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Karlheinz Geißler ist tot

Gegen den Zeitgeist

Am 9. November 2022 ist im Alter von 78 Jahren der Zeitforscher Karlheinz Geißler gestorben. „Er segnete das Zeitliche. Das hat er zwar sein Leben lang getan, jetzt aber endgültig“, schrieb sein Sohn Jonas auf Linkedin. Dem Vater hätte der Duktus wohl gefallen, liebte er es doch, sein Wissen mit Humor zu vermitteln. Für sein Lebenswerk hätte Geißler demnächst mit dem Life Achievement Award der Weiterbildungsbranche ausgezeichnet werden sollen. Den Preis erhält er nun posthum.

Jetzt, mit seinem Tod, stimmt der Satz in Bezug auf ihn doch: Zum ersten Mal hat Deutschlands bekanntester Zeitforscher, Karlheinz Geißler, „keine Zeit“. „Ich habe keine Zeit“ – diese häufig so gedankenlos dahingeworfene Floskel hat Geißler einmal mit den wunderbaren Worten zerpflückt: „Wer sagt, dass er ‘keine Zeit hat‘, der lügt entweder – oder er ist tot.“

In dem Satz steckt viel von dem, was Geißler ausmachte: Er durchdrang das Forschungsthema, das ihm viele Jahrzehnte über am Herzen lag, die Zeit, nicht nur mit scharfem Intellekt. Es gelang ihm stets auch, seine Erkenntnisse einem Laienpublikum augenzwinkernd, humorvoll und spielerisch zu vermitteln. „Wenn ich zu ihm assoziiere, fallen mir bunte Begriffe ein: das Aperçu und die brillante Pointe, auch die rhetorische Pause danach, die Freude an der Paradoxie, seine Schlagfertigkeit und die Fähigkeit, immer direkt auf den Punkt zu kommen“, erinnert sich Geißlers langjähriger Freund und Forscherkollege, der emeritierte Professor für Pädagogische Psychologie Bernd Weidenmann.

Schon die Titel vieler Bücher, die Geißler geschrieben hat – „Time is honey“, „Die Uhr kann gehen“, „Alles Espresso“ oder „Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine“ – zauberten uns stressgeplagten, nutzenmaximierenden Zeit- und Selbstoptimierern ein entspanntes Lächeln aufs Gesicht. Was wir dann zwischen den Buchdeckeln zu lesen bekamen, half uns, den Schleier, durch den wir auf das Thema Zeit schauen, ein Stück weit zu lüften. Zu erkennen, dass unser Verständnis von Zeit – und unser daraus folgender Umgang mit der Zeit – nicht etwa objektiv „richtig“ sind, sondern ein Produkt unserer Kultur, mit teils unerwünschten Nebenwirkungen. „Er hat meinen Umgang mit meiner Zeit und der Zeit der anderen revolutioniert“, schreibt der Physiker, Naturphilosoph und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch, der gemeinsam mit Geißler und dessen Sohn, dem Zeitberater Jonas Geißler, 2021 das Buch „Alles eine Frage der Zeit“ veröffentlicht hat, in einem Statement zum Tode Geißlers auf Linkedin.

Karlheinz Geißler eröffnete uns durch seine Forschungen neue Perspektiven – wie eben die, dass Zeit mitnichten etwas ist, das wir manchmal „nicht haben“. Was auch immer wir behaupten mögen: Wir haben selbstverständlich Zeit. Immer. Solange wir leben. Weil wir (im Gegensatz zu dem erdachten Konstrukt, das die Uhr misst) wahrhaft Zeit sind. In dem Sinne, dass wir Lebewesen sind, den Rhythmen der Natur unterworfen. Die Frage ist nur, wofür wir unsere Zeit – ergo uns selbst – einbringen wollen. Was uns wirklich wichtig ist im Leben. „Wir haben nicht zu wenig Zeit, wir haben zu viel zu tun“ – auch das ein typischer Geißler-Satz, der auf den Punkt bringt, worum es, bei all den Klagen über Zeitnotstände und Zeitverdichtungen eigentlich geht: unser Leiden daran, das Leben in einer Multioptionsgesellschaft für uns selbst befriedigend gestalten zu müssen.

