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Im Sommer in Berlin, im Winter im Süden

Digitale Nomaden


Thorsten Kolsch ist selbstständiger Online-Unternehmer und digitaler Nomade. Der Content-Experte betreibt sein Business mobil, sein Arbeitsplatz: ganz Europa. Über sich und andere Selbstständige, die ortsunabhängig leben und arbeiten, hat er einen Dokumentarfilm gedreht. Ein Gespräch über Freuden und Risiken eines modernen Wanderarbeiterlebens.

Herr Kolsch, wo erwische ich Sie denn jetzt gerade am Telefon?

Thorsten Kolsch: Ganz unspektakulär: in Hamburg. Das ist meine Wahlheimat. Ansonsten bin ich überall dort zu finden, wo es mir gerade gefällt.

Sie bezeichnen sich als digitalen Nomaden. Was ist das?


Den digitalen Nomaden gibt es eigentlich nicht. Manche legen den Begriff eng aus und beziehen ihn nur auf Menschen, die weder festen Wohnsitz noch Arbeitsort haben und ständig herumreisen. In einer weiter ge­­fassten Lesart können digitale Nomaden aber auch ortsverbunden sein – nur, dass sie frei sind in der Entscheidung, wann und an welchem Platz sie arbeiten. In dem Film, den ich gedreht habe, zeige ich viele digitale Nomaden, die von September bis März im Ausland – etwa in Thailand, auf Bali, auf Mallorca oder Gran Canaria – und den Sommer über in Berlin, der deutschen Nomadenhauptstadt, sind.

Berlin ist ein Hotspot?

Ja, denn dort gibt es eine sehr lebendige kreative Szene. 2014 hat dort – zum ersten Mal im Mai und zum zweiten Mal im Oktober – eine Veranstaltung eigens für digitale Nomaden stattgefunden: die Digitale Nomaden Konferenz. Da sind erfahrene Nomaden auf Menschen getroffen, die sich für diesen Lifestyle interessieren, und haben sich über Tricks, Tipps und Strategien ausgetauscht. Das Publikum war bunt gemischt: Die Spanne reichte von versierten Reisebloggern bis hin zu frustrierten Nine-to-five-Angestellten, die sich nach mehr Freiheit sehnen.

Kann es sein, dass sich Letztere oft blauäugig in ein Leben als digitaler Nomade stürzen?

Knall auf Fall zu kündigen, ist in der Tat keine gute Idee. Bei mir wie auch den meis­ten Interviewpartnern aus meinem Film hat sich das Leben als digitaler Nomade eher langfristig angebahnt. Man muss sich vorher sehr gut überlegen, welches Ziel man mit seinem Business verfolgt. Am besten ist es, die Selbstständigkeit schon während des Angestelltendaseins vorzubereiten. Und sich nach Möglichkeit ein kleines Polster zuzulegen, das hilft, auch mal eine monatelange Durststrecke zu überstehen. Und – ganz wichtig: Man muss sich ein Netzwerk aufbauen. Davon abgesehen gibt es viele Möglichkeiten, als digitaler Nomade sein Geld zu verdienen – auch für die, die nicht aus dem Online-Business kommen. Das Digitale ist ja nur ein Tool. Es kommt darauf an, sich zu überlegen: Woran habe ich Spaß? Was kann ich?

Sie sind selbstständiger Unternehmer im Bereich Content-Management, haben eine eigene Firma. Wie geht das eigentlich – ohne festen Sitz?


Da ich seit Mitte 2014 keinen festen Wohnsitz mehr habe, nutze ich verschiedene Dienstleister, die beispielsweise meine Telefongespräche annehmen oder meine haptische Post einscannen und mir dann digital zur Verfügung stellen.

Wie sieht das Leben als digitaler Nomade konkret aus?

Ich wohne oft bei Freunden oder in möblierten, temporär angemieteten Wohnungen. Es hat sich auch schon eine Art eigener Wohnungsmarkt von digitalen Nomaden für digitale Nomaden entwickelt: Einige mieten eine Wohnung an und vermieten diese an Gleichgesinnte, während sie selbst unterwegs sind. Allerdings darf man sich das mit dem Unterwegssein nicht falsch vorstellen: Es gibt kaum digitale Nomaden, die heute hier, morgen dort sind.

Wieso nicht?

