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Beratung im dritten Modus

'Das Management muss in die Bütt'

Der Begriff klingt ein bisschen nach Fantasy, nach Aufbruch in eine neue Galaxie: 'Beratung im Dritten Modus'. Stößt der so titulierte Beratungsansatz tatsächlich in neue Dimensionen vor? Das wollte managerSeminare vom Wiener Systemiker Rudolf Wimmer wissen, der das Konzept jetzt erstmals in einem Buch präsentiert.

Warum sollen Unternehmen sich auf einen neuen Modus der Beratung einlassen? Klappt es mit den bisherigen Beratungsleistungen nicht mehr?

Prof. Dr. Rudolf Wimmer: Die Beraterbranche hat sich um zwei sehr ungleiche Herangehensweisen herum ausdifferenziert: 90 Prozent des Beratermarktes macht die Expertenberatung aus, zehn Prozent die Prozessberatung. Bei ersterer geht es darum, externe Expertise einzukaufen für ein strategisches oder organisatorisches Problem, das das Management sich alleine nicht zu lösen zutraut. Bei zweiterer geht es um zwischenmenschliche, emotional brisante Themen im Team, um Konfliktdynamiken und Kommunikationsprobleme. Der Prozessberater wird geholt, um mit den Beteiligten diese Schwierigkeiten zu bearbeiten und ihre Zusammenarbeit zu verbessern.

Das ist doch wunderbar: Damit ist alles abgedeckt.

So haben wir alle lange gedacht, und vor Jahrzehnten mag es auch so funktioniert haben. Heute aber bewegen sich viele Unternehmen und Organisationen in einem Umfeld, das zu komplex ist, um ihm auf diese Weise gerecht zu werden. Die Dinge lassen sich nicht in Arbeitsteilung angehen – und schon gar nicht komplett nach außen an Berater delegieren. Das Management muss selbst in die Bütt.

Wie soll das vor sich gehen?

Indem in einem Lösungsfindungsprozess zwischen Management und Beratung beide Di­­mensionen – die sachliche und die soziale – gleichzeitig angegangen werden. Das ist die 'Beratung im Dritten Modus'. Die Dimensionen werden nicht getrennt voneinander betrachtet, sondern als zwei Seiten derselben Medaille. Dazu ge­­hören seitens des Managements Über­legungen wie: Was passiert, wenn Lösung A gewählt wird? Welche Dynamiken können dann in den Teams entstehen? Wie sind diese zu managen? Passt die Strategie tatsächlich auch zu uns Managern und zu unserer Organisation? So entstehen Lösungen, die inhaltlich gut durchdacht sind, die gleichzeitig aber auch in der Organisation an­­kommen und umgesetzt werden können.

Das heißt: Lieber gleich einen fahrtüchtigen Wagen bauen als eine Karosserie hinstellen, an die später noch Räder montiert werden müssen – mit dem Risiko, dass Räder und Karosserie nicht richtig zusammenpassen?

Genau. Es ist eine Abkehr vom üblichen Prozedere, bei dem das Topmanagement sich inhaltliche, fachliche Lösungen erarbeiten lässt und die Umsetzung auf die unteren Führungsebenen delegiert, wo dann Widerstände und zwischenmenschliche Themen hochpoppen und bearbeitet werden müssen. Dieses klassische Vorgehen bedeutet eine Addition verschiedener As­­pekte, die zuvor voneinander abgespalten wurden – und das führt nicht zu homogenen Ergebnissen.

Die Beratung im Dritten Modus ist unbequem, denn sie nimmt, wie Sie sagen, die Manager in die Pflicht. Sind diese überhaupt gewillt, für bessere Ergebnisse größere Anstrengungen auf sich zu nehmen?

