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DFK-Jubiläum

'Seit 100 Jahren treibt uns die Frage um, was Führung ist'

Der DFK – Verband für Fach- und Führungskräfte feierte im Herbst 2019 sein 100-jähriges Jubiläum. Bei einer Zahl wie dieser lohnt sich eine Rückschau in die Vergangenheit. Der DFK-Sprecher und Historiker Ralf T. Krüger hat sich anlässlich des Ereignisses durch die Archive gewühlt. Ein Interview über die Vergangenheit und Zukunft der Führungskräfteverbandsarbeit.

managerSeminare: 1918 bzw. 1919 wurden die beiden Verbände gegründet, aus denen später der DFK, der Berufsverband der Fach- und Führungskräfte hervorgegangen ist. Warum haben sich Führungskräfte damals in Verbänden zusammengeschlossen?

Ralf T. Krüger: Im November 1918 hatte der Kaiser abgedankt und die erste Republik war ausgerufen worden. Im Nachgang dieser Ereignisse gab es das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen. In dem hatten die Arbeitgeber mit den Gewerkschaften vereinbart, dass sie diese als Tarifpartner – so würde man es heute nennen – anerkennen. In dem Abkommen wurde vieles von dem verankert, was wir heute als Mitbestimmung kennen. Das führte auch dazu, dass Streiks ein legitimes Mittel der Auseinandersetzung wurden. Die Betriebe wurden also bestreikt. Und die Führungskräfte wurden daran gehindert, zur Arbeit zu gehen. Nicht zur Arbeit zu gehen, bedeutete aber auch: kein Geld zu bekommen. Als Reaktion darauf entstand die VELA, die Vereinigung leitender Angestellter, die sich dann mit den Arbeitgebern und Gewerkschaften ins Einvernehmen setzte. Die Mitglieder der VELA wurden beim Vorzeigen ihrer Mitgliedsausweise fortan nicht mehr daran gehindert, zur Arbeit zu gehen. Beim zweiten Verband, aus dem später der DFK hervorging, dem Verband Oberer Bergbeamter (VoB), war die Lage noch dramatischer. Hier waren besonders starke gewerkschaftliche Kräfte aktiv. Zudem hatten Führungskräfte im Bergbau in Zeiten, in denen dort tödliche Unfälle an der Tagesordnung waren, auch erhebliche Risiken zu tragen. Daher gründeten sie 1919 den VoB als Selbstorganisation mit einer starken sozialen Komponente. Sie führten zum Beispiel einen Rechtshilfefonds ein, eine Rechtsschutzversicherung, und auch eine Unfallversicherung.

Ökonomische Interessen gaben also primär den Anlass zur Verbandsgründung?

Ja. Aber damit verbunden war von Anfang an immer auch die Frage: Was ist überhaupt ein leitender Angestellter? Welche Aufgaben hat er? Welche Kompetenzen hat er? Was darf er?

Das 'Er' war damals vermutlich wörtlich zu verstehen. Frauen spielten in den Verbänden lange Zeit wohl keine Rolle?

Beim VoB war das branchenbedingt bis in die 1970er-Jahre tatsächlich so; Frauen gingen damals eben nicht unter Tage. Erstaunlicherweise war die VELA aber schon früh sehr fortschrittlich, was die Mitgliedschaft von Frauen angeht. Aus dem Mitgliedermagazin 'Der leitende Angestellte' geht hervor, dass erstaunlich viele Frauen im Verband aktiv waren. Und übrigens auch viele Nichtakademiker. Was später für den Vorläufer des VAA, den Verband der angestellten Chemiker und Ingenieure, ein Grund war, sich, anders als anvisiert, doch nicht mit der VELA zusammenzutun.

Welche Themen trieben VELA und VoB in all den Jahren um? 

Neben dem Dauerbrenner-Thema 'Was ist eigentlich eine Führungskraft?', das ja auch rechtliche Implikationen hatte und daher so heiß diskutiert wurde, gab es immer wieder viele Diskussionen über politische Fragen. In der Zeit der Weimarer Republik diskutierte man zum Beispiel, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zu den Gewerkschaften gibt, und ob man sich mit denen zusammentun sollte. Es ging auch darum, mit welchen politischen Kräften man sich zusammentun wollte, oder vielmehr: ob man das überhaupt wollte.

