Wolf Lotter in Speakers Corner
Wolf Lotter in Speakers Corner

„Socializing im Büro macht nicht kreativ“

In vielen Unternehmen beordert man neuerdings die Mitarbeitenden aus dem Homeoffice wieder zurück ins Büro. Begründung: Es sei der Produktivität, Kreativität und Innovationskraft abträglich, wenn Menschen zu selten im Firmenoffice aufeinanderträfen. Der Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter hält diese Argumentation für vorgeschoben. Mehr noch: Wenn Wissensarbeiterinnen und -arbeiter etwas brauchen, um innovativ und kreativ zu sein, dann ist es, so Lotter, nicht die Präsenz im Büro.

„Zurück ins Büro!“, so erschallt es derzeit aus den Führungsetagen vieler Unternehmen. Angeblich schadet es der Produktivität und Innovationskraft der Firmen, wenn Mitarbeitende einen Großteil ihrer Arbeitszeit im Homeoffice verbringen. Während manche Organisationen neue Präsenzpflichten erlassen, legen es andere darauf an, ihre Mitarbeitenden mit Belohnungen zurück ins Büro zu locken. Was sie alle eint: Sie leben in einer „Truman Show“.

Für alle, die die 1998 von Regisseur Peter Weir in Szene gesetzte Komödie „Die Truman Show“ noch nie gesehen haben, eine kurze Zusammenfassung: Der Held des Werkes ist der Versicherungsangestellte Truman Burbank. Er lebt sein sehr durchschnittliches Leben, ohne zu wissen, dass er seit seiner Geburt – Truman ist 29 Jahre alt – im Mittelpunkt einer Realityshow steht, bei der sein Leben Tag und Nacht live im Fernsehen übertragen wird. Trumans Heimat ist von Wasser umgeben, ein Element, vor dem ihm seit Kindesbeinen Angst eingeflößt wurde, damit er niemals auf die Idee kommt, seinen Wohnort, Seahaven, zu verlassen. Das wäre auch schon deshalb schwierig, weil der von einer riesigen Kuppel überdacht wird, in der alles, was sich darunter befindet, reiner Fake ist: das Klima, Tag und Nacht, Sturm und Regen und Sonne und Mond. Ein paar Tausend versteckte Kameras zeichnen Trumans Leben minutiös auf, rund um die Uhr, 24/7, wie man heute sagen würde. Alles scheint den berühmten Satz Theodor W. Adornos, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, zu widerlegen. Truman fühlt sich pudelwohl; der totale Fake ist seine Realität. Doch dann, nach fast drei Jahrzehnten seines Daseins, bemerkt er an einigen kleinen Dingen, dass irgendetwas nicht stimmt. Das Licht kommt von Scheinwerfern, er hört Dinge, die er nicht hören soll und entwickelt allmählich Zweifel. Sie sind der Erzfeind aller Denkroutinen und aller vermeintlichen Normalität.

„Der Zweifel ist der Weisheit Anfang“, hat der Vater der europäischen Aufklärung, René Descartes, geschrieben. Sind die Zweifel einmal gesät, dann ist die alte Einbildung, der Fake, fällig. Das mag dauern, aber es wird kommen. Genau deshalb sollten sich deutsche Angestellte und Manager die Truman Show ansehen. Am Ende sieht man Truman Burbank, wie er die Kuppel verlässt. Die Zweifel haben ihn zur Realität und zu sich selbst geführt. Dazu sind sie da.

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