Schlauer lernen

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Fallstricke von Fachwörtern

Henning Beck erklärt, warum Fachtermini für das Verstehen von Sachverhalten hinderlich sind.

Ein Beispiel zu Beginn: Wissenschaftler untersuchen das räumliche Vorstellungsvermögen von Männern und Frauen. Außerdem befragt man die Männer und Frauen nach ihren Lebensgewohnheiten, und es stellt sich heraus, dass die Männer in ihrer Kindheit häufiger Sport getrieben hatten. Beim Labortest des räumlichen Vorstellungsvermögens wiederum schneiden die Männer etwas besser ab als die Frauen. Daraufhin werden zwei Erklärmodelle angeboten: 1. Die Unterschiede im räumlichen Denken erklären sich dadurch, dass die Männer früher mehr Sport trieben. 2. Hirnscans des rechten prämotorischen Areals, das wichtig für die räumliche Vorstellungskraft ist, zeigen, dass die schlechtere Leistung der Frauen im Vergleich zu den Männern diesen Unterschied erklären.

Welche der beiden Erklärungen ist plausibler? Ich betone an dieser Stelle: Nur die erste Erklärung macht wissenschaftlich Sinn, die zweite ist Unsinn. Trotzdem bevorzugen Menschen im oben genannten Fallbeispiel die zweite Variante. Wissenschaftliche Pseudoerklärungen klingen immer dann besonders wahrhaftig, wenn sie besonders kompliziert daherkommen. Dieses Prinzip nutze ich nun ebenfalls und nenne an dieser Stelle den wissenschaftlichen Fachbegriff für dieses Phänomen, auf dass Sie mir noch mehr glauben: Es handelt sich um den „Seductive Allure Effect“, den Verführungsreizeffekt.

Mithilfe dieser Technik lässt sich sehr leicht wissenschaftliche Glaubwürdigkeit erzeugen. Wenn ich zum Beispiel sage, dass Menschen fremde Meinungen ablehnen, wenn sie nicht ins eigene Weltbild passen, werden Sie nicht vom Hocker gerissen sein. Wenn ich hingegen behaupte, dass fremde Meinungen in unserem Gehirn die Amygdala und die Inselrinde aktivieren, die wiederum eine automatische Abwehrreaktion auslösen, klingt das schon besser. Dabei steht in der zweiten Behauptung nicht viel mehr als in der ersten (außer, dass eine Abwehrhaltung im Gehirn ausgelöst wird – was für eine Überraschung). Achten Sie auch darauf, wenn Sie in den Medien Experten sehen, die etwas erklären: Sobald ein Fachbegriff fällt, steigert es die Glaubwürdigkeit – ein beliebtes Mittel, um in Diskussionen einen Vorteil zu erlangen.

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Überflüssige Fachtermini lenken gerne vom Kern der Sache ab. So klingt Banales besser, und man fokussiert sich nicht mehr so sehr auf den Inhalt einer Aussage. Das ist für das Verstehen von Sachverhalten ein großer Nachteil, denn Fachbegriffe sind gedankliche Blitzableiter, die dafür sorgen können, dass man es sich komplizierter macht, als man müsste. Das umgekehrte Prinzip ist hingegen viel nützlicher: Wenn Sie etwas lernen wollen, dann machen Sie sich Zusammenfassungen, und stellen Sie gerne in eigenen Worten Erklärungen für Sachverhalte auf – aber verzichten Sie auf so viele Fachbegriffe wie möglich. Natürlich ist eine Fachsprache nötig, wenn es besonders speziell wird. Doch die großen Zusammenhänge erkennen Sie dann am besten, wenn Sie sich vom Ballast des Fachwortes befreien. Sobald man Menschen auffordert, einen Sachverhalt gänzlich ohne Fachbegriffe zu erklären, verstehen sie ihn besser. Denn je einfacher man etwas erklären kann, desto besser durchdringt man den Inhalt. Gerade bei Lernvorgängen spielt dieses Prinzip eine wichtige Rolle. Übrigens: Was das räumliche Vorstellungsvermögen betrifft, so schneiden Männer in Labortests tatsächlich etwas besser ab als Frauen. Im Alltag verwischen diese Unterschiede jedoch schnell. Nicht alles lässt sich also aufs Gehirn schieben.

Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Das neue Lernen heißt Verstehen“. Kontakt:  www.henning-beck.com

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