Wurde diese Frage auch in der Zeit des Nationalsozialismus gestellt?

Da muss man ehrlicherweise sagen, nein. Die VELA hat sich früh in die neue Struktur integriert, der VoB ist 1933 gleichgeschaltet worden. Es gibt sogar Bilder von leitenden Personen der VELA in SA-Uniform – Personen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auftauchen. Es gab aber auch Menschen wie den VELA-Geschäftsführer Dr. Leo Müffelmann, der sich als Freimaurer und Internationalist klar gegen die Nationalsozialisten stellte, ins Konzentrationslager kam und 1934 an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben ist.

Wie ging es nach dem Zweiten Weltkrieg mit den beiden Verbänden weiter?

Sie gründeten sich nach dem Krieg recht schnell neu. Der VoB 1948, die VELA 1949. Weil es zu Umbrüchen beim Thema Energie kam, öffnete sich der VoB in den 1960er-Jahren auch für andere Energiesparten und benannte sich in Verband der Führungskräfte (VDF) um. Die VELA nannte sich ab 1979 Verband angestellter Führungskräfte (VAF). In all diesen Jahrzehnten waren die Verbände sehr gefragt. Denn Krisen, wie die Kohlekrise in den 1960er-Jahren, die Krise der klassischen Industrie, das Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit in den 1980ern, führten dazu, dass die Nachfrage nach ihren Leistungen wie der juristischen Beratung nie abriss. In den 1990er-Jahren erlebten die beiden Verbände dann allerdings etwas, das ab da alle Parteien, Vereine und Verbände ereilte: einen Mitgliederschwund – weil vor allem jüngere Menschen solchen Organisationen immer kritischer gegenüberstehen. Daher kam dann auch der Zusammenschluss 2004, man sagte sich: Wir können unsere Schlagkraft erhöhen, indem wir uns zusammentun.

Worin besteht diese Schlagkraft heute?

Wir erreichen heute rund 20.000 Führungskräfte. Und im Kern geht es unseren Mitgliedern noch immer um viele der Fragen, die die leitenden Angestellten auch damals umtrieben, wobei vor allem das Thema juristische Beratung immer wichtiger geworden ist. Das liegt auch daran, dass Führungskräfte häufiger das Unternehmen wechseln. Wir haben viel mehr Auflösungsverträge und Arbeitszeugnisse zu prüfen als früher. Und dann sind für uns natürlich auch heute wieder Fragen von Führung sehr virulent. Mit neuen agilen Organisations- und postheroischen Führungsmodellen kommen da ganz neue Herausforderungen auf die Führungskräfte zu – schlimmstenfalls auch neue rechtliche Fragestellungen. Das alles ist eine Riesenherausforderung, bei der wir die Führungskräfte weiterhin unterstützen wollen – mit Beratung, aber auch durch Weiterbildung über unser Magazin, über Seminare, die wir veranstalten, und Kongresse.

In Studien ist ja oft zu lesen, dass die Lust auf Führung vor allem bei den Jüngeren nicht mehr sehr ausgeprägt ist. Bemerken Sie das auch?

Wenn ich zum Beispiel auf Absolventenkongressen mit Jüngeren spreche, stelle ich immer wieder fest, dass es eine Schwelle beim Wort Führungskraft und – schlimmer noch – Manager gibt. Manager ist ein richtiges Bäh-Wort. Und was den Begriff Führungskraft angeht, sagen mir oft sogar Menschen, die schon lange im Job sind und tatsächlich Verantwortung für Ressourcen haben, was ja im Grunde eine Führungskraft ausmacht: 'Ich bin doch keine Führungskraft.' Wenn man aber stattdessen von 'Verantwortung übernehmen' spricht, sind sie wieder an Bord – auch die Jüngeren.

Klingt ja fast so, als sei es wieder an der Zeit für eine Umbenennung. Wie wäre es mit Verband der Verantwortungsträger?

(Krüger lacht) Das wäre tatsächlich ein schöner, passender Name. Darf ich den haben?

Das Interview führte Sylvia Jumpertz.

Autor(en): Sylvia Jumpertz
Quelle: managerSeminare 262, Januar 2020
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