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Motivation

Anleitung zur sozialen Inkompetenz

Die Diskussion um soziale Kompetenz ist ein Phänomen unserer Zeit. Reihenweise schicken Unternehmen ihre Mitarbeiter in individuelle Motivationstrainings, verbunden mit der Hoffnung, dass soziale Kompetenz dort erlernbar ist. Ein entscheidender Aspekt wird dabei regelmäßig vernachlässigt: Soziale Kompetenz beinhaltet eine Vertrauensdimension und braucht vor allem Mut und weniger Macht.
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Wenn hoch bezahlte Führungskräfte in firmenfinanzierten Seminaren barfuß über glühende Kohlen und durch Scherben laufen oder sich als Kleingruppe in Hochseilgärten von Ast zu Ast schwingen und dabei kollektiv 'Tschakka' brüllen, hätte man ihnen noch vor zwanzig Jahren, mit Blick auf therapeutische Hilfe, regressives oder schlicht infantiles Verhalten unterstellt.

Heutzutage hingegen geht man wie selbstverständlich davon aus, dass diese Menschen gerade dabei sind, eine Lernerfahrung im Sinne sozialer Kompetenz zu machen. Kooperations- und Teamfähigkeit sind zu Hauptgütesiegeln der Personalentwicklung geworden. Dies gilt ebenso im Rahmen der Personalrekrutierung. Schlechte Zeiten also für Leseratten und Philatelisten, die als leicht kommunikationsscheu gelten, oder Allein-Jogger, die sich keiner unverdächtigen Mannschaftssportart hingeben wollen.

Soziale Kompetenz boomt, wie eine schier unüberschaubaren Menge an Fachliteratur belegt. So hat beispielsweise die Dekra-Akademie bei einer Untersuchung von 12.500 Stellenangeboten im Herbst 2000 festgestellt, dass individuelles Arbeitsverhalten sowie soziale Kompetenz die meistgeforderten Fähigkeiten waren. Soziale Kompetenz wird sowohl zur individuellen Vorbedingung für Team-, Kontakt- und Konfliktfähigkeit sowie ganz allgemein zum Garanten für Gemeinsinn. Ein Mensch ist sozial kompetent, wenn er das Vermögen besitzt, in einer Situation sozial zu agieren. Das erklärt nun weder, was mit 'sozial' noch 'kompetent' gemeint ist, aber es zeigt, dass soziale Kompetenz im gegenwärtigen Diskurs ein beliebtes Sprachspiel ist, das wohl eher der Integration als der Differenzierung von Unterschieden dienen soll.
Autor(en): Dr. Olaf Geramanis
Quelle: management&training 10/02, Oktober 2002, Seite 24-27
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