Unfähig zur Beschleunigung war er der ideale Beobachter

Vieles deutet darauf hin, dass Karlheinz Geißler – der, wie sein Sohn Jonas schrieb, „friedlich und mit aufrichtiger Klarheit“ gestorben ist – ein solches, befriedigendes Leben gelungen ist. Das liegt paradoxerweise (aber Paradoxien liebte Geißler ja) auch an den Startbedingungen, die der Zeitforscher hatte. Diese waren eigentlich denkbar schlecht: Geißler steckte sich als Fünfjähriger mit dem Poliovirus an. Die Krankheit zwang ihn zur Langsamkeit – in einer Gesellschaft, die das Tempo immer weiter anzog. Das machte Geißler schon früh zum Beobachter. Es versetzte ihn in die Lage, die Dinge zu hinterfragen, statt blindlings mitzurasen. „Ich konnte mein Leben nicht beschleunigen. Das hat mir wahrscheinlich auch die Tür zum Thema Zeit geöffnet“, sagte er in einem Fernsehinterview des Bayerischen Rundfunks.

Geißler studierte Ökonomie, Philosophie und Pädagogik in München, promovierte und war zunächst als Berufsschullehrer tätig. In dieser Zeit begann er, vertieft über das Thema Zeit nachzudenken. Denn ihm waren interessante Unterschiede im Umgang mit der Zeit aufgefallen: „In der BWL muss andauernd Zeit gewonnen werden. In der Pädagogik geht es dagegen darum, Zeit klug zu verlieren, also an andere so zu verlieren, dass sie etwas lernen. (...) Beide arbeiten also mit einem völlig anderen Zeitverständnis. Dieser Widerspruch hat mich sehr fasziniert“, verriet Geißler 2009 in der Podcastsendung Eins zu Eins – Der Talk.

Schon bald wechselte Geißler in die Hochschulwelt, nahm Forschungs- und Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten wahr und war schließlich – von 1975 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006 – als Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München tätig. Das Thema Zeit wurde zu einer Herzensangelegenheit für ihn, obwohl es „Zeitforschung“ als eigenständige Disziplin gar nicht gibt, wie er immer wieder betonte. Die Zeit in all ihren Dimensionen ist vielmehr Forschungsgegenstand vieler Disziplinen, etwa der Physik, Philosophie, Medizin oder Theologie. Und Geißler bemühte sich darum, dem Phänomen auf den Grund zu gehen, indem er diese Blinkwinkel zusammenführte; immer wieder auch in Kooperation mit anderen.

In einer Festschrift zu Geißlers sechzigstem Geburtstag schrieb sein Weggefährte, der Trainer, Berater und Coach Frank Orthey, dass es häufig Alltagserfahrungen waren, die dem Zeitforschenden „reichlich Impulse“ lieferten, „um über die Welt, die Zeit und das Lernen nachzudenken“. Hatte Geißler eine neue Idee, rief er oft umgehend bei potenziellen Co-Autoren an. „Obschon das Telefonat mit einem entlastenden ‘Aber es pressiert nicht …‘ seinen Abschluss fand, war die Geißler’sche Beschleunigungsmaschinerie hier meist schon so weit an- und fortgelaufen, dass das Publikationsorgan für das noch Ungeschriebene, das aber dringend mal geschrieben werden musste, bereits feststand, informiert war und eine feste terminliche Zusage hatte, wann denn der Beitrag vorliegen würde“, spielt Orthey auf die sympathische Inkonsequenz an, die Geißler zuweilen an den Tag legte. „Ich weiß, dass mein Leben immer unterhalb meines Erkenntnisniveaus war“, scherzte Geißler selbst im Eins-zu-Eins-Talk – und erzählte davon, wie ihn seine zur Eile gemahnten Söhne zuweilen an Stellen aus seinen eigenen Büchern erinnerten.

