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Modern Work Tour
Modern Work Tour

Kolumbianische Kontraste

Wie wird neue Arbeit weltweit gestaltet, und was können wir davon lernen? Anna und Nils Schnell sind – mit einer pandemiebedingten Pause – seit 2018 auf Modern Work Tour rund um den Globus, um dieser Frage nachzugehen. Von ihrer Etappe durch Süd-, Mittel- und Nordamerika berichten die beiden regelmäßig für managerSeminare. Ihr achter Reisebericht aus Kolumbien zeigt, wie sehr sich Arbeitsweisen und -kulturen innerhalb eines Landes unterscheiden können.

Es gibt Dinge, die man nicht erleben will. Als deutsche Staatsbürger haben wir das große Privileg, in die meisten Länder dieser Erde problemlos einreisen zu können. Das macht unser Leben einfacher und spart uns Zeit. Unsere Privilegien bemerken wir häufig gar nicht, denn sie kommen uns fast selbstverständlich vor. Doch alles ändert sich, wenn sich der Kontext ändert.

Auf der Busfahrt von Ecuador nach Kolumbien passiert uns etwas, das wir nicht für möglich gehalten haben auf unserer Modern Work Tour: Nach 20 Stunden Fahrt hält der Bus an der Grenze nicht an – und wir reisen illegal in Kolumbien ein. Auch auf unser eindringliches Bitten reagiert der Busfahrer verständnislos, und wir sind das erste Mal in unserem Leben ohne Einreisestempel in einem fremden Land. „Ausgerechnet hier“, denken wir uns, nachdem wir in Popayan endlich erschöpft aus dem Bus gelassen werden. Denn: Kolumbien ist ein Land mit hoher Kriminalitätsrate, bekannt für seine Probleme mit Drogenkartellen und dem Drogenhandel …

Illegal im Land: Wenn Behörden nicht modern arbeiten

Unserer Meinung nach haben Behörden einen wichtigen Sinn, nämlich: das Leben der Menschen zu vereinfachen und zu unterstützen. Das sieht das kolumbianische Behördensystem jedoch anscheinend anders. In den folgenden sechs Wochen versuchen wir in vier verschiedenen Städten, unseren Aufenthaltstitel zu erhalten – und scheitern immer wieder. In jeder Behörde erhalten wir andere Informationen, und jedes Mal werden wir an eine andere Stelle geschickt. Wir fühlen uns fast wie Asterix und Obelix, die nach dem Passierschein A38 suchen.

Was wir daraus lernen, ist, dass wilde Einzelaktionen und falsche Empfehlungen nicht nur destruktiv sind, sondern auch die Motivation nehmen, selbst an eine Lösung zu glauben. Am Ende unserer bürokratischen Odyssee müssen wir an einen internationalen Flughafen, wo wir den Ausreisestempel erhalten. Zusätzlich im Gepäck: ein laufendes Verfahren bei der kolumbianischen Einreisebehörde – und die Hoffnung auf mildernde Umstände, da wir sechs Wochen lang einen bürokratischen Spießrutenlauf hingelegt haben. Doch dass es in Kolumbien auch anders geht, erleben wir in Medellin, der kulturellen Hauptstadt des Landes.

Nils und Anna Schnell mit Sebastian Osses (Mitte), dem Gründer von Continuum, der auf ein Höchstmaß an Transparenz in seinem Unternehmen setzt. MOWOMIND

Lernchancen nutzen, wie sie kommen

Dort hat die Außenhandelskammer (AHK) in Kolumbien Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns. Und sie bietet an, sich um die komplette Organisation und Kommunikation für einen Workshop zur Zukunft der Arbeit zu kümmern. Die Zeit dafür ist aus AHK-Sicht eigentlich ungünstig. Denn Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck kommt zu Besuch. Trotzdem sieht die AHK den Mehrwert darin, Einblicke in modernes Arbeiten rund um den Globus zu erhalten und die Veranstaltung als Knotenpunkt zu nutzen, um Unternehmen und Menschen zusammenzubringen. Tatsächlich wird es ein wunderbarer Tag – dank motivierter Teilnehmerinnen und Teilnehmer und einer offenkundig agil denkenden und handelnden AHK.

Ana Restrepo, die nicht nur die Organisation seitens der AHK übernimmt, sondern uns auch als Dolmetscherin bei unseren Verhandlungen mit den Behörden tatkräftig unterstützt, antwortet denn auch auf unsere Frage nach der Intention für das kurzfristige Zusatz-Engagement schlicht, aber treffend: „In der Arbeit gibt es für alles seine Zeit!“ Wir sind begeistert von dieser proaktiven Arbeitshaltung, die eines der zentralen Elemente von New Work ist – und der wir im Anschluss an unser Erlebnis mit der AHK gleich nochmals begegnen. In Medellin haben wir uns nämlich auch mit Sebastian Osses verabredet, dem Gründer des Unternehmens Continuum, einer Firma, die in Lateinamerika mit digitalen Problemlösungen für Betriebe groß geworden ist.