Wenn man ernsthaft arbeiten will, muss man mindestens ein, zwei Monate an einem Ort sein. Man muss sich schließlich organisieren. Es dauert immer eine Weile, bis man sich an einem Ort zurechtfindet, sich ein Arbeitsumfeld geschaffen, die vorhandene Infrastruktur für sich erschlossen hat. Das fängt schon beim Besorgen einer lokalen Sim-Karte an. Wenn ein digitaler Nomade neu vor Ort ist, fragt er erst mal: Wo ist das nächste Wifi-Café oder der nächste Coworking-Space? So viel übrigens zum Thema Unabhängigkeit. Wenn es eine Abhängigkeit gibt, dann ist das die vom Internet, von der Infrastruktur vor Ort. Ob die geeignet ist zum Arbeiten, muss man vorher genau recherchieren. Sich einfach in den Flieger setzen und irgendwohin reisen, ist nicht drin, wenn man online arbeiten will.

Kann man sich als digitaler Nomade überhaupt eine solide Existenz aufbauen?


Alle digitalen Nomaden, mit denen ich für den Film gesprochen habe, gehen davon aus, dass sie den sicheren Weg gehen. Sie haben mit ihrer Selbstständigkeit und ihrem zumeist skalierbaren Business einen 'unkündbaren' Job. Viele sind Reiseblogger, schreiben E-Books, machen Grafik-Design oder Online-Marketing. Im Zweifel geht es darum, zu akquirieren und Ziele neu zu justieren. Ich habe auch einige kennengelernt, die nicht in die Rentenkasse einzahlen, weil sie der Meinung sind, das was sie herausbekämen, würde im Alter ohnehin nicht reichen. Deren Credo: eigenverantwortlich handeln und sich ein Business aufbauen, das im hohen Alter die Rente sein kann. Ein schönes Zitat von Conni Biesalski, der Macherin von Planetbackpack.de aus dem Film: 'Meine Arbeit macht mir Spaß. Warum sollte ich mit offiziellem Renteneintrittsalter damit aufhören, was mir Spaß macht?' Das sehe ich ähnlich. Entscheidend ist, dass man an seine Fertigkeiten glaubt, sich laufend informiert und weiterbildet und stets seine Zielgruppe kennt. Die meisten Nomaden leben zudem ein eher minimalistisches und nachhaltiges Leben. Das hilft, sich finanziell weitgehend unabhängig zu machen.

Wirklich keine Existenzängste?


Existenzängste sind ein großes Thema in der Szene – weil sie meistens Thema in Interviews sind! Aber, Scherz beiseite: Natürlich haben auch digitale Nomaden Existenzängste. Vermutlich hat es etwas mit dem hiesigen Sicherheitsdenken zu tun. Deutschland möchte Innovationstreiber sein, scheitert jedoch oft an den Existenzängs­ten seiner arbeitenden Bevöl­kerung. Risiken werden hier im Vergleich mit dem Ausland ungern eingegangen. Meine Strategie, mit Existenzängsten umzugehen, ist relativ simpel. Einfach starten, Ziele setzen, netzwerken, justieren, sparsam leben und vor allem: seine Erfolge und sein Leben feiern.

Wenn man seine Arbeit in Gestalt seines Laptops immer und überall dabei hat, hat man dann überhaupt noch etwas von der schönen Umgebung, die man gewählt hat? Wird die Welt so nicht zum endlosen Büro?

Wenn man sich entscheidet, ein Business zu machen, für das man brennt, stellt sich dieses Problem nicht wirklich. Aber natürlich müssen auch digitale Nomaden zwischendurch Dinge tun, die keinen Spaß machen, etwa Administration. Entscheidend ist, sich gut zu organisieren, sein eigener Projektmanager zu sein und sich bewusst Freiheiten zu gönnen. Das kann auch bedeuten, Routinen zu überdenken. Zum Beispiel zu versuchen, früher aufzustehen, wenn alle anderen noch schlafen, um in Ruhe zu arbeiten und dann am frühen Nachmittag Zeit für andere Dinge zu haben. Man braucht zwar auch als digitaler Nomade Routinen, aber man kann sie sich selbst schaffen. Das ist der Vorteil.


Der Film

  • 'Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus' sollte ursprünglich ein fünfminütiger Imagefilm für Thorsten Kolschs Firma sein. Daraus wurde ein 70-minütiger Dokumentarfilm über digitale Nomaden, ihre Motivation, ihre Träume, die Freiheiten ihres (Arbeits-)Lebens, aber auch die Ängste und Widerstände, mit denen sie umgehen müssen.
  • Premiere war am 2. Oktober 2014 im Film­theater in Friedrichshain.
  • Im ersten Halbjahr 2015 wollen Kolsch und sein Regisseur Tim Jonischkat den Film bundesweit in die Kinos bringen.

Autor(en): (Sylvia Jumpertz)


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