Schlauer lernen

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Greifen Sie sich selbst an!

Henning Beck erklärt, warum es nötig ist, sich selbst in seinen Ansichten anzugreifen, wenn man nicht erfolgsblind werden will.

Im Jahre 2006 hatte Siemens ein Problem. Jahrelang dominierte der Technologiegigant die aufstrebende Telekommunikationssparte. Man erinnert sich: Das Internet kam auf den Markt, ISDN und knarzende Modems bereiteten den Dotcom Boom vor. Siemens verdiente kräftig mit: 2005 betrug der Umsatz der Com-Sparte über 13 Milliarden und der Gewinn mehrere Hundert Millionen Euro. Ein Jahr später war die Com-Sparte pleite und am Ende, wurde verkauft und 53.000 Leute verloren plötzlich ihre Jobs. Was war passiert?

Eine aufstrebende Tech-Firma namens Cisco hatte die bahnbrechende Idee, Telefonie über die Internetarchitektur zu ermöglichen, statt wie Siemens kristallklare Telefonqualität (die ohnehin keiner braucht) über eine eigene Telefonhardware bereitzustellen. Während Cisco zum dominierenden Netzwerkausrüster wurde, kollabierte dieser Geschäftsbereich bei Siemens. Das kann passieren – doch die Ironie dieser Geschichte: Zehn Jahre zuvor hatten drei junge Kerle von Cisco ihre Idee von Internettelefonie dem Siemensvorstand vorgestellt. Doch der schickte sie lachend nach Hause: „Wenn das ginge, hätten wir es ja erfunden!“

Der Athlet auf dem Höhepunkt seiner Kraft ist seinem Fall am nächsten. Der Grund liegt in einem psychologischen Denkverhalten, dass man als „Blocked Practice“ oder „blockweises Denken“ kennt. Wir tendieren dazu, alles schön nacheinander und gruppiert zu erledigen. So lernen wir Vokabeln, so pauken wir für Prüfungen, so arbeiten wir Projekte ab: effizient und mit gebündelten Kräften. So verlernen wir jedoch unsere wichtigste Fähigkeit: über den Tellerrand zu schauen und Perspektiven zu durchmischen. Stattdessen lieben wir es, Gewohnheiten aufzubauen und daran festzuhalten: Never touch a winning system! Das ist im Übrigen genau die Definition von Intelligenz, der Fähigkeit, Probleme immer effizienter zu lösen, Fragestellungen schneller zu beantworten und Regeln zu optimieren. Intelligenz bedeutet nicht, neue Fragen zu stellen, Regeln zu brechen und sich zu hinterfragen.

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Kein Wunder, dass die ersten Kreativitätstests von der NASA entwickelt wurden, weil man feststellte: Intelligente Menschen verschieben gerade nicht die Grenzen der Menschen. Intelligente Menschen optimieren bekannte Regeln und quetschen Prozesse bis zum letzten Tropfen Effizienz aus. Anpassungsfähigkeit erfordert jedoch, dass man sich auch in seinen eigenen Ansichten hinterfragt und dafür anderen Meinungen zuhört. Genau deswegen werden Menschen kreativ, wenn sie sich mit anderen Meinungen konfrontieren.

Sich selbst in seinen Ansichten anzugreifen, ist eine Kunst, die gerade für erfolgreiches Management extrem schwer ist. Werden Sie deswegen nicht erfolgsblind wie Siemens im Jahre 2005. Hinterfragen Sie sich gerade dann, wenn es gut läuft oder Sie keinen Veränderungsdruck spüren. Sich selbst anzugreifen, tut allemal weniger weh, als wenn es der Wettbewerb tut.

Siemens hat sich übrigens von seinem Com-Fehler erholt, doch die Ironie war noch nicht zu Ende: Nokia kaufte Siemens die kaputte Com-Sparte ab, Geld war für den Handygiganten schließlich locker vorhanden. Zwei Jahre später begann allerdings der Abstieg für die Finnen, als Apple sein iPhone vorstellte. Dabei hatte Nokia schon Jahre zuvor ein eigenes Smartphone mit Touchdisplay und sogar eigenem App-Store entwickelt. Nokia hatte das iPhone vor Apple – aber das Management entschied sich dagegen. Wer hinterfragt seine Ansichten schon, wenn er einen Weltmarktanteil von 40 Prozent hat?

Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Das neue Lernen heißt Verstehen“. Kontakt: www.henning-beck.com

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