1. Audio-only BarCamp

Austausch auf Ohrenhöhe

Es war ein absolutes Novum und es war sehr mutig: Erschöpft von dem vielen Starren auf Mattscheiben und inspiriert von der aktuellen Audio-Euphorie wagte Simon Dückert, Gründer und Chef der Cogneon-Akademie, das wohl erste virtuelle Barcamp ohne Bildschirm: Am 29. April 2021 eröffnete er mit seinem Team aus der Colearning-Community das erste Audio-only BarCamp (#audiobc21). Wir waren dabei.

„Hallo?“
„Hört ihr mich jetzt?“
„Du bist sehr abgehackt, Thorsten…“
„Tschuldigung – Sabine, bist du auch hier?“
„Das Ende deines Satzes haben wir nicht mehr gehört, Julia.“
Die Vögel, die Johannes auf seinem Spaziergang begleiten, dagegen – die hört man gut, zu gut bisweilen. Und ab und zu kommt – trotz Profi-Ausstattung – auch der Wind durch, der um das Mikro von Thomas weht.

Die Kommunikation ist zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftig: Woher weiß ich, wer gerade redet? Und wie finde ich es am besten heraus – einfach in die Runde fragen? Überhaupt, wie melde ich mich eigentlich zu Wort? Handheben geht ja schlecht, wenn mich keiner sieht. Also doch einfach reinrufen? Und wie sage ich das mit den Vögeln? Oder stört das gar keinen, außer mich?

Das ist alles erstmal gar nicht so einfach zu beantworten. Schließlich weiß niemand der Anwesenden – von ein paar Audio-Cracks vielleicht abgesehen – so recht, wie man sich in einem Konferenzformat, das es noch nie gegeben hat, richtig benimmt. Das Audio-only BarCamp 2021 (#audiobc21) ist das erste seiner Art.

Clubhouse-Hype und Zoom-Fatigue

Konzipiert hat es Simon Dückert, der sowohl als Barcamp- als auch als Podcast-Pionier im Weiterbildungsbereich gelten darf. Er hatte schon länger mit der Idee gespielt, beides zu verbinden: „Als das Gefühl der Zoom-Fatigue 2020 allgegenwärtig wurde und dann auch noch der Clubhouse-Hype losbrach, war klar, dass die Zeit für die Idee gekommen ist“, erklärt der Wissensmanager.

Das sehen viele offenbar ähnlich. 113 Menschen haben sich für das Experiment angemeldet und stürzen sich mit mir mutig ins Neuland. Dank beherztem Ausprobieren und rücksichtsvollem Improvisieren – und nicht zuletzt zweier Technik-Check-Termine vorab und einem Help-Desk vor Ort – finden wir uns dort auch bald zurecht. Mit geschlossenen Augen gelingt der Weg durch die Lobby des „Comble Bay Hotels“, dem digitalen Empfangsraum, den wir über die Sprachkonferenzplattform Mumble erreichen. Auf dem Tool, das auch gern parallel zu Online-Games eingesetzt wird, ist der Audioserver Comble von Cogneon hinterlegt, auf dem das akustische Barcamp stattfindet.

Gemeinsam ins technische Neuland

Das Einloggen ist dabei kaum anders als bei jedem Videotool. Anders ist allerdings, dass die Plattform dann – über die App auf dem Handy genauso wie auf dem Desktop – eine Liste von Räumen anbietet, in die man wechseln kann. Diese Übersicht, auf der man auch erkennen kann, welche Teilnehmenden sich wo befinden, ist eines der wenigen visuellen Elemente der Plattform.

Mit einem einfachen Doppelklick gelangt man über die Liste – in der Handy-App oder auf dem Desktop – dann zum Beispiel ins Plenum, an die Bar, ans Saalmikrofon, in die Sessionräume oder auch in eine der Sofa-Ecken oder auf einen Liegestuhl auf der Dachterrasse. Und überall trifft man freundliche Leute, die das aufregende Gefühl, Teil einer echten Premiere zu sein, verbindet. Das macht es leicht, andere anzusprechen und auch mal um Hilfe zu bitten. Etwa für die Optimierung der persönlichen Einstellungen auf der neuen Plattform – hier ist es z.B. gar nicht so einfach, herauszufinden, wie sich die akustischen Benachrichtigungen abschalten lassen, die fast alle zunächst in den Wahnsinn treiben.

Hilfreich sind externe Tipps aber auch, wenn es darum geht zu entscheiden, ob man lieber eine Taste drückt, um das eigene Mikrofon freizugeben (Push-to-Talk), oder man der eigenen Raumakustik vertraut und auf Dauersendung bleibt. Mit letzterem riskiert man nämlich, die Runde durch unerwartete Geräusche zu stören, was peinlich werden kann. Verschärfend kommt hinzu, dass man sich selbst nicht über das Audio-Tool hört – was erklärt, warum viele, die draußen unterwegs sind, die Wind-, Tier- oder Motorengeräusche, die sie mitübertragen, gar nicht zur Kenntnis nehmen. Zum Glück haben viele keine Scheu, andere auf problematische Nebengeräusche aufmerksam zu machen. Lautes Atmen oder Rascheln wird dann schnell – und dankbar – ausgeblendet oder eingestellt, und schließlich werden so auch die Vögel aus dem audiobc21 ausgesperrt.

Selbstorganisiertes Zuhören

Ansonsten läuft alles erstaunlich rund, wie Teilnehmer Johannes schon bei der Vorstellungsrunde feststellt: Alle kommen selbstorganisiert und in schneller Abfolge zum Mikro, wir fallen uns selten ins Wort." Das bleibt auch beim Sessionpitch und den späteren Diskussionen so. Der Konzentration auf die Inhalte steht deshalb wenig im Wege, außer – wie bei jedem Barcamp – die Qual der Wahl: Das selbstorganisierte Programm umfasst 18 Sessions, von denen immer vier bis fünf parallel stattfinden. Die Teilnehmenden müssen sich also entscheiden, ob sie Sprachnachrichten als professionelles Kommunikationsmedium kennenlernen wollen oder Audio-Aspekte für Online-Trainings und Workshops; ob sie sich dem Thema Podcasting im Unternehmen widmen oder an einem Selbstversuch im brandneuen Twitter Spaces, einem Audio-Format im Stil von Clubhouse, teilnehmen...

Was noch auf der Agenda stand, welche Inhalte besonders spannend für Weiterbildungsprofis sein dürften und welche Erwartungen und Erkenntnisse es rund um das audiobc21 gab, gibt es in der Juni-Ausgabe von Training aktuell zu lesen. Diese erscheint am 1. Juni 2021 und ist dann hier zu finden.

Fotos: Johannes Starke


Der Beitrag wurde geschrieben von

Sylvia Lipkowski
Sylvia Lipkowski, Redakteurin
25.05.2021
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