Dieser Weg braucht ein reflektiertes Ma­­nagement, das bereit ist, sich selber zum Thema zu machen. Das ist das Eintrittsgeld. Die Manager müssen erkennen: Die Art und Weise, wie sie eine Führungsleistung erbringen, wie sie Entscheidungen herbeiführen, wie sie kommunizieren, ist in der Regel ein Teil des sachlichen Problems. All das hängt mit dem aufgabenbezogenen Systemproblem, das gelöst werden will, zusammen. Ganz gleich, ob es um einen Strategieentwicklungsprozess geht, um das Finden eines neuen Organisationsdesigns oder die Realisierung einer Restrukturierung: Die Manager müssen einen kritischen Blick auf sich zulassen – und im zunehmenden Maße sind sie dazu bereit.

Welche Rolle nimmt der Berater bei der Be­­ratung im Dritten Modus ein?

Auf sachlicher Ebene sind wir Sparringspartner, die von außen auf die vom Management erarbeiteten Ergebnisse gucken. Wir sind eine Prüfschleife, eine Instanz der Qualitätssicherung. Als solche bieten wir eine Second Opinion, geben dem Management aber nicht vor, was es zu tun hat. Denn wir wollen, dass die Identifikation mit der Lösung im System verbleibt. Auf sozialer Ebene haben wir auf dem Schirm, was sich an Machtkämpfen, persönlichen Vorbehalten und Kooperationsschwierigkeiten ansammelt. Diese Dinge bearbeiten wir entweder indirekt durch die Art, wie wir den Prozess steuern und moderieren, oder direkt, wenn wir zur Auffassung kommen: Der soziale Konflikt muss beim Namen genannt und zum selbstständigen Thema gemacht werden. Für die Bearbeitung nutzen wir dann die Settings, Interventionen und Tools aus der klassischen Prozessberatung. Als dritte Ebene beachten wir die Zeitachse: Welche Dinge aus der Vergangenheit müssen bei der Entwicklung heutiger Lösungen beachtet werden? Welche Rücksichtnahmen für die Zukunft sind schon in der Gegenwart wichtig?

Der Berater ist also Moderator, Beobachter, Fragensteller, Reflexionsspiegel …

…, der hierüber die relevanten Themen hereinholt und dabei hilft, die passenden Entscheidungen herbeizuführen.

Wo ist der Unterschied zur systemischen Beratung? Systemische Be­­­rater haben doch auch diese Rolle?

Die systemische Beratung hat ihren Ursprung in der Familientherapie und betrachtet aus dieser Tradition heraus ausschließlich das soziale Geschehen. Bei der Beratung im Dritten Modus wird nun erstmals ernsthaft mit der systemtheoretischen Brille auch die sachliche Dimension mit in den Blick genommen und gefragt: Was sind die sachlichen Aufgaben in der Organisation?

Muss nach Ihrem Verständnis jeder einzelne Berater aus einem Beratungsteam in persona in der Lage sein, die sachliche wie die soziale und die zeitliche Dimension eines Unternehmens zu bedienen?

Ja, denn mit einer Arbeitsteilung nach dem Motto 'Du im Beraterteam übernimmst die Sachfragen und du die sozi­­alen Aspekte' landet man wieder bei einer schlichten Addition. Die Beratung im Dritten Modus verlangt vom Berater enorm viel, weil er sehr viele und sehr unterschied­liche Kompetenzen in einer Person vereinen muss.

Können Beratungseinkäufer da­­von ausgehen, dass Berater, die sich 'Berater im Dritten Modus' nennen, das von Ihnen angedeutete Kompetenzspektrum mitbringen?

Wer unsere Beraterausbildung absolviert, erlernt diese Kompetenzen. Doch wir haben die Bezeichnung nicht geschützt. Aus unserer Sicht ist 'Beratung im Dritten Modus' eine professionelle Grundhaltung, verbunden mit einem ganz bestimmten Kompetenzprofil, und beides kann man nicht schützen. Wer meint, dass er diese Haltung mitbringt und nach ihr arbeiten kann, ist herzlich eingeladen, die zugehörige Bezeichnung zu nutzen.

Autor(en): (Svenja Gloger)
Quelle: managerSeminare 195, Juni 2014
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