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Die Grenzen des positiven Denkens

'Optimisten treiben sich selbst in den Burn-out'

An die 100 Untersuchungen und Experimente haben die Psychologen Astrid Schütz und Lasse Hoge für ihr neues Buch „Positives Denken: Vorteile – Risiken – Alternativen“ ausgewertet. Ihr Fazit: Positives Denken ist oft, aber längst nicht immer die beste Strategie. managerSeminare sprach mit Autorin Schütz über Folgen und Gefahren von zu viel Zuversicht.


Autoren wie Dale Carnegie haben mit Leitsätzen wie „Denke positiv“ und „Sorge Dich nicht, lebe“ Millionenauflagen erzielt. Sie raten von solchen Ratgebern vehement ab. Steht da Ihrer Meinung nach nur Humbug drin?

Professor Dr. Astrid Schütz: Das sicher nicht. Eine positive Einstellung ist grundsätzlich sinnvoll. Es gibt viele Untersuchungen, die belegen, dass positiv denkende Menschen erfolgreicher, gesünder, zufriedener sind.

Was ist dann Ihre Kritik an diesen Büchern?

Schütz: Sie reden die Grenzen des positiven Denkens weg. Positives Denken ist keinesfalls immer vorteilhaft, wie die Autoren ihre Leser glauben machen wollen. Übersteigertes positives Denken kann sogar schädlich, gar gefährlich sein.

Ein Beispiel?

Schütz: Dazu müssen wir erst einmal klären, von welcher Form des positiven Denkens wir sprechen. Die Wissenschaft unterscheidet nämlich verschiedene Konzepte – in der Regel vier. Erstens Optimismus. Optimistisch zu sein bedeutet, positive Ergebnisse zu erwarten. Zweitens Selbstwirksamkeitserwartung. Das ist das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen. Kontrollüberzeugung drittens beschreibt den festen Glauben, die Dinge selbst in der Hand zu haben. Und viertens fällt auch ein hohes Selbstwertgefühl in die Kategorie des positiven Denkens.

Wie kann ein hohes Selbstwertgefühl gefährlich sein?

Schütz: Wenn es übersteigert ist. Menschen, die sich stark überschätzen, wirken zwar kurzfristig auf andere Menschen interessant. Das schlägt aber schnell ins Gegenteil um. Nach wenigen Kontakten bröckelt die Fassade ab und die Personen werden dann recht negativ eingeschätzt.

Das ist sicher nachteilig, aber doch nicht gefährlich?

Schütz: Gefährlich werden kann die Beharrlichkeit, zu der Menschen mit hohem Selbstwertgefühl neigen. Sie lassen sich von Rückschlägen nicht entmutigen, auch dann nicht, wenn es eigentlich offensichtlich ist, dass sie ihr Ziel nicht erreichen können. Sie sind destruktiv beharrlich, reiben sich sinnlos auf.

Und je mehr Zeit und Mühe die Menschen in ihr Ziel investiert haben, desto größer ist die Frustration, wenn das Scheitern nicht mehr zu leugnen ist…

Schütz: Zum einen das. Zum anderen beschäftigen sie sich nicht mit Alternativen. Sie sehen die Chancen am Rande des Weges nicht. Eine Führungskraft mit extrem hohem Selbstwertgefühl zum Beispiel, die sich in den Kopf gesetzt hat, eine bestimmte Position im Unternehmen zu erreichen, wird auch dann noch weiterstrampeln, wenn längst klar ist, dass sie dort nicht hinkommen kann. Währenddessen bleibt sie für Möglichkeiten auf andere Posten, die vielleicht ebenso attraktiv sind, blind.

Bleiben wir beim Berufsleben. Welche Rolle spielt dort Kontrollüberzeugung? Ist sie eher vorteilhaft oder eher gefährlich?

Schütz: Vor allem vorteilhaft. Die Überzeugung, das eigene Geschick selbst bestimmen zu können, wirkt sich positiv auf den beruflichen Erfolg aus – etwa hinsichtlich der Faktoren Gehalt und Anzahl der Mitarbeiter. Problematisch wird es aber, wenn Menschen mit hoher Kontrollüberzeugung in Situationen geraten, die sie nicht beeinflussen können.

Zum Beispiel?

Schütz: Etwa im Fall einer Kündigung. Diese wird eine Person mit hoher Kontrollüberzeugung in der Regel stärker aus der Bahn werfen, größere Unzufriedenheit auslösen, eventuell sogar gesundheitliche Probleme nach sich ziehen. Menschen mit weniger stark ausgeprägter Kontrollüberzeugung besitzen in solchen Fällen mehr Gelassenheit.