Hohe Transparenz brachte die Mitarbeitenden ins Handeln

Wir treffen Sebastian in einem hippen Restaurant im Szeneviertel El Poblado und erfahren von ihm viel über die Organisationsstruktur und Arbeitskultur seiner Firma. Continuum ist ein „voll transparentes Unternehmen“, in dem die Mitarbeitenden alle betrieblichen Zahlen und Metriken einsehen können, erläutert Sebastian. Als der Betrieb – wie viele andere Unternehmen in Kolumbien – zu Beginn der Corona-Pandemie in die Krise geriet, konnten dies alle Mitarbeitenden an den schwindenden Zahlen erkennen. Doch diese Transparenz sei nicht etwa entmutigend gewesen, erzählt uns Sebastian. Im Gegenteil, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten gerade dadurch erkannt, dass sich etwas ändern muss: „Viele haben plötzlich nach neuen Möglichkeiten gesucht, das Unternehmen nach vorne zu bringen.“ Tätig werden, selbst gestalten, statt resigniert abzuwarten und den Kopf in den Sand zu stecken: Da ist es wieder, das New-Work-typische proaktive Handeln – diesmal gefördert durch Transparenz.

Die Modern Work Tour ...

... ist eine moderne Walz, auf der das Unternehmerpaar Anna und Nils Schnell (Beratungsfirma MOWOMIND) innovative Unternehmen weltweit besucht. Das „Abenteuer Arbeit“ führte sie bisher durch mehr als 44 Länder, und sie führten Gespräche mit mehr als 180 Vordenkern und Vordenkerinnen, aus denen sie neun Modern-Work-Prinzipien abgeleitet haben. Zu den bisherigen Reisen ist bei managerSeminare der Artikel „Agile Weltreise – New Work global“ (managerseminare.de/MS265AR03) erschienen und im Gabal Verlag das Buch „Die Modern Work Tour – Eine Weltreise in die Zukunft unserer Arbeit“. Über ihre aktuellen Erlebnisse informieren Anna und Nils Schnell regelmäßig auf ihrem Youtube-Kanal „The Schnells“. 

Sebastian ist überzeugt, dass die hohe Transparenz von Continuum auch dazu beigetragen hat, Gemeinschaft innerhalb der Organisation zu stärken. Denn wenn alle Mitarbeitenden alle Informationen des Unternehmens einsehen und in ihre Arbeit integrieren können, entsteht nicht nur ein gemeinsames besseres Verständnis von Sachständen, können nicht nur bessere Angebote für Kunden und Kundinnen formuliert, stimmigere Budget-Einschätzungen getroffen und für das Unternehmen passendere Investitionen angegangen werden, die Transparenz unterstützt vielmehr auch den gegenseitigen Vertrauensaufbau: Die Mitarbeitenden machen die Erfahrung, dass man ihnen und ihren Fähigkeiten vertraut und quittieren dies, indem sie ganz anders mitdenken als in Betrieben, die sich informational bedeckt halten, glaubt Sebastian.

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Learning des Transparenzpioniers: Offenheit hat Grenzen

Aber wie weit kann Transparenz im Unternehmen gehen? Continuum hat es ausprobiert. Das heißt, das Unternehmen hat eine Zeitlang wirklich alles offengelegt. Das war dann allerdings doch ein Schritt zu viel, verrät uns Sebastian. Seine Antwort auf unsere Frage, was denn genau zu viel war: „Persönliches Feedback kann nicht offen mit allen geteilt werden.“ Die Idee dahinter sei ursprünglich nobel gewesen: Wenn alle im Unternehmen lernen, sich auf kompetente Art Feedback zu geben, dann kann dabei nichts schiefgehen und wir werden alle voneinander lernen. Funktioniert hat das allerdings nicht. Denn mit der Zeit wurde, so Sebastian, das offen einsehbare Feedback immer weniger kritisch: „Alle hielten sich etwas zurück, weil sie nicht wollten, dass sich das Feedback für die Person, die es erhält, nachteilig im Unternehmen auswirkt.“ Die Menschen wurden also vorsichtig, weil sie den anderen Personen Gutes wollten – nicht weil sie sich selbst zu schade waren, kritisches Feedback zu geben. Feedback wurde bei Continuum wieder zu einer vertraulichen Angelegenheit zwischen Feedback-Gebenden und Feedback-Empfängerinnen und -Empfängern, weil sein Mehrwert nur dann entsteht und weil es nur dann intensiver wird, wenn es im Vertrauen geteilt wird.

Als Nächstes berichten wir aus Zentralamerika und zeigen, was sich in Panama und Costa Rica in Sachen Zukunft der Arbeit tut.

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