Schlauer lernen

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Henning Beck erklärt, warum es sowohl in Lernvorgängen als auch bei Problemlösungsverfahren hilfreich ist, stets den Kontext zu wechseln.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Arzt und sollen einen Patienten mit einem bösartigen Gehirntumor behandeln. Leider ist der Tumor ziemlich hartnäckig, und man muss ihn mit einer ordentlichen Mindestdosis bestrahlen, damit er eingeht. Das Problem ist jedoch, dass Sie das umliegende Gewebe gleich mitzerstören, wenn Sie die Strahlendosis über den tumortödlichen Mindestwert erhöhen. Was tun Sie?

Trösten Sie sich, wenn Sie nicht sofort darauf kommen. In der konkreten Studie konnten nur zehn Prozent der Teilnehmenden dieses Gedankenexperiments selbstständig eine funktionierende Lösung entwickeln. Das änderte sich jedoch, als man das Umfeld änderte und plötzlich einen neuen Blickwinkel auf das Problem eröffnete: Stellen Sie sich vor, Sie sind General im Mittelalter und wollen mit Ihren Rittern eine Burg einnehmen. Die Burg ist jedoch von einem Wassergraben umgeben, über den fünf Brücken führen. Wenn Sie alle Ihre Ritter über eine Brücke schicken, stürzt sie ein. Was tun Sie, um die Burg einzunehmen? Logisch, Sie teilen Ihre Truppen auf, und schicken sie über die fünf verschiedenen Brücken, bis sie sich an der Burg treffen und diese einnehmen. So geschult erkennt man plötzlich auch, wie man das Tumorproblem lösen könnte: Statt mit einem einzigen Strahl auf den Tumor loszugehen, schickt man fünf schwächere Strahlen aus unterschiedlichen Richtungen, sodass sie sich im Tumor kreuzen und ihn dort zerstören.

Ein Perspektivwechsel kann wahre Wunder bewirken, wie in solchen Untersuchungen immer wieder herauskommt. Über drei Viertel aller Menschen löst auch auf den ersten Blick knifflige Probleme, wenn sie diese aus einem anderen (fachfremden) Blickwinkel betrachten dürfen. So löst man das auf, was man in der Lernforschung „Context-dependent Memory“ nennt. Ein typischer Effekt unseres Denkens ist es nämlich, dass wir das Umfeld beim Lernen gleich mitberücksichtigen. Wenn wir mit einem Denkschema trainiert werden, tun wir uns später schwer, dieses Denkschema zu brechen und neue Probleme zu lösen. Das gilt sogar für ganz grundlegende Lernvorgänge: Wenn Sie Vokabeln immer in einer lauten Umgebung lernen, werden Sie bei einem Vokabeltest besser abschneiden, wenn dieser in einer lauten Umgebung stattfindet als in einer leisen. Durch diese Denkvereinfachungen beschleunigt unser Gehirn das Lernen, doch wir werden auch leicht zu Fachidioten, weil wir bei mangelndem Kontextwechsel zu engstirnig werden. Deswegen ist es wichtig, schon bei Lernvorgängen, aber auch bei Problemlösungsverfahren, den Kontext permanent zu wechseln.

Wenn man analysiert, was die kreativsten Köpfe in einem Unternehmen ausmacht, kommt nämlich heraus, dass weder Intelligenz, Bildung, das Alter oder der kulturelle Hintergrund die wichtigste Kenngröße ist, sondern das Kommunikationsverhalten: Je abwechslungsreicher man zwischen den Abteilungen kommuniziert, desto besser schneidet man anschließend in innovativem Problemlösen ab. Aus demselben Grund kommen Teams auf bessere Ideen, wenn man ab und zu Leute fragt, die sich nicht mit einem Problem auskennen. Zu viel Expertise schadet nämlich einem Projekterfolg, was in der Psychologie als „Planungs-Fehlschluss“ bekannt ist: Je mehr Fachwissen vorhanden ist, desto falscher werden Projektumfang, -dauer und -kosten eingeschätzt. Das Lernen der Zukunft sollte deswegen nicht darauf ausgerichtet sein, dass man möglichst schnell Fachwissen aufbaut, sondern trainieren, wie man seine Blickrichtungen ändert. Nur so bleibt man anpassungsfähig.

Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Das neue Lernen heißt Verstehen“. Kontakt: ­www.henning-beck.com

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