Süddeutsche Zeitung über die 'seltsame Branche' Coaching

Kurz vor meinem Urlaub bin ich noch über einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung gestolpert, genauer: Eine Kollegin hatte mich per Mail drauf aufmerksam gemacht, und nach mehrmaligem Durchblättern der SZ ist auch mir gelungen, den Coaching-Artikel in der Wochenendbeilage vom 10./11. Juli zu finden. Aufgemacht ist er mit einem schreienden Mann, er steht offenbar in der Wüste, der Titel des Artikel "Wo geht´s lang?"

Der Artikel hinterfragt die Dienstleistung Coaching, teils ironisch, teils zynisch. Die "Branche Coaching" – zu der zählt der Autor so ziemlich jeden beratenden Beruf: vom Psychologen, der Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen behandelt, bis zum Extrembergsteiger, der Vorträge vor Managern hält, von der Nanny im Fernsehen, die Familien rettet, über die Schuldenberater, die Dating-Doktoren und Ernährungsberater, bis hin zu den Coachs in den Coaching-Pools der Firmen. Er spricht von 40.000 Coachs und beschreibt sie als "Spezialisten mit unbegrenztem Aufgabengebiet, der effizienten Ausbeutung der Human Resources und Optimierung der Team-Kommunikation".

Zitiert werden auch zwei bekannte Experten der "echten" Coaching-Szene. Jörg Fellermann von der Deutschen Gesellschaft für Supervision, der bestätigt, dass Coachs "zunehmend für ganz normale Alltagsdinge bemüht werden, bei denen man früher vielleicht die Oma oder den netten Herrn Nachbarn gefragt hätte". Und Stefan Kühl, Bielefelder Organisationssoziologe, der Branche bekannt durch die Veröffentlichung der Studie "Das Scharlatanerieproblem". Kühl verweist erneut auf das Problem des Mangels an professionellen Standards im Coaching und sagt zudem: "Es ist unmöglich, den Effekt von Coaching zu messen."

Der Artikel arbeitet mit eindringlichen Bildern, z.B. Coaching als "Ego-Verkehrsmittel", das mit unterschiedlichen Technologien und Brennstoffen angetrieben wird und für das es noch nicht mal einen TÜV gibt. Und mit neuen Worten: "Helptainmentsendungen" für die TV-Coaching-Formate, die er als "Product-Placement-Aktion der Coaching-Branche" versteht. Das Fazit des Artikels: Coachs leben gut von den Ängsten und den Unsicherheiten der Menschen, von der ratlosen Gesellschaft. Dabei kann Coachings nichts wirklich nennenswertes, so der Artikel: "Coaching streichelt die gestresste Seele, Coaching ist Wellness fürs Gehirn".

Mein Fazit: Der Aufhänger, einen Erklärungsversuch für die Nachfrage nach Coaching zu liefern, ist interessant. Die Leistung Coaching ist allerdings extrem undifferenziert dargestellt - mit Absicht vermutlich. Seriös arbeitende Coachs könnten sich unverstanden fühlen. Und Hilfesuchende vielleicht verspottet.

Den Artikel gibts nicht online, daher keine Verlinkung.
12.07.2010
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