Schlauer lernen

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Zu viel Information ist ungesund

Henning Beck erklärt, warum wir so häufig Falschinformationen aufsitzen.

Als ich vor einiger Zeit in die USA flog, überquerte ich den Atlantik. Auf dem ewig langen Flug wurde mir deutlich, wie groß dieser größte aller Ozeane ist. Kein Wunder, wenn er sich über die halbe Weltkugel erstreckt – und er wächst weiter, denn jedes Jahr driften Europa und Amerika um wenige Zentimeter auseinander. Dabei kann ihm schon jetzt größenmäßig keiner das Wasser reichen. Über 350 Millionen Kubikkilometer Wasser reichen selbst für den Golfstrom, die wohl wichtigste Wärmepumpe der Welt. Das größte Weltmeer, der Atlantik, ist immer einen Überflug wert.

Moment, werden Sie sagen, der Atlantik soll der größte Ozean sein? War das nicht der Pazifik? Ganz recht, der pazifische Ozean ist mehr als doppelt so groß wie der atlantische. Dennoch fallen Menschen auf solche Falschinformationen rein, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Dieses Phänomen nennt sich „Illusory Truth Effect“, man könnte es mit „Wahrheitsverdünnung“ übersetzen, denn genau das passiert: Wiederholt man nur oft genug falsche Behauptungen, fangen Menschen irgendwann an zu glauben, dass Vitamin C vor Erkältungen schützt oder dass Chiles Hauptstadt Lima ist (tatsächlich ist es Santiago).

Der Grund dafür liegt in unserem Denken: Unser Gehirn muss permanent die Qualität von Informationen bewerten. Leider ist es zeitlich nicht immer möglich, alles zu hinterfragen und dadurch zu verifizieren. Deswegen behilft sich das Gehirn mit einem Trick: Je öfter wir die gleiche Information verarbeiten, desto effizienter passt sich ein Nervennetzwerk daran an. Während neue Informationen zu Beginn im Gehirn allerdings noch als „fremd“ gekennzeichnet werden, führt ständiges Wiederholen allmählich dazu, dass das Gehirn diese Informationen irgendwann in denselben Hirnarealen verarbeitet wie korrekte Informationen. Es ist dann nicht mehr möglich, eine Falschinformation als solche zu erkennen.

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Während Menschen jahrtausendelang das Problem hatten, überhaupt an Informationen zu kommen, ist das größte Problem unserer Zeit der Informationsüberfluss. Ob in der Werbung, in Meinungskampagnen oder der Propaganda: Überall setzt man auf häufige Wiederholungen, um Menschen an Botschaften glauben zu lassen. Wer sich nicht sicher ist, muss googeln. Dabei bewertet gerade Google die Suchergebnisse quantitativ und nicht nach Qualität: Es werden die Videos angezeigt, die am häufigsten geklickt werden, nicht die mit dem besten Inhalt. Ein Teufelskreis.

Was hilft? Erstens, das Alter. So zeigt sich in Untersuchungen, dass ältere Menschen nicht so leicht von Falschinformationen verführt werden können wie jüngere. Einfach deswegen, weil ältere Menschen schon mehr Erfahrungen angesammelt haben, um neue Informationen bewerten zu können. Zweitens, ein abwechslungsreiches Umfeld. Je vielfältiger die Kontakte zu anderen Menschen, je unterschiedlicher die Reisen, die man unternimmt, je breiter die Interessen und Hobbys, die man pflegt, desto widerstandsfähiger wird man gegen den Informationsoverkill. Drittens, je breiter die Allgemeinbildung, desto unverführbarer werden Menschen. Das heißt nicht, dass man sofort gegen Falschinformationen geschützt ist, wenn man viele Bücher gelesen hat (auch gut gebildete Menschen werden Opfer dieser Missinformationstechnik), doch man minimiert seine Anfälligkeit für Fake News. Viertens, essen Sie viele Nüsse, das hilft beim Denken. Moment, ob Letzteres stimmt? Da muss ich schnell mal googeln.

Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Das neue Lernen heißt Verstehen“. Kontakt: ­ www.henning-beck.com

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