Die Rolle einer positiven Erwartungshaltung, also von Optimismus, gilt gemeinhin als besonders wichtig für Erfolg. Hat Optimismus ebenfalls eine Kehrseite?

Schütz: Es scheint zumindest so. Einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass Optimisten eher von Burn-out betroffen sind.

Wie lässt sich das erklären?

Schütz: Ein Grund könnte sein, dass Optimisten sich mehr aufhalsen als Pessimisten. Sie rechnen nicht damit, dass irgend etwas schief läuft, planen für Aufgaben und Projekte eher weniger Zeit ein, als sie wirklich brauchen. So nimmt die Arbeit irgendwann überhand. Optimisten treiben sich sozusagen selbst in den Burn-out. Während Pessimisten mit ihrer Arbeit eher ihrem Zeitplan voraus sind.
 
Also ist ein gewisses Maß an Pessimismus im Job sinnvoll?

Schütz: Das lässt sich nicht grundsätzlich sagen. Es hängt von der Person ab. Der eine fährt besser mit einer optimistischen Haltung à la „Das hat doch bisher immer geklappt“, für den anderen ist defensiver Pessimismus die bessere Bewältigungsstrategie.

Was heißt „defensiver Pessimismus“?

Schütz: Defensiver Pessimismus heißt, vorab zu bedenken, was schiefgehen könnte und sich darauf vorzubereiten. Defensive Pessimisten überlegen sich zum Beispiel vor einer Präsentation, welche kniffligen Fragen die Teilnehmer stellen könnten und legen sich Antworten zurecht. Oder sie fragen sich, wie sie reagieren, wenn der PC abstürzt und nehmen sich ein zweites Notebook mit. Alles zu durchdenken und Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, beruhigt sie und gibt ihnen Sicherheit.

Was passiert, wenn man den defensiven Pessimisten zu überzeugen versucht, optimistischer an die Dinge heranzugehen?

Schütz: Das weiß man bisher nur aus dem Experiment. So haben amerikanische Forscher Studenten, die sie zuvor als defensive Pessimisten identifiziert hatten, zu einem Test eingeladen. Die eine Hälfte der Probanden hielten die Wissenschaftler vor dem Test durch ablenkende Aufgaben von ihrer gewohnten Strategie des gedanklichen Durchspielens ab. Die andere Hälfte bestärkten die Forscher hingegen in ihrer gewohnten Bewältigungsstrategie. Sie baten die Studenten, sich mögliche Probleme vorzustellen und aufzulisten, welche Ergebnisse sie erwarten. Diese Gruppe schnitt beim Test signifikant besser ab. In einem anderen Versuch konnte gezeigt werden, dass defensive Pessimisten schlechter abschneiden, wenn man sie in gute Laune versetzt.

Wie haben die Wissenschaftler diese Ergebnisse erklärt?

Schütz: Die Forscher haben während der einzelnen Testphasen das Erregungsniveau der Probanden gemessen. Die Gruppe der defensiven Pessimisten, die durch Aufgaben vom Grübeln abgehalten wurden, waren während des Tests deutlich nervöser, sie konnten sich schlechter konzentrieren.

Wurde schon untersucht, wie Optimisten reagieren, wenn man sie zum Schwarzmalen verleitet?

Schütz: Dazu gibt es ebenfalls Experimente – mit den entsprechenden Ergebnissen. Zum Beispiel wurden optimistisch eingestellte Studenten vor einem Test gebeten, sich auszumalen, was alles schiefgehen kann. Das verunsicherte sie derart, dass sich ihre Leistungsfähigkeit signifikant senkte.

Also ist es Ihrer Überzeugung nach genauso wenig sinnvoll, einen Optimisten zu mehr Besonnenheit zu ermahnen, wie einen Pessimisten mehr Zuversicht zu lehren?

Schütz: Ein „gesunder“ Pessimismus ist genauso gut oder schlecht wie ein „gesunder“ Optimismus. Deshalb bedarf es auch keiner Ratgeber-Bücher, die helfen, die Welt durch eine rosarote Brille zu betrachten. Es ist zudem nicht erstrebenswert, dass wir alle durch und durch optimistisch sind. So ist es in einem Team zum Beispiel sinnvoll, wenn nicht alle Mitglieder nur Visionen entwickeln. Genauso braucht man jemanden, der überlegt, was schiefgehen kann und wie dann zu handeln ist. Es gibt ein Sprichwort, dass diesen Zusammenhang gut beschreibt: Der Optimist erfindet das Flugzeug, der Pessimist den Fallschirm.
Autor(en): (ama)
Quelle: managerSeminare 119, Februar 2008
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