Führung meets Coaching
Führung meets Coaching

Die neugierige Wiederholung

Martin Wehrle erläutert, wie sich Aussagen von anderen Personen auf den Grund gehen lässt, ohne das Gespräch (unbewusst) in eine Richtung zu lenken, die eventuell am Kern der Sache vorbeiläuft.

Was lässt sich tun, um Gespräche am Laufen zu halten und wirklich etwas Neues zu erfahren? Gerade bei wortkargen Gesprächspartnern ist das schwierig. Zum Beispiel sagt ein Mitarbeiter zur Abteilungsleiterin: „Ich bin der Meinung, wir brauchen noch mehr Ressourcen.“ Natürlich könnte die Führungskraft jetzt nachfragen: „Was verstehst du unter mehr Ressourcen?“ Aber woher weiß sie, dass sie damit den Kern der Aussage trifft? Vielleicht geht es dem Mitarbeiter gar nicht um die Sachfrage, wie durch mehr Ressourcen mehr erreicht werden kann – sondern darum, dass er sich im Moment überfordert fühlt. Oder dass er eine Zielsetzung für unrealistisch hält. Oder dass er mit der Planung nicht einverstanden ist.

Jede konkrete Rückfrage gibt eine Richtung für die Antwort vor – und diese muss nicht den Kern der Aussage treffen, sondern kann ihn verzerren. Im Coaching wird daher oft eine besondere oder besser gesagt allgemeine Rückfrage-Methode genutzt, um im Gespräch weiter in die Tiefe zu kommen: die neugierige Wiederholung. Bei dieser wird nichts weiter getan, als den letzten Satz des Gegenübers zu wiederholen, als eine Art Einladung zum Weiterreden. Klingt wenig spektakulär, trotzdem ist die Methode in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen. Denn erstens liebt es jeder Mensch, wenn er von anderen gehört wird – die Wiederholung eines Satzes dokumentiert das. Und zweitens entfaltet ein Satz, den wir selbst gesprochen haben, eine andere Wirkung, wenn wir ihn aus anderem Munde hören. Gut möglich, dass die Wiederholung einen Gedanken anstößt, der vorher noch nicht spruchreif war.

Setzt die Abteilungsleiterin aus dem Beispiel die Methode ein, könnte der Dialog etwa so ablaufen: „Ich bin der Meinung, wir brauchen noch mehr Ressourcen.“ Und die Führungskraft wiederholt: „Du bist der Meinung, wir brauchen noch mehr Ressourcen …“ Bewusst lässt sie das Satzende offen im Raum stehen, denn dadurch werden die meisten Menschen, auch wortkarge, ihre Aussage automatisch vertiefen: „Ja, denn der Kunde macht die ganze Zeit Druck. Es kann ihm nicht schnell genug gehen.“ Und schon hat sie etwas erfahren, das ihr durch eine typische Rückfrage wahrscheinlich entgangen wäre.

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Die gelegentliche Wiederholung des letzten Satzes kann Gespräche vertiefen. Allerdings würde die Methode unwirksam, wenn jeder Satz wiederholt wird – das Gegenüber würde dann wahrscheinlich denken, wir wollen es auf den Arm nehmen. Deshalb empfehlen sich Varianten, etwa die, nach dem subjektiven Hintergrund einer Aussage zu fragen: „Was bedeutet das für dich?“ Damit wird der Sachverhalt auf das Gegenüber persönlich bezogen. Alle Antworten, die wir daraufhin hören, werden uns schlauer machen. Zum Beispiel könnte derjenige, der nach mehr Ressourcen ruft, antworten: „Für mich bedeutet das, dass ich im Moment mein zweites Projekt total vernachlässige. Deshalb ist mir die Unterstützung so wichtig.“ Und schon wieder haben wir eine weitere Information eingesammelt.

Grundsätzlich gilt: Je offener unsere Interventionen und Fragen sind, desto mehr werden wir erfahren – über eine Situation an sich und über die Sicht unseres Gesprächspartners oder unserer Gesprächspartnerin. Eine Haltung des aufrichtigen Interesses ist die beste Basis für ein solches Gespräch.

Der Autor: Martin Wehrle ist Karrierecoach und Coachausbilder mit eigener Akademie in Hamburg. Sein aktuelles Fachbuch heißt „Die Coaching-Schatzkiste“. Kontakt: www.karriereberater-akademie.de

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