Führung meets Coaching
Führung meets Coaching

Erst sieben, dann reden

Martin Wehrle erklärt die drei Siebe des Sokrates fürs Selbstcoaching und für die Kommunikation mit anderen.

„Hast du schon gehört, dass …“ So beginnen viele Gespräche im Arbeitsalltag. Die Menschen geben weiter, was sie aufgeschnappt haben. Solcher Tratsch befriedigt die Neugier und wirkt als sozialer Klebstoff. Aber zugleich bringt er Gerüchte in Umlauf, schürt unnötige Sorgen und Vorurteile. Was unterhaltsam beginnt, endet oft böse: mit Intrigen und Mobbing.

Aber was kann eine Führungskraft tun, um Gerüchte zu unterbinden und einer fairen Kommunikation die Tür zu öffnen? Eine hilfreiche Übung stammt aus dem alten Athen, ihr Erfinder ist der Philosoph Sokrates. Die dazugehörige Anekdote geht so: Einst stürmte auf offener Straße ein Mann auf Sokrates zu, um ihm eine Neuigkeit über eine andere Person zu erzählen. Doch der Philosoph hob abwehrend die Hände und fragte: „Ist das, was du mir erzählen wirst, ganz sicher wahr?“ Der Mann zuckte mit den Schultern: „Es ist mir aus zweiter Hand erzählt worden.“ – „Ist das, was du mir erzählen willst, etwas Gutes?“ – „Im Gegenteil“, gab der Mann zu. Und schließlich fragte Sokrates: „Muss ich das, was du mir erzählen willst, unbedingt wissen?“ – „Nicht unbedingt“, räumte der Mann ein. „Dann behalt es für dich“, sagte Sokrates – und ging weiter.

Sokrates hatte sein Gegenüber angeregt, seine Botschaft durch drei Siebe laufen zu lassen: Wahrheit, Güte und Notwendigkeit. Diese uralte Methodik können Führungskräfte noch heute nutzen – etwa in der Kommunikation mit einem Mitarbeitenden, der bekannt dafür ist, öfter einmal in ein Fettnäpfchen zu tappen. Beginnt dieser etwa mit einer Story über eine Kollegin, könnte die Führungskraft ihn nach sokratischer Methodik fragen: „Ist das auch zu 100 Prozent wahr?“, „Transportiert der Inhalt etwas Gutes?“ Und: „Ist es notwendig, das zu wissen?“ Wer ein paar Mal die drei Siebe des Sokrates eingesetzt hat, wird feststellen: Immer weniger Teammitglieder werden mit Tratsch um die Ecke kommen – gleichzeitig steigt der substanzielle Wert der Kommunikation.

Besonders wertvoll können die drei Siebe des Sokrates fürs Selbstcoaching sein. Bevor man etwas weitererzählt, gilt es demnach zu prüfen: „Woher weiß ich sicher, dass es stimmt?“ Oft wird dann nämlich deutlich, dass die Quelle unzuverlässig ist. Anschließend die Frage nach der positiven Energie des Inhalts. Verströmt dieser keine, ist Schweigen meist die bessere Wahl. Und schließlich die Frage, aus welchen Gründen ich die Nachricht überhaupt weitergeben sollte. Ist es wirklich notwendig? Oder geht es mir nur darum, mich als Überbringer der Botschaft kurz im Scheinwerferlicht der Neuigkeit zu sonnen? Wir alle kennen solche Eitelkeiten. Aber wir alle haben auch die Kraft, ihnen zu widerstehen.

Die drei Siebe des Sokrates können aber nicht nur zu einer Kommunikation verhelfen, die klarer im Inhalt ist und moralischen Maßstäben folgt. Sie hilft auch noch, Zeit zu sparen. Denn je weniger getratscht und sich über andere und deren Aussagen Gedanken gemacht wird, desto mehr Energie fließt in produktiven Austausch und die Arbeit.

Der Autor: Martin Wehrle ist Karrierecoach und Coachausbilder mit eigener Akademie in Hamburg. Sein aktuelles Fachbuch heißt „Die Coaching-Schatzkiste“. Kontakt: www.karriereberater-akademie.de

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