Dennoch war Geißler einer, dem es auch in seinem eigenen Leben immer wieder gelang, anders mit Zeit umzugehen als die rasende Masse. Der sich aus den kulturellen, auf Geld-, statt Zeitwohlstand ausgerichteten Routinen unserer Gesellschaft herauslösen konnte, die er so luzide durchschaut hatte. „Die Vorstellung, dass Zeit Geld ist, ist in unserer Gesellschaft so dominant, dass wir Zeit intuitiv in Geld umrechnen. Das ist der Grund, warum uns ein zeitintensives Hobby oder selbst ein Tag mit der Familie manchmal ein latent schlechtes Gewissen bereiten: Wir haben dann sozusagen das Gefühl, gerade richtig viel Geld auszugeben“, sagte Geißler in einem Interview (siehe bit.ly/3FKeXkX), das im März 2020 anlässlich seiner Nominierung als Träger des Life Achievement Awards (LAA) der Weiterbildungsbranche in managerSeminare erschien.

Geißler war der Antipode des klassischen Zeitmanagements

Für die Branche hatte Geißler (der gemeinsam mit seinem Sohn Jonas und mit Frank Orthey schließlich auch ein eigenes Zeitberatungsinstitut – timesandmore – gegründet hatte) eine ganz besondere Bedeutung. War er doch der Antipode all jener Zeitmanagementtrainer, die die hoffnungsfrohe Kunde verbreiteten, man könne seiner Zeitnot durch perfekte Planung beikommen. Geißler hielt dem entgegen: „Das Zeitmanagement tut immer so, als ob es die Zeiten verändern könnte. Zeit ist aber nicht real, und was es nicht gibt, kann man auch nicht verändern. Was sich verändern lässt, sind die Vorstellungen über Zeit.“ In einem Meinungsbeitrag (siehe bit.ly/3uNo6mk), der 2009 in managerSeminare erschienen war, schrieb er: „Wer über Zeitdruck klagt, jammert in Wahrheit über die Folgen unbefriedigender Zeiterfahrungen und unzulänglicher Zeiterlebnisse.“ Daher ließen sich Zeitnöte nur durch zufriedenstellendere, situativ angemessenere Zeiterfahrungen verringern. Man könnte sagen: Es geht beim Thema Zeit um Content, nichts anderes. Und zufriedenstellend werden Zeiterfahrungen laut Geißler dann, wenn Menschen ihr Zeithandeln an die biologischen Maßverhältnisse (also natürliche Rhythmen) anpassen und wenn sie sie mit den zeitlichen Bedarfen ihrer Mitmenschen ausbalancieren.

Tatsächlich näherten sich im Laufe der Jahre selbst eingefleischte Zeitmanagement-Apologeten Geißlers Sichtweisen merklich an, begannen Sinnfragen stellen, sich zu fragen, auf was man verzichten könne, statt Zeitplanungen immer weiter auszureizen. Gleichzeitig aber nahm die Praxis, Zeit in Geld zu verrechnen noch ganz neue Dimensionen an. So beobachtete Geißler einen zunehmenden Hang der Menschen, dort, wo man nicht mehr schneller werden kann, Zeit zu verdichten, immer mehr gleichzeitig tun zu wollen; „Simultanten“ taufte er diese neue Spezies Zeitgeplagter.

Geißler, der die Langsamkeit für sich und uns entdeckt hatte, wurde schließlich auch zum längsten mit dem Life Achievement Award Nominierten überhaupt, wie er selbst gegenüber LAA-Gremiumsmitglied Nicole Bußmann scherzhaft bemerkte. Denn die Petersberger Trainertage, in deren Rahmen ihm der Preis im April 2020 eigentlich hätte überreicht werden sollen, fanden aufgrund der Corona-Pandemie nicht statt – und fielen auch in den beiden Folgejahren pandemiebedingt aus. Deswegen hätte Geißler den Award 2023 bekommen sollen. Stellvertretend für den Vater wird ihn nun sein Sohn Jonas in Empfang nehmen. So hat eben tatsächlich alles seine Zeit.

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