Friedrich Glasl

Bei jedem Konflikt geht es um unbefriedigte Bedürfnisse

Im Bonner Rathaus macht man pünktlich Feierabend. Spätestens ab 17 Uhr sind dort in der Regel die Fenster duster, dann strahlt nur noch die beleuchtete Rokkoko-Fassade. Vergangenen Freitag vor einer Woche war das anders. Noch um 20 Uhr waren alle Räume hell erleuchtet. Der Grund: Friedrich Glasl, der bekannteste deutschsprachige Konfliktforscher, gab dort ein Gastspiel.

Gastbeitrag von Andree Martens

Eingeladen hatte ihn die deutsche Sektion der Society for Intercultural Education, Training and Research – SIETAR. Der Verein, der sich als Plattform für den interdisziplinären und fachlichen Austausch zu interkulturellen Themen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft versteht, veranstaltete in der UNO-Stadt Bonn sein jährliches Forum. Von der Kongress-Location im ehemaligen Regierungsviertel wurden die Teilnehmer mit Bussen zur Abendkeynote von Friedrich Glasl zum Rathaus gebracht. Ins Haus des Schirmherren der Veranstaltung, des Bonner Oberbürgermeisters Ashok-Alexander Sridharan. Als Sohn eines indischen Vaters und einer Bonner Mutter ist der Politiker sozusagen ein Beispiel gelungener interkultureller Kooperation.

Deren Kehrseite – interkulturelle Konflikte – war Schwerpunktthema des Forums. Angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise auf der einen und der Internationalisierung der Unternehmen – etwa durch Recruiting über Ländergrenzen hinweg und gezielte Zuwanderung in den Fachkräftemarkt – auf der anderen Seite, eine naheliegende Ausrichtung. „Internationalisierung bedeutet immer auch, dass verschiedene Denkweisen, Handlungsmuster und Wertesysteme aufeinandertreffen, das birgt Konfliktpotenzial“, sagte Andrea Cnyrim, Mitglied des Organisationsteams des Forums, als sie Glasl ankündigte. Ihn hatten Cnyrim und Co. eingeladen, um die Grammatiken und Dynamiken von Konflikten zu beleuchten. Tatsächlich können das wohl nur wenige so gut wie der Österreicher. Seit 40 Jahren erforscht Friedrich Glasl Konflikte. Fast ebenso lange arbeitet er als Konfliktberater, Organisationsentwickler und Mediator. Seine Bücher wie „Konfliktmanagement“ und „Mediation in Bewegung“ sind Standardwerke der internationalen Konfliktforschung. Der kleine Mann – geschätzte 1,70 Meter – ist in diesem Themenfeld eine richtige große Nummer.

Im Gepäck hatte Glasl keine großen neuen Erkenntnisse, sondern vor allem Einsichten, die sich während seiner jahrzehntelangen Arbeit erhärtet haben. Eine der grundlegendsten: „Im Kern dreht es sich bei jedem Konflikt um das Gleiche: um unbefriedigte Bedürfnisse“, sagte Glasl. Und zwar meistens um eines von diesen beiden: um das nach Anerkennung – „Ich, meine Arbeit, meine Leistungen werden nicht genügend gewertschätzt“ – oder um das nach Selbstwirksamkeit – „Ich kann das gewünschte Ergebnis nicht erreichen.“ Glasl: „Ob es sich um einen Konflikt zwischen zwei Personen, zwischen Organisationen oder auch Staaten handelt – geht man den Konfliktursachen auf den Grund, stößt, man immer auf eines dieser Bedürfnisse. Oder gar auf beide.“

Diese Grundbedürfnisse gehören zu unserem archaischen Erbe, erläuterte Glasl, ihre Nicht-Befriedigung löst das urtümlichste Verhaltensprogramm überhaupt aus: Freeze, Flight or Fight – also erstarren, fliehen oder kämpfen. Und wenn mehrere beteiligte Personen in den Kampfmodus schalten, dann kracht’s.

Im Kampfmodus, erklärte Glasl, verfallen wir in ein Wahrnehmungs-Denk-Fühl-Willens-Handlungs-Muster, das aus einer eigentlich bereits zurückgelegten Entwicklungsstufe stammt. Konkret beschrieb er diesen Modus so: Das Denken ist eingeschränkt, starr, vorschnell und projizierend. Das Fühlen regressiv, also ebenfalls auf Sparflamme zurückgedreht, was zu Empathieverlust führt. Die Wahrnehmung ist extrem selektiv, man hört und sieht nur das, was man will. Grund: „Man ist wie in einem Tunnel und kennt nur noch eine Handlungsrichtung: Wie Du mir, so ich Dir – plus noch ein bisschen mehr.“ Auf jede Attacke reagieren wir mit einer etwas heftigeren Gegenattacke, womit sich der Konflikt immer weiter hochschaukelt.

Der einzige Weg, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, besteht darin, die Selbststeuerung übers Ich zu stärken, schärfte Glasl seinen Zuhörern ein. Die simpleste Taktik sei dabei immer der sinnvollste erste Schritt: Verzögerung. Also nicht sofort auf die Provokation oder den Angriff reagieren, sondern erst einmal abwarten: „Damit gibt man dem präfrontalen Kortex Zeit, die Kontrolle übers Denken zurückzuerlangen“, sagte Glasl. „Die Triebsteuerung wird wieder durch rationale Steuerung überlagert.“ Die Handlungsmacht werde zurück gewonnen, und so kann der fatalen Eigendynamik des Konflikts entgegengesteuert werden.

„Im Konfliktmanagement geht es immer darum, vom Reagieren zurück ins Agieren zu kommen“, sagte Glasl. Egal, ob sich um einen interkulturellen Konflikt oder einen Streit um den Gartenzaun mit dem Nachbarn handelt. „Wichtig ist es, zuerst zurück ins Denken zu kommen.“ Einmal mehr machte der Konfliktforscher damit deutlich, was auch für alle anderen Bereiche gilt: Denken hilft.

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Foto 1: Das Bonner Rathaus war die Location für die Abendkeynote. Foto 2: Friedrich Glasl (im Bild ganz links) erforscht seit 40 Jahren Konflikte. *****

Mehr zum Thema Konfliktbearbeitung gibt es in der nächsten Ausgabe von managerSeminare.
29.02.2016
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