personalmanagement haben wir gewählt, weil viele andere Tools zwar einen vermeintlich ökonomischen Wert für das Human-Capital ermitteln. Dieser errechnete Wert hilft aber in der Praxis wenig weiter, um das Humankapital weiterzuentwickeln. Der HPI gibt dagegen differenziert an, über welche Werttreiber dies möglich ist.

Wir sehen durchaus eine Kausalität zwischen dem professionellen Einsatz von Personal- und Führungsinstrumenten und einer erfolgreichen Belegschaft. Am besten ist sie bei kleineren Firmen oder Unternehmenseinheiten zu beobachten, in denen die Mitarbeiter einen direkt messbaren Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg haben, z.B. im Vertrieb. Dennoch wissen wir, dass die Voraussetzungen in kleinen Unternehmen andere sind als in großen, weshalb KMU und Großunternehmen mit dem HPI unabhängig voneinander bewertet werden. Das Verfahren ist ein mittlerweile breit erprobtes Ratingverfahren. Seine Validität wurde nach wissenschaftlich anerkannten Methoden ermittelt.
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, als Förderer des HPI, hat erkannt, dass der Wert von Firmen wesentlich davon abhängt, wie konstruktiv sie ihr Humankapital fördern. Deshalb erscheint es konsequent, dass er zu einem späteren Zeitpunkt auch als Ratingverfahren für die Bonitätseinstufung von Firmen genutzt werden kann. Übrigens: Die Idee des Human-Capital-Rating und das erste Instrument dazu hat der Human-Capital-Club HCC e.V. bereits im Jahre 2003 entwickelt und auch veröffentlicht. Mit der SPD oder den Gewerkschaften haben wir dabei nie kooperiert, wie es uns Kritiker vorwerfen. Und wenn doch – was wäre daran so schlimm gewesen?

Dipl.-Psychologe Peter Friederichs ist Vorstandsvorsitzender des Human-Capital-Club e.V., Inhaber der Celidon Managemententwicklung und war von 1989 bis 2001 Konzern-Personaldirektor der HypoVereinsbank, München. Kontakt: info@celidon.de


Contra: 'Der HPI misst nicht das Richtige' - von Christian Scholz

Der Human-Potential-Index hat – obwohl dies immer wieder reklamiert wird – nichts mit Humanpotenzial und nichts mit Humankapital zu tun. Er ist vielmehr einer von vielen Bewertungsansätzen für Personalarbeit. Die meisten verschwinden in der Versenkung, weil die Auswahl der Indikatoren zufällig ist. Dieses Problem hat auch der HPI, nachdem der Mythos entlarvt wurde, ein hoher HPI-Wert würde fast zwangsläufig zu Unternehmenserfolg führen. Der HPI ist demnach wissenschaftlich unsauber und methodisch nicht haltbar.

Auch die HPI-Ideologie halte ich für problematisch. Wie aus dem SPD-Parteiprogramm erkennbar (das den HPI fordert), steht dahinter das Ziel, gewerkschaftsnahe Personalarbeit durchzusetzen. Damit kein Missverständnis entsteht: Ein mitarbeiterorientiertes Personalmanagement ist durchaus richtig. Was aber Unternehmen im Einzelfall machen sollen, hängt von Personalstrategie und Ausgangssituation ab: Bei Familienunternehmen kann man nur schwer eine Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmenskapital fordern; kollektive Teamvergütungsmodelle und Lebensarbeitszeitmodelle passen auch nicht immer; und nur reiche Unternehmen können sich eine 'Human Pampering Initiative' durch Freizeit- und Gesundheitseinrichtungen leisten.

Der HPI ist außerdem ordnungspolitisch nicht vertretbar. Berater von Psychonomics und Beamte des Arbeitsministeriums haben ein breites Konsortium aus Medien (Haufe Verlag), Hochschulen (Prof. Sliwka), Berufsverbänden (wie HCC, DGFP), Beratern (wie Egon Zehnder) und anderen geschaffen. Insofern wird der HPI zur Gelddruckmaschine, bei der Steuerzahler (durch vielleicht sogar 'freihändige Mittelvergabe') und Unternehmen (durch Zertifizierungs- und Ratingpflicht) zur Kasse gezwungen werden. Schade! In den vergangenen Jahren zeichnete sich langsam das Bild eines neuen, professionellen Personalmanagements ab. Und jetzt der HPI? Er ist leider ein Signal in Richtung auf mehr Staat und ein Rückschritt in die 80er-Jahre.

Professor Dr. Christian Scholz leitet an der Universität des Saarlandes den Lehrstuhl für Organisation, Personal- und Informationsmanagement. Kontakt: scholz@orga.uni-sb.de


Der Human-Potential-Index ist: Ein neues Instrument zur Messung und Bewertung des Personalvermögens von Unternehmen ab 100 Mitarbeitern.
Die These dahinter: Der Wert des Human-Capital spiegelt sich in den Personalmaßnahmen des Unternehmens: Je professioneller die Personalmaßnahmen, desto qualifizierter, motivierter und leistungsfähiger die Belegschaft. Daher konzentriert sich der HPI auf die Messung und Bewertung der Instrumente der Personalarbeit im Unternehmen. Er fußt im Kern auf einem Kriterienkatalog mit Oberpunkten wie Personalauswahl, Vergütungssystem, Gesundheitsförderung, Work-Life-Balance, Einbeziehung der Mitarbeiter in Entscheidungen, Kommunikation, Chancengleichheit usw.
Die Vorgehensweise: Der Zertifizierungsprozess verläuft in drei Stufen. Erste Stufe: Abbildung und qualitative Bewertung der eingesetzten HR-Methoden per Selbstauskunft. Zweite Stufe: Vor-Ort-Auditierung in Form einer Prüfung der Ausgestaltung, Schlüssigkeit, Verbreitung und strategischen Verankerung der Maßnahmen (zum Einsatz kommen dabei Gespräche mit dem Management, den HR-Verantwortlichen und Dokument-Analysen). Dritte Stufe: Evaluation der Nachhaltigkeit der Maßnahmen durch eine Mitarbeiterbefragung und Mitarbeiterinterviews.
Die Akteure: Der HPI wurde auf Initiative des Bundesarbeitsministeriums federführend von der psychonomics AG, der Celidon Managemententwicklung sowie dem Human-Capital-Club e.V. entwickelt. Umsetzen sollen das Rating in Zukunft Zertifizierungsstellen, die vom Staat, den Industrie- und Handelskammern, Verbänden und Banken gemeinsam betrieben werden.
Das Ziel: Zum einen: Unternehmen ein Tool an die Hand zu geben, mit dem sie ihren Status quo in Sachen Personalvermögen ermitteln können und das ihnen hilft, ihre Personalarbeit zu verbessern und damit den Wert ihres Human-Capital zu steigern. Zum anderen: ein Ratingverfahren zu schaffen, dessen Ergebnisse Teil der Bonitätsbewertung von Unternehmen durch die Banken werden sollen.
Autor(en): (Peter Friederichs, Christian Scholz)
Quelle: managerSeminare 138, September 2009
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