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ASTD-Konferenz 2002: Weiterbildung im Werte-Wandel

Bestimmten in der Vergangenheit immer neue Superlative die jährlichen Tagungen der American Society for Training and Development (ASTD), so markierte die diesjährige Veranstaltung vom 2. bis 6. Juni in New Orleans in vielfacher Hinsicht einen Wendepunkt. Nicht nur, dass nach Jahren kontinuierlichen Wachstums erstmals ein Rückgang der Teilnehmerzahl um fast 25 Prozent zu verzeichnen war. Die Stimmung war insgesamt nachdenklicher und '9-11', das amerikanische Synonym für den 11. September 2001, allgegenwärtig. Es schien, als habe die Maxime 'The Business of Business is Business' an Gültigkeit verloren. Stattdessen wurden eine breiter angelegte Sichtweise von Unternehmen, Staat und Gesellschaft und ein neues Werteverständnis gefordert.

Neue Sichtweise betont Verantwortung
Dieser neuen Sichtweise trugen viele der insgesamt mehr als 300 Einzelveranstaltungen in bislang ungewohnter Weise Rechnung. Allen voran die Plenumsveranstaltungen - in der Vergangenheit eher ein Forum für Management-Gurus. Dieses Mal sprach der ehemalige Präsident von Costa Rica, Oscar Arias, der 1987 den Friedensnobelpreis erhielt, über die Verantwortlichkeit der Unternehmen in Zeiten der Globalisierung. Dabei ging Arias auf Fragen der Unternehmensethik sowie der Orientierung der Unternehmensführung an zentralen Werten ein. Kern seiner Botschaft war die Forderung nach Verantwortlichkeit, Integrität, Solidarität und Respekt. Für viele der etwa 9.000 Teilnehmer aus 77 Ländern, die nach New Orleans gekommen waren, gänzlich neue Töne.

Führung muss sich an Werten orientieren
So standen in diesem Jahr der Wandel der Werte, der Verlust an Vertrauen und die Führungskräfteanforderungen der Zukunft im Mittelpunkt der Diskussionen. Die Bilanz-Manipulationen bei Enron und anderen Unternehmen haben offensichtlich zu einem tiefen Vertrauensverlust in die Vorbildfunktion des Managements geführt. 'Wir erleben eine Hinwendung zu den Grundelementen einer werteorientierten Führung. Und damit stellt sich bei der Rekrutierung von Mitarbeitern zunächst die Frage, ob jemand auf Grund seiner Werteorientierung in ein Unternehmen passt', so Wolfgang Rosenkranz von der Team Connex AG aus Böblingen, einer der knapp 50 deutschen Konferenzteilnehmer.
Auch Rita Bailey, Personalmanagerin bei Southwest Airlines, der einzigen Fluggesellschaft, die seit 29 Jahren kontinuierlich Gewinne einfliegt, unterstrich in ihrem Vortrag die Notwendigkeit, die zur Unternehmenskultur passenden Mitarbeiter einzustellen. Bailey verneinte entschieden die Möglichkeit, durch Aus- und Weiterbildung Mitarbeiter in ihren Grundeinstellungen verändern zu können: 'You cannot teach people to be nice!' Grundvoraussetzung für den Unternehmenserfolg sei die Glaubwürdigkeit und Integrität aller Führungskräfte.

e-Learning im Umbruch
Auch wenn e-Learning dieses Jahr nicht das dominierende Thema war, wurde darüber geredet. Tatsächlich nehmen die Aufwendungen für e-Learning weiter zu, doch nach wie vor ist der Anteil mit weniger als neun Prozent im Vergleich zu klassischen Maßnahmen der Personalentwicklung gering - und noch weit von den für 2002 prognostizierten 18 Prozent entfernt. Die Tatsache, dass 70 Prozent aller Teilnehmer an
e-Learning-Kursen diese nicht abschließen - so eine Studie von Forrester Research -, stimmt jedoch in keiner Weise zuversichtlich.
Die Zahlen der Studien unterstreichen indes die Notwendigkeit, eine neue Lernarchitektur und -kultur zu schaffen, die nicht durch isolierte e-Kurse bestimmt wird. Wachsende Bedeutung gewinnen, so Mark Rosenberg von dem Beratungsunternehmen DiamondCluster, die Verknüpfung von e-Learning und Wissensmanagement sowie das Schaffen von Portalen, die dem Lernenden eine aktive Rolle in einem Wissensnetzwerk geben und ihn nicht zum Kurskonsumenten degradieren.

Weiterbildung in der Krise
Der wachsende Stellenwert der betrieblichen Weiterbildung wurde von der ASTD durch steigende Aufwendungen belegt, die im Jahre 2000/2001 bei zwei Prozent der Lohn- und Gehaltssumme lagen. Im Vergleich zu Deutschland (drei Prozent) nach wie vor ein relativ geringer Wert, wobei die führenden Unternehmen in der Weiterbildung im Vergleich zu den amerikanischen Durchschnittsunternehmen etwa doppelt so viel investieren. Zeit- und Kostendruck nehmen allerdings auch in den USA zu: Die Notwendigkeit kurzfristiger und finanziell messbarer Erfolge bestimmen ebenso wie die Reduzierung der Lernzeiten in immer stärkerem Maße die Weiterbildung, so der ASTD-State of the Industry-Bericht 2002. Bleibt abzuwarten, wie sich die Weiterbildung in Zeiten der Krise entwickelt.
Insgesamt bot die Veranstaltung den deutschen Teilnehmern nichts Bahnbrechendes, doch vermittelte sie einige neue Ideen, Impulse und Kontakte sowie teilweise eine Bestätigung eigener Überlegungen. Ob die 56. ASTD-Tagung, die im Mai 2003 in San Diego stattfinden wird, eine neue Aufbruchstimmung bringen wird?
Autor(en): (Prof. Dr. Karlheinz Schwuchow)
Quelle: Training aktuell 07/02, Juli 2002
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