Politisches

Weiterbildungsbericht Hessen: Die Talsohle ist erreicht

Als 'Bildungsland' schmückt sich Hessen gerne. Doch die Realtität sieht anders aus: Die öffentlichen Mittel gehen zurück, Honorarkräfte nehmen zu. Das zumindest belegt der erste Weiterbildungsbericht Hessen, der die Lage im Land für das Hessische Kultusministerium untersucht hat. Training aktuell sprach mit Studienautor Professor Peter Faulstich, der aus seinen Ergebnissen Rückschlüsse auf die gesamtdeutsche Weiterbildungslandschaft zieht.

Herr Prof. Faulstich, wie hat sich der Weiterbildungsmarkt im Untersuchungsjahr 2004 in Hessen verändert?

Prof. Peter Faulstich: Der Druck auf die Anbieter hat sich weiter verschärft. Das lag zum einen daran, dass die Bundesagentur für Arbeit ihre Mittel drastisch zurückgefahren hat. Zum anderen sparen auch Arbeitgeber an der Weiterbildung, weil die Konjunktur nicht angezogen hat. Diese Kürzungen haben die Ausbildungsinstitute in allen Bundesländern schwer getroffen.

Wie haben die Anbieter auf diese Marktsituation reagiert?

Faulstich: Es gibt drei Trends: höhere Effizienz in den Trainings, stärkere Technisierung derselben und ausgefeiltere Marketingstrategien der Anbieter. Auf diese drei Grundpfeiler setzen fast alle Weiterbildner - von der Volkshochschule bis hin zu kommerziellen Anbietern.

Welche Auswirkungen hatten die Veränderungen auf die Beschäftigungssituation?

Faulstich: Keine guten - die Zahl der Festanstellungen ist im Untersuchungszeitraum drastisch gesunken. Wir gehen davon aus, dass etwa 40 Prozent der festen Stellen abgebaut wurden. Es gibt dazu keine offzielle Statistik, aber wenn man von den Einrichtungen ausgeht, die wir untersucht haben, und die Ergebnisse auf die ganze Branche hochrechnet, müsste es in diesem Bereich liegen.

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen dadurch geändert?

Faulstich: Die meisten Ausbildungsinstitute haben den Druck nach unten weitergegeben. Die selbstständigen Dozenten beispielsweise arbeiten teilweise zu sehr schlechten Bedingungen. Wir haben gut ausgebildete Leute interviewt, die für zehn Euro in der Stunde unterrichten und dabei noch dankbar sind, dass sie unterkommen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Qualität der Lehre?

Faulstich: Sie wird darunter zwangsläufig leiden. Die Dozenten unterrichten mal hier und mal da, aber sie identifizieren sich nicht mehr mit ihrem Arbeitgeber. Genau dieses Engagement für eine Kultur einer Einrichtung ist aber nötig, um gute Lehre zu entwickeln. Darüber hinaus wird den selbstständigen Dozenten ihre eigene Weiterqualifizierung völlig selbst überlassen. Aber sie haben meist gar keine Kapazitäten mehr, um in sich selbst zu investieren.

Haben sich auch die inhaltlichen Anforderungen an Weiterbildung geändert?

Faulstich: Ja, eindeutig. Wir haben beobachtet, dass die Maßnahmen eine direkte Anwendbarkeit auf das Arbeitsleben versprechen müssen. Wir sprechen von einer Ökonomisierung von Bildung, die überall - nicht nur in Hessen - zu beobachten ist. Gerade aus politischer Sicht ergeben sich damit aber auch Probleme: Wir können nicht mehr von lebenslangem Lernen für alle Bürger sprechen, wenn die Betriebe nur kurzfristig nach ihren Bedürfnissen trainieren. Und uns brechen langfristige Angebote weg, wie es sie etwa für schwer integrierbare Jugendliche gibt. Hier ist - das zeigt der Weiterbildungsbericht Hessen deutlich - die Politik gefragt. Wer mit 'Bildungsland' wirbt, muss auch Mittel dafür bereit stellen.

Wie sieht ihre Prognose für die weitere Entwicklung des Weiterbildungsmarktes aus?

Faulstich: Wir sind bei einer Talsohle angelangt, von der es nur noch aufwärts gehen kann. Sobald die Konjunktur anzieht, werden die Unternehmen wieder in berufliche Bildung investieren, davon bin ich überzeugt. Wie sich die Politik entscheidet, ist schwer zu sagen. Aber ich hoffe, dass sich die Lücke zwischen politischem Programm und Realität wieder schließt.

Den Weiterbildungsbericht kann man im Internet herunterladen.
Autor(en): (com)
Quelle: Training aktuell 11/05, November